Die Gurken sind nah, der Staat ist fern

14. Mai 2008, 12:21
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Am Beispiel eines Wasserprojekts in Palästina: Debatte über wirksame Aufbauhilfe

Tulkarem – Wäre da nicht der Zaun neben dem Grundstück von Menwer Lotfi Abu Saa, könnte der großgewachsene Bauer seine Tomaten und Gurken in aller Ruhe anpflanzen. Aber da steht er. Dutzende Warnschilder weisen darauf hin, dass sich in Lebensgefahr begibt, wer darüberklettert. Überall sind Sensoren. Bei jeder Bewegung schlagen sie Alarm, und die israelische Armee rückt an. Was den Bauern aber wirklich aufregt: „Ab fünf Uhr Nachmittag ist mein Feld militärisches Sperrgebiet.“ Gurken und Tomaten scheren die Armee eben wenig. Abu Saas Stückchen Land mit den paar Gewächshäusern darauf liegt unweit der palästinensischen Stadt Tulkarem, im Westjordanland. Der Zaun ist der israelische Sperrwall, der in den Städten zu einer Mauer wird und am Land als eine gut gesicherte Absperrung das Westjordanland von Israel abtrennt. An diesem Nachmittag ist eine Delegation von Journalisten und Entwicklungshelfern zu Menwer Abu Saa gekommen. Es geht diesmal aber nicht um den Sperrwall, sondern um Tomaten und Gurken. Seit einiger Zeit profitiert Abu Saa von einem von der EU finanzierten und dem Hilfswerk Austria durchgeführten Entwicklungsprojekt.

Wasser-Sammlung

Auf dem Grundstück des Bauern steht seit kurzem ein großer Wassertank. Gesammelt wird darin das Regenwasser von den Planen seiner Gewächshäuser. Klingt einfach und funktioniert: Durch die Nutzung des Regenwassers spart der Bauer Geld und verbraucht weniger Grundwasser. Seit 2004 hat das Hilfswerk mit lokalen Partnern in Jordanien und Palästina im Rahmen des Medwa-Projektes zahllose Regenwassernutzungsanlagen, Wassertanks und Bewässerungssysteme gebaut. Dennoch ist das Projekt strittig, vielleicht beispielhaft für die aktuellen Diskussionen über die Zukunft der Entwicklungshilfe. Wie soll die Rolle der NGOs aussehen? Fördern Mikroprojekte, die zwar direkt den Betroffenen helfen, aber kaum den Aufbau von Institutionen unterstützen, nachhaltige Entwicklung?

Behörde ohne Geld

Fadel Ka’wash, Chef der Palästinensischen Wasserbehörde (PWA), ist skeptisch. Im Westjordanland Wasserprojekte durchzuführen sei zwar sehr wichtig. Die 720 Millionen Kubikmeter Grundwasser stehen den Palästinensern hier nämlich nur theoretisch zur Verfügung. Den Großteil des Wassers verbrauchen die wohlhabenderen israelischen Siedler, und so muss Wasser oft teuer importiert werden. Seit Beginn der zweiten Intifada leiden die Bauern zudem darunter, dass sie kaum mehr nach Israel exportieren können. Aber das Problem sei die Ausgestaltung: Die PWA ist unterfinanziert. „Wir haben kaum Geld, um unsere Mitarbeiter zu bezahlen“, sagt Ka’wash. Wer aber dieser Tage durch das Westjordanland fährt, entdeckt überall Tafeln, die einzelne Projekte preisen:_Da erneuert USAID eine Straße, dort helfen die Dänen in der Landwirtschaft. Aber die Einzelprojekte gliedern sich nicht in die Gesamtstrategie der Behörde ein, heißt es aus der PWA: Brunnen zu bauen, sei die Strategie in den 80ern gewesen; moderne Entwicklungshilfe bedeute, staatliche Strukturen mit aufzubauen.

„Wir erreichen mit diesen Projekten die Basis direkt, kommen in hunderte Haushalte hinein“, erwidert dagegen Heidi Burkhart vom Hilfswerk Austria. Und das Hilfswerk führe auch keine Mikroprojekte durch. Tatsächlich ist das Projekt mit 4,5 Millionen Euro von der EU dotiert, eine Million hat die Austrian Development Agency beigesteuert. Das Hilfswerk führe das Projekt mit NGOs und nicht mit staatlichen Stellen durch, weil „Vertreter der Zivilgesellschaft die Zivilgesellschaft besser erreichen“. Entwicklungshilfe in Form reiner Budgethilfe zu vergeben, also nur die Palästinenserverwaltung zu fördern, sei keine Patentlösung, sagt Burkhart. „Da versickert viel Geld, und es dauert oft zu lange, bis die Hilfe unten ankommt.“ „Zu viele Mikroprojekte, das Problem ist uns bekannt“, sagt der Niederländer Gert Soer, der das Medwa-Projekt im EU-Auftrag unterstützt. „Es geht darum, beides zu tun: Im Großen und im Kleinen zu arbeiten.“ Ohne funktionierende staatliche Verwaltung ist die gerechte Verteilung von Wasser gerade dann, wenn die Ressourcen knapp werden, jedenfalls unmöglich. Für Abu Saa, den Bauern am Zaun, sind solche Debatten weit weg. Er hat jetzt einen Wassertank, der ihm die Ernte sichert. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 18.4.2008)

  • Eine der vielen vom Hilfswerk Austria in Nahost errichteten Bewässerungsanlagen.
    foto: andy urban

    Eine der vielen vom Hilfswerk Austria in Nahost errichteten Bewässerungsanlagen.

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