Skandal im Kombipack

24. April 2008, 11:01
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Zwei Paar völlig unterschiedliche Schuhe werden derzeit zu Unrecht unter dem hitverdächtigen Titel "Weinskandal am italienischen Stiefel" vermixt

Sobald am Romantikbild vom Wein als Naturprodukt aus Rebe, Sonne und Erde gekratzt wird, ist das mediale Gegackere groß. Endlich darf man wieder über "Weinpanschereien ungeahnten Ausmaßes" berichten. Über die "Chemiebrühen in Italien" ergehen sich viele Medien nach dem Motto "Wieso eine knackige Geschichte durch Recherche kaputtmachen", bis auch der letzte Wein-Dippler zu wissen glaubt: Italiens Prestigewein "Brunello" besteht aus reiner Salzsäure.

Doch dem ist ganz und gar nicht so. Die italienische Justiz und das Agrarministerium untersuchen derzeit zwei völlig verschieden gelagerte und voneinander unabhängige Vorfälle, deren "Halbzeitergebnisse" pünktlich vor der wichtigen Weinmesse Vinitaly in Verona Anfang April u.a. im Magazin L'Espresso veröffentlicht wurden. Der erste und tatsächlich dramatische Fall betrifft billigste Tafelweine (in einer kolportierten Preisklasse von 0,70 bis zwei Euro Regalpreis), die durch "Kriminelle verfälscht wurden", so die Unione Italiana Vini (Italienischer Verband der Weinkellereien und Güter) in einer Aussendung.

"Verfälschung von Wein"

Bei diesen wurden, so der genaue Wortlaut, "Wasser, Invertzucker und Mineralsäuren (Schwefel- und Salzsäure) - natürliche Nebenprodukte in der Weinbereitung - mit den Ammoniumsalzen vermischt, die üblicherweise als Starter im Gärungsprozess verwendet werden". Bei Nachforschungen wurden "separate Behälter mit Schwefel-, Salz- und Phosphorsäure" gefunden, die nach derzeitigem Wissensstand für andere Zwecke vorgesehen waren und "weder im Most noch im Wein verwendet wurden, der für die Konsumation bestimmt war", wie auch die EU-Kommission für Gesundheit und Konsumentenschutz festhält. Detail am Rande: Phosphorsäure findet man auch in Coca-Cola. Das italienische Gesundheitsministerium hat inzwischen eine Liste von Zwischenhändlern veröffentlicht - nun wird geprüft wohin die Weine exportiert wurden.

Wasser, Zucker und Säuren zur Verlängerung von Wein zuzusetzen, ist "Verfälschung von Wein" und per Gesetz verboten. Unter der Prämisse, dass man fälscht, um ein Produkt billiger zu machen, damit mehr Gewinn erzielt wird, sind viele in den Medien kolportierte technische Details unklar. Weder unter Önologen noch an der Forschungsanstalt Geisenheim in Deutschland kann man sich etwa die vielfach erwähnte Beimischung von Salzsäure erklären. Weinfälschungen auf reiner Chemiebasis sind nämlich viel teurer als der normale Produktionsweg. Zucker im Most darf in Italien nicht zum Anreichern (Erhöhung des Alkoholgrades) verwendet werden, im Gegensatz zu Deutschland oder Österreich, wo dies in einem definierten Maß erlaubt ist.

Weine werden EU-weit in unterschiedlichem Ausmaß kontrolliert. Tafelwein wird, im Gegensatz zu Qualitätswein, wenn überhaupt nur stichprobenartig geprüft, wobei die Frequenz bei Vorfällen dieser Art erhöht wird. Abgefragt werden bei allen Kontrollen Routineparameter, es sei denn, es besteht begründeter Verdacht oder man findet Verunreinigungen, die nur durch nicht zum Wein gehörige Stoffe verursacht werden können. Nur bei Verdacht geht man über die Routine hinaus, da die Kontrollkosten hoch sind.

"Andere Rebsorten"

Im zweiten, völlig anders gelagerten Fall sollen die Bestimmungen des "Consorzio del Vino di Brunello di Montalcino" für die Herstellung des prestigeträchtigen Brunello missachtet worden sein. Demnach darf "Brunello DOCG" (Regalpreise ab etwa 35 Euro, nach oben offen) ausschließlich aus 100 Prozent Sangiovese-Trauben hergestellt werden, die auf dem Gemeindegebiet von Montalcino mit einem bestimmten Hektarhöchstertrag wachsen. Das Consorzio hält in einer Aussendung fest, dass seit dem Jahr 2004 auf 1667 routinemäßig überprüften Hektar Rebflächen von insgesamt 2000 für Brunello DOCG möglichen, 17 Hektar, circa ein Prozent, "anderer Rebsorten" ohne Registrierung gefunden wurden, was im Augenblick vor allem einmal ein verwaltungstechnisches Problem darstellt. Derzeit wird noch untersucht, ob sich alle Produzenten an die Richtlinien gehalten haben. "Absolut keinen Beweis" gebe es für die "sehr schwerwiegende Anschuldigung", dass Brunello 2003 mit Weinen aus Süditalien "gestreckt" wurde. Gesundheitsgefährdend ist der Mix von Rebsorten keinesfalls.

Beide Dinge wurden in zahllosen Medienberichten fröhlich "gepanscht", wodurch Weinkunden tief verunsichert wurden. Ob verfälschte italienische Billigweine nach Österreich kamen, steht noch nicht fest - Qualitätshändler wie Wein & Co, Interspar Weinwelt und auch kleinere Vinotheken stellen dezidiert fest, dass sie Derartiges mit Sicherheit nicht importiert hätten. In einigen Läden wurde Brunello aus den Regalen genommen, bis endgültige Klarheit herrscht. Bei aller Pflicht zur Berichterstattung ist die Kirche in beiden Fällen aber trotzdem im Dorf zu lassen. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/18/04/2008)

  • In Süditalien wurde in krimineller Weise Wein gepanscht - dass damit auch edler Brunello in Zwielicht geriet, scheint derzeit aber nicht gerechtfertigt.
    foto: der standard

    In Süditalien wurde in krimineller Weise Wein gepanscht - dass damit auch edler Brunello in Zwielicht geriet, scheint derzeit aber nicht gerechtfertigt.

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