Schmusetier auf großer Fahrt

22. April 2008, 17:00
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Mit Petz und Paddington auf dem Piz Bärnina - Zwei Züricher Alpinisten treiben den Plüschtiertourismus auf den Gipfel

Kurz vor dem Ziel rechnet der schwitzende Bergsteiger mit vielem, während er sich bedächtig an der drahtseilgesicherten Steilwand entlangtastet: mit springenden Gämsen, herabpolternden Gipfelstürmern, womöglich gar mit Steinschlag. Nicht aber mit einer Viererseilschaft feixender Plüschtiere, die da plötzlich vor seiner Nase herabbaumeln. Halluzinationen auf dem Berg? Das ungläubige Staunen des Hinaufkraxelnden beendet ein energisches Klick, das von oberhalb des Weges zu kommen scheint - das Bild ist im Kasten.

Für alle Zeiten dokumentiert ist nun auch das Gesicht des entgeisterten Bergsteigers, ein durchaus fotogener Hintergrund für das fidele Plüschquartett. Karen Wagner ist zufrieden. Mit einem amüsierten Lächeln packt sie die fachmännisch ins Seil geknüpften Stofftouristen - drei Teddys und eine Knuddelkuh - wieder in den Rucksack. Natürlich so, dass alle vier genügend Luft bekommen. Zum finalen Gipfelfoto fehlen nun nur noch ein paar Höhenmeter. Jetzt ist Karens Berg- und Lebenspartner Alexander Issler an der Reihe, der die Stofftier-Combo vor dem Alpenpanorama drapiert.

Gag oder Geschäftsidee

Da grinsen die vier Viecherln um die Wette: Bär Bernd, Meister Petz und Winnie the Pooh, die Kette schneebedeckter Viertausender im Rücken - ein gelungener Schnappschuss fürs Reisetagebuch. Wer Alexander Issler beobachtet, gewinnt den Eindruck, dass er nicht zum ersten Mal Stofftiere vor Gipfelkreuzen inszeniert. So ist es auch. "Teddy to the top - Wir bringen Ihren Teddy auf den Gipfel" heißt das Projekt der beiden versierten Bergsteiger. Ob lustiger Gag oder lässige Geschäftsidee: Wer denkt sich alpine Abenteuerreisen für Kuscheltiere aus? "Die Idee hatte Alexander im Herbst 2006 bei einem Bier mit Freunden", erzählt Karen Wagner. "Klar dachte ich zuerst, er macht sich lustig. Ein bisschen musste er mich schon überreden", erinnert sich die zierliche Sportlerin. Obwohl viele Freunde den Plan anfangs für unsinnig erklärten, wurde schnell eine professionelle Homepage auf die Beine gestellt, mit klar formulierten AGBs und den Top-Alpengipfeln im Programm: Watzmann, Matterhorn, Mont Blanc, Piz Palü und Großglockner, sogar das Everest Base Camp und der Island Peak in Nepal sind buchbar.

"Alles Gipfel, die wir kennen", erzählt die studierte Biologin, die heute in der Pharmabranche arbeitet. Zusammen mit ihrem Partner, der von Beruf Ingenieur ist, lebt die Münchnerin heute in Zürich. Das Procedere ist einfach: Gegen ein Entgelt nehmen die beiden Alpinisten, Fachübungsleiter des Deutschen Alpenvereins, das per Post eingesandte Kuscheltier mit auf die Top Five der Alpen. Ganz billig ist die Spaßtour nicht: 349 Euro kostet der Höhenausflug zum Matterhorn, die Erstürmung des Watzmanns gibt es bereits für 239 Euro. Dafür garantiert das Duo originale Fotoaufnahmen des Ursus plüschiensis auf dem Berg, ein komplettes Reisetagebuch mit Bildern sowie eine Foto-CD - und als Draufgabe findet der stolze Plüschtierbesitzer ein Reisesouvenir als Überraschung im Paket.

Maximal 40 Zentimeter

Damit aus dem Plüschteddy unterwegs kein Problembär wird, darf er längstens 40 Zentimeter hoch und breit sein. Mindestens fünf Kandidaten sollten aber schon teilnehmen, damit der Trip nach Nepal zustande kommt. "Die Viecherln sollen ja auch untereinander Spaß haben", erklärt die Reiseleiterin mit beinahe demselben Ernst, mit dem sie sonst den Ansatzwinkel einer Eisschraube erläutert oder Hochgebirgsaspiranten die Grundlagen der strategischen Lawinenkunde nahebringt. Ist der alpine Bärentransport nun eher Bierlaune oder ein reiner Marketing-Gag? Weder noch. "Meinen Esel Benjamin besitze ich, seit ich drei Jahre bin, ich hatte ihn bei einem längeren Aufenthalt in den USA mit, als Schutzmechanismus sozusagen", erklärt Karen Wagner. Sie weiß, was erwachsene Leute dazu bringt, den Seelentröster schlimmer Stunden für Geld in die Sommerfrische zu schicken: "Oft zeigt schon die Kommunikation mit den Besitzern, welch hohen Stellenwert und welche Beziehung sie zu ihren Plüschtieren haben, für sie sind es Dinge mit Seele und Charakter."

Gerne wird auch warme Kleidung mitgeschickt sowie eine Liste der Dinge, die die Kleinen am liebsten essen. Schließlich schuldet man ihm was, dem treuen Talisman und langjährigen Begleiter. Diesem Maskottchen möchte man nun danken, mit einem Trip, den man sich selbst vielleicht nicht zutraut - und einem Traumberg, der oft genug Sinnbild unerreichbarer Wünsche ist.

Nicht verrückt

Da erstaunt es nicht, dass das legendenumrankte Matterhorn zu den gefragtesten Zielen für Kuschelexpeditionen gehört. Angesichts der Höhenmeter und Erfahrung, die es braucht, den steinigen Ikonen aufs Haupt zu steigen, wirkt auch der Preis nicht mehr so happig. Als "spesendeckend für Mensch und Plüschtier" beschreibt Wagner die Summe, und wer schon Bergfahrten dieses Kalibers unternommen hat, weiß, dass da tatsächlich nicht viel verdient ist.

Anbieter von Plüschtierreisen

Noch erstaunlicher ist: Teddy to the Top ist keine Eintagsfliege, seit Mitte 2006 gibt es die "Touristen mit Knopfaugen". Mindestens sechs Anbieter von Plüschtierreisen tummeln sich im deutschen Sprachraum: Da gibt es Kreuzfahrten, Skiferien und Städtetrips nach Berlin, Hamburg und München für den hochgeschätzten Knuddel. Der bekannte Reisebuchverlag Polyglott brachte 2006 sogar einen Städtereiseführer für die textilen Gefährten heraus. Im offensichtlich umkämpften Reisemarkt für Teddys stellt der alpine Aktivsport jedoch eine Nische dar. "Nein, es hat uns noch keiner für verrückt erklärt", versichert das Duo, auf allgemeines Feedback angesprochen. "Unsere Kunden sind bergverbundene Leute, die häufig Kinder haben und dazu über den ernsten Dingen des Lebens stehen." Auch Frauen über 30 sind darunter, die gern basteln und nähen. Und die sich begeistert über die ruhmreiche Rückkehr ihres Lieblings aus unwirtlichen Gletscherregionen äußern, wie Einträge im Gästebuch der Homepage belegen. (Franziska Horn/DER STANDARD/rondo/18/04/2008)

  • Dem Bär ist nichts zu schwer.
    foto: teddytothetop

    Dem Bär ist nichts zu schwer.

  • Oft machen die Kuscheltiere mit Karen Wagner Touren, die ihren Besitzern zu anspruchsvoll sind.
    foto: teddytothetop

    Oft machen die Kuscheltiere mit Karen Wagner Touren, die ihren Besitzern zu anspruchsvoll sind.

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