Harmoniemutti und ihr Fang

18. April 2008, 09:51
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"Der Käfig - La Cage" mit Chris Lohner im Stadttheater Walfischgasse will ein "Psychothriller" sein

Friedrich Nietzsche kredenzte einst: "Jedes Wort ist ein Vorurteil." In stocknüchterner Aneignungspraxis wollen wir heute damit das Wort "Psychothriller" beflügeln: Der Käfig - La Cage wollte nämlich laut Programmheft des Stadttheaters Walfischgasse ein solcher sein.

Als Startguthaben stehen dort immerhin ein Zwinger auf der Bühne und eine ungewöhnlich düstre, französische Verfilmung (1975) als Vorlage bereit. In Jack Jacquines Buch hat die wahnverfolgte Giselle ihren Exehemann und Wirtschaftsboss Norman Sandorn in einen selbstgezimmerten Käfig gelockt. Der Psychothrill: Sie verspricht ihm ewiges Zusammensein und hält als Inspiration ein Walfangbuch bereit. Geldverhandlungen, Wutausbrüche, Liebesbekundungen helfen ihm nicht mehr. Die Verstoßene hat ihren entrückten Lebensmittel-punkt gefunden.

Für Giselle hat Chis Lohner aus ihrem Standardrepertoire geschöpft: Als behäbig militante Harmoniemutti plaudert sie dünnstimmig und manchmal ein wenig pikiert mit ihrem Fang. Hinter den Gitterstäben bemüht Fritz von Friedl einen ziemlich genervten Wirtschaftswaschlappen mit sekundenlangen Wutausbrüchen. Ein genrefremder Eindruck beherrscht die zwei Bühnenstunden: Ist das ein völlig unterbesetztes Königsdrama? Regie: Roman Kollmer. (pet, DER STANDARD - Printausgabe, 18. April 2008)

  • Stadttheater, 1., Walfischgasse 4, (01) 512 42 00, bis 30. 4. 20.00
    • Ein Psychothrill? Chris Lohner als Giselle schweißt am Käfig ihres neuen Lebensmittelpunktes.
      foto: standard/heribert corn

      Ein Psychothrill? Chris Lohner als Giselle schweißt am Käfig ihres neuen Lebensmittelpunktes.

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