Damen mit Schlag

19. April 2008, 17:00
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Als sich Frauen erstmals Hosen anzogen, eroberten sie damit männliches Terrain - Heute hat sich das Blatt gewendet: Die schönsten Hosenmodelle gibt es nur für Frauen

Kritikerinnen beklagen eine neue Zementierung von Geschlechtergrenzen.

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Als sich am Ende des 19. Jahrhunderts auch Damen auf Räder schwangen, warf das eine gewichtige Frage auf, nämlich die "Costumefrage", wie ein zeitgenössischer Beobachter im Journal Wiener Mode formulierte. Sollte der Rock dem Beinkleid weichen? Amerikanische Radfahrerinnen hielten zur Beantwortung dieser Frage einen eigenen Kongress ab - und plädierten für die neue Mode. Sie bestand zur damaligen Zeit hauptsächlich aus Pumphosen und Hosenröcken.

Mehr als ein Jahrhundert später beschäftigt die Mode neuerlich eine "Costumefrage", und auch sie hat wieder mit weiblichen Beinkleidern zu tun. "Wohin sind all die (normalen) Hosen verschwunden?", fragte Suzy Menkes, die derzeit gewichtigste Modekritikerin, in einem Artikel in der International Herald Tribune. Sie warf damit eine Frage auf, in der noch immer Elemente mitschwingen, die über ein Jahrhundert zuvor die Gemüter der Kombattanten erhitzt hatte.

An keinem Kleidungsstück entzündeten sich Geschlechterfragen mit solcher Vehemenz wie an der Frage, ob es für Damen schicklich sei, Hosen zu tragen. Sie markieren bis heute männliches Territorium, auch wenn die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zu einer Annäherung der Einflussbereiche führten. Den Anfang machte Mitte der 60er-Jahre der Hosenanzug, 1967 stellte Yves Saint Laurent seine Kniebundhose für den Abend vor. Ab da ging es Schlag auf Schlag: Von Bermudas über Gaucho-Hosen, von der Manchester- bis zur Zigarettenhose löste in den 70ern eine Hosenmode die nächste ab - in den meisten Fällen galt sie für Herren genauso wie für Damen.

Hosenverbot für Damen

Gesellschaftlich war das weibliche Beinkleid deswegen aber noch lange nicht akzeptiert: In Luxushotels galt bis in die 70er hinein für Damen Hosenverbot. In konservativen bäuerlichen Gesellschaften tragen Frauen bis heute keine Hosen. Das Aufweichen von Geschlechtergrenzen gilt in diesen Kreisen noch immer als Tabu.

Genau vor diesem Hintergrund ist auch der derzeitige Aufschrei mancher Modekritikerinnen zu verstehen - allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Sie beklagen nicht das Aufweichen von Geschlechtergrenzen, sondern ihre Zementierung. Die Mehrheit der derzeit angebotenen Hosenmodelle zieht nämlich eine strenge Demarkationslinie zwischen der Welt der Frauen und jener der Männer. Während für Männer die immer gleichen Modelle angeboten werden, die einmal etwas tiefer und dann etwas höher sitzen, die schmal oder weit geschnitten sind, gibt sich der Markt für Damenhosen in dieser Saison radikal diversifiziert.

Hosen, die früher auch von Herren getragen wurden, sieht die Mode mittlerweile nur mehr für Frauen vor. Breeches, Jodhpurs, Harem-Hosen oder Dhotis sind in vielen Frauenkollektionen, aber in kaum einer für Männer zu finden. Mode, vermitteln die Designer, ist ein weibliches Terrain. Man betrachte nur die Konjunktur an Breeches. Die eng anliegende Hose mit dem seitlich an den Oberschenkeln extrem weiten, ballonförmigen Schnitt, ist ursprünglich eine Reiterhose, die auch in der Welt des Militärs Karriere machte. Nachdem sie Nicolas Ghesquière, Chefdesigner von Balenciaga, zu einem tragenden Element seiner letzten Herbst/Winterkollektion machte, geistert sie mittlerweile durch mehrere Kollektionen, in der schönsten Ausformung in jener von Hermès (das französische Haus hatte allerdings bereits in der Vergangenheit welche im Angebot).

"Weibisch"

Breeches sind der besonders augenfällige Beleg für eine Entwicklung, in deren Beurteilung man es sich allerdings nicht zu einfach machen sollte. Die breite Auswahl an Hosen ist auch ein Beleg dafür, mit welchem Selbstverständnis ursprünglich männlich konnotierte Kleidungsstücke angeeignet werden. Die heftigen Kämpfe, die in der Vergangenheit darum ausgetragen wurden, sind passé - und die Klagen, dass es kaum mehr "normale" Hosen im Angebot gebe, heillos übertrieben.

Der Vorwurf, den man erheben sollte, ist nicht jener, dass Damenhosen zu modisch geworden sind, sondern dass die Herrenwelt immer noch mit einigen wenigen Grundmodellen ihr Auslangen findet. Alles zu Modische wird von der breiten Öffentlichkeit abgelehnt. Es erscheint "weibisch". Das sind die Urteile, die endlich der Vergangenheit angehören sollten. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/18/04/2008)

  • Kommt die Hose in den Stiefel rein? Viel Erfahrung hatte man in den 70ern mit Damenhosen noch nicht.
    foto: henri-cartier-bresson

    Kommt die Hose in den Stiefel rein? Viel Erfahrung hatte man in den 70ern mit Damenhosen noch nicht.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Oscar de la Renta fragt, wie weit Hosen sein können.

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