Form follows art

18. April 2008, 17:00
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Mit gerümpfter Nase blickten die elitären Kunstkreise noch vor wenigen Jahren auf das Design herab - Mittlerweile rollen ihm internationale Top-Galerien den roten Teppich aus

"Nichts ist so überholt wie der Preis von gestern." Wohl kaum ein Spruch charakterisiert die Situation an den internationalen Kunstmärkten treffender als dieser. Insbesondere in der Abteilung zeitgenössische Kunst müssen die Preislisten inzwischen fast täglich korrigiert werden - mit Sicherheit jedoch nach jeder Auktion eines der großen Häuser Christie's, Sotheby's oder Phillips de Pury. Gleich bleibt dabei eigentlich immer nur die Richtung der Preisentwicklung: Sie zeigt steil nach oben.

Aber nicht nur die Protagonisten der bildenden Kunst bekommen angesichts des monetären Hypes zunehmend feuchte Hände, auch die bislang eher mit kleinem Geld operierenden Designhandelshäuser müssen sich verstärkt an fünf- und sechsstellige Zahlenkolonnen gewöhnen.

Profane Massenveranstaltung

Das war nicht immer so. Es ist noch gar nicht so lange her, da verursachte allein schon die Nennung des Begriffs Design regelrechte Schauerwellen in den auf "Fine Arts" eingestimmten Kreisen. Gewiss, während der einschlägigen Messen in Köln und Mailand durfte - selbstverständlich gegen Bares - der eine oder andere Möbelbauer die eingeführten Namen für die Präsentation seiner neuen Stühlchen nutzen, aber sonst: No chance! Design war und blieb eine profane Massenveranstaltung und hatte an der vordersten Front des Kunsthandels nichts, aber auch gar nichts verloren.

Und heute? Alles vergeben und vergessen! Keine Spur mehr von irgendwelchen Animositäten gegenüber dem praktischen, häufig so leicht zu durchschauenden Handlanger alltäglicher Bedürfnisse. Denn es ist ja beileibe nicht nur das kaufende Publikum, das sich für die artifiziellen Möbelskulpturen eines Marc Newson oder einer Zaha Hadid interessiert, nein, auch die Galerien, die Herzkammern des Kunsthandels wie etwa der New Yorker Larry Gagosian, die Albion Gallery in London oder Thaddaeus Ropac, immerhin die Nummer eins der Alpenrepublik, rollen den Designstars den roten Teppich aus.

Woher resultiert nun diese plötzliche Wertschätzung der lange Zeit so dramatisch unterbezahlten Haushaltshilfen? Was veranlasst internationale Top-Galerien, den Protagonisten der angewandten Kunst sozusagen über Nacht ihre White Cubes zu öffnen?

Ergonomisch definiert

Was das Design betrifft, so muss man nicht lange suchen: Hier ist es vor allem die Befreiung vom Joch eines protestantischen Funktionalismus, der jeden Denkansatz, der sich auch nur im Entferntesten mit atmosphärischen, narrativen oder emotionalen Bedürfnissen auseinandersetzte, in Bausch und Bogen verdammte: Wehe dem, der fühlt! Stehen, Liegen, Sitzen war ausschließlich ergonomisch definiert.

Genau diese lange verfemten Aspekte sind es heutzutage, die die in Kleinserien aufgelegten Stücke auszeichnen: eine Auseinandersetzung mit sehr persönlichen, nicht unbedingt massenrelevanten Charaktermerkmalen, von denen sich nur einige wenige "berührt" fühlen.

Gleichwohl würde man ziemlich danebenliegen, würde man den Boom des sogenannten Autorendesigns allein auf die inhaltliche Neujustierung des Designbegriffs reduzieren, denn auch die Wandlungen innerhalb der zeitgenössischen Kunst haben, ob bewusst oder unbewusst, nicht unerheblich zur Rehabilitierung und, daraus resultierend, zur ökonomischen Wertschätzung der angewandten Kunst beigetragen.

Als ein ganz wesentliches Element, zumindest in struktureller Hinsicht, muss man die Einführung, besser die Wiederentdeckung und nachhaltige Aufwertung der Edition in Form kleiner, meist einstelliger Stückzahlen bezeichnen. Sie markierte nicht nur die Abkehr von dem typischen Merkmal des Kunstwerks schlechthin, nämlich jenem der Einzigartigkeit, vielmehr eröffnete sie auch die Möglichkeit, ganz bestimmte Qualitäten wie "Variante" oder "Serie" künstlerisch legitim neu, das heißt als nummeriertes Auflagenexemplar auszulegen.

"Streng limitierte Auflage"

Geradezu beispielhaft gelang und gelingt das mit der Fotografie, besteht doch das Wesen eines jeden Fotos gerade in seiner multiplen Präsenz. In der diesbezüglichen Editionspraxis manifestiert sich allerdings nicht nur der originäre Charakter der Fotografie, zudem bestätigt der Kunstmarkt damit indirekt auch das Legitimationsszenario einer auf niedrige Stückzahlen ausgelegten Designperformance. Denn auch im Design haben die Protagonisten seit etwa Mitte der 1980er-Jahre damit begonnen, die Gesetzmäßigkeiten ihres Gewerbes auf überschaubare Kleinserien herunterzubeamen. So lässt sich einerseits die Markttauglichkeit ganz generell, sozusagen im "Kleinen", ausloten, zum anderen ermöglicht diese Herstellung "aus eigener Kraft" das Experimentieren ohne Einschränkung, das im besten Fall im Nachgang zur Serienreife weiterentwickelt wird.

Somit markiert die "streng limitierte Auflage" nicht nur ein für beide Seiten ökonomisch interessantes distributives Mittelformat, zudem eröffnet sich für Künstler wie für Designer mit der Edition eine Plattform, auf der man sich nicht nur zufällig trifft, sondern auch ein Forum, das von beiden Disziplinen gleichermaßen virtuos bespielt werden kann.

Und dieses Zusammenspiel funktioniert nicht nur strukturell immer besser; auch sprachlich und thematisch lassen sich zwischen freier und angewandter Kunst zunehmend Annäherungen ausmachen. Man denke nur an die möblierten Einlassungen wie sie von Tobias Rehberger, Jorge Pardo, Andrea Zittel oder den Altmeistern Franz West und Richard Artschwager kultiviert werden.

Deren Arbeiten haben zwar relativ wenig mit Design zu tun; allein die Tatsache jedoch, dass bestimmte künstlerische Aussagen am präzisesten per Möbel formuliert werden, erleichtert es auch den Designern, ihre Kreationen nicht nur utilitär, sondern darüber hinaus auch konventionell oder soziokulturell zu denken. Und exakt darum geht es einem Arad, Newson oder einer Matali Crasset: um die Darstellung eines designrelevanten Kommentars, um eine Auseinandersetzung mit Tradition, Verhaltensweisen oder Kommunikation.

"Prada I"

Aber nicht nur aufgrund solcher Begegnungen im "Grenzbereich" erfährt das Design durch die Kunst eine anhaltende Aufwertung. Es ist ganz generell der Auftritt der zeitgenössischen Kunst, der mehr und mehr von einer vermeintlichen Designästhetik dominiert wird. Und das betrifft nahezu alle Sparten der bildenden Kunst: die Malerei, die Medienkunst, erst recht die Hochglanzformate der Fotografien, und es betrifft natürlich auch die Bildhauerei in allen ihren Ausprägungen. Die Arbeiten von Cattelan, Hirst, Koons oder Eliasson sind nicht zuletzt aufgrund ihrer optischen Qualität, ihres perfekten "Designs" so erfolgreich.

Ein hässlicher Koons? Undenkbar! Ein schlecht gestylter Cattelan? Mamma mia, niemals! Und nicht nur das Finish, die Oberflächen der Werke fügen sich dank des formal-materialen Vokabulars nahtlos in den Glamour unserer luxurierenden Konsumkultur, auch diese Kultur selbst ist längst zu einem der Kulminationspunkte der zeitgenössischen Kunst avanciert.

Beispiel Prada: 1996 überraschte der Düsseldorfer Fotograf Andreas Gursky die Kunstwelt mit seinem Bild "Prada I". Es zeigt nichts als eine dreigeschoßige Auslage eines Prada-Stores mit sorgfältig arrangierten Damenschuhen. Die gleiche Auslage zeigte er ein Jahr später auf seinem Bild "Prada II": diesmal allerdings ohne Schuhe; sprich ein leeres, allerdings sorgfältig ausgeleuchtetes Regal. Wer jedoch glaubt, damit hätte es sich erst einmal "ausgepradat", sah sich am 1. Oktober 2005 eines Besseren belehrt: An diesem Tag eröffneten mitten im Niemandsland von Texas die beiden dänischen Künstler Elmgreen und Dragset ihr "Prada Marfa", einen miniaturisierten Prada-Shop mit allen Insignien des bekannten Auftritts.

Subversion, zumal wenn sie so perfekt designt ist, tut eben richtig gut. Wenn das nicht subversiv, wenn das nicht "prada", wenn das nicht Design ist! (Volker Albus/Der Standard/rondo/18/04/2008)

  • Kunst oder Möbel? Oder beides?
    foto: hersteller

    Kunst oder Möbel? Oder beides?

  • Objekte der französischen Designerin  Matali Crasset, "Nature morte à habiter".
    foto: hersteller

    Objekte der französischen Designerin Matali Crasset, "Nature morte à habiter".

  • Courtesy Galerie Thaddaeus  Ropac.
    foto: hersteller

    Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac.

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