Heiße Füße in Rangun

Gedanken über verantwortungsvolles Reisen unter einem Militärregime

Im Café "Zawgyi" in Rangun gibt es frischgepressten Limonensaft. Da sitzt im Garten davor ein einzelner Tourist, europäisch seine Züge, grobkariert sein Hemd. Zwei Tische weiter diskutieren zwei Burmesen in Wickelröcken beim Kaffee - obwohl: Vielleicht sind es auch geschäftetreibende Chinesen, denn welcher Europäer weiß schon die asiatischen Züge zu unterscheiden. Das "Zawgyi" ist ein rotgestrichenes Haus mit tief herabgezogenem Dach. Jemand mit Geld zum Investieren muss es erst kürzlich eröffnet haben, es sieht noch neu aus. Neben Kaffee und Crèpes locken Souvenirs - feinst geflochtene Körbe, handgenähte Tischsets und glänzende Lackschalen, mit bis zu 50 Dollar pro Stück kosten sie das Äquivalent eines burmesischen Monatslohns.

Vor diesem Haus kreisen dieselben Busse seit vielleicht dreißig Jahren, und die Leitungen der öffentlichen Fernsprecher - ein Klapptisch mit drei Apparaten drauf - sind händisch zusammengesteckt. Schwarze Wolken stoßen die tuckernden Autos hervor und müssen vom Rost gestützt werden. Shampoo scheint begehrt, rar und teuer. Die Militärmacht wird hier irgendwann ihr Regime lockern, hofft der Besucher, und der Skeptiker in ihm antwortet, dass dann die westliche Konsumwelt die schönsten Plätze besetzt und McDonald's und Starbucks am Fuße der Shwedagon-Pagode eröffnen werden.

"Ts, Ts, Ts, hello Sir!"

Jetzt erfrischt die Limonade den Herrn aus Europa, kühlt seinen bei 39 Grad Hitze klebrigen Gaumen. Am Zaun vor dem Café stehen an diesem Samstagnachmittag zwei Buben, schwer zu schätzen ihr Alter, doch jedenfalls sind sie reif für die Schule. "Ts, Ts, Ts, hello Sir!", ringen sie um die Aufmerksamkeit des im Garten Sitzenden. Der hört sie nicht, es ist zu laut in dieser Straße. Er fährt fort, in seinem Reiseführer zu blättern. Er liest erst jetzt über die Ursprünge der Shwedagon-Pagode. Soeben war er dort gewesen bei dem goldüberzogenen und edelsteinbesetzten Prachtbau, dessen erster Baustein im 15. Jahrhundert gelegt worden sein soll. Die goldene Stupa ist der weithin sichtbare Mittelpunkt der Stadt und religiöses Zentrum des Theravada-Buddhismus, wie er von vielen Gläubigen in Burma gelebt wird.

"Sorry, Sir! Money, Sir!", versuchen es die Kinder am Zaun noch einmal. Der Tourist drückt mit der Linken die Brille auf der Nase nach oben, die Rechte wendet ein Blatt im Buch. "Sir, here!" Doch die Distanz bis zum Tisch des Gastes ist länger als ihr Ruf laut.

Der Mann aus Europa senkt den Blick unter den Tisch. Selbst schuld ist, erinnert er sich, auf die Füße blickend, wer die mächtige Shwedagon-Pagode zu Mittag besucht. Da erhitzt die Sonne die schwarzen Steinfliesen zu brennheißen Quadraten, und man kann sich bloßfüßig nur hüpfend auf die im Mosaik eingelassenen weißen Platten retten. Khin Saw Aung, Führerin Nr. G.3686 der hiesigen Tourismusbehörde, hat schließlich einen kleinen Schirm aufgespannt und sich mit ihrem Kunden unter den größten Banyan-Baum auf dem Platz gestellt. Dort erzählt sie ihm auf Englisch routiniert vom größten Diamanten mit 46 Karat auf der Spitze der Pagode und den goldgefassten Rubinen rundherum.

Dichtes purpurnes Band

Er hat dann wenig später von der Pagode die Stiegen abwärts den Ostausgang genommen, hinunter zur staubigen Straße, auf der Frauen Vögel, Kräuter und Mangos verkaufen und wo Mönche um Almosen betteln, und ist Richtung Kandawgyi-See gegangen. Auf dem Weg dorthin hat sich der Medienkonsument aus Europa vergegenwärtigt, dass die rotgewandeten Mönche sich letzten Herbst hier zu einem dichten purpurnen Band vereint hatten. Sie hatten protestiert, weil sie zu verhungern drohten. Da die Benzinpreise und damit Transportkosten empfindlich erhöht worden waren, hatten die Menschen nichts mehr übrig, was sie den Mönchen geben konnten. Die Antwort des Militärs auf die Proteste war hart und unerbittlich gewesen, ein Aufschrei ging durch die Medien. Danach war es wieder still in Rangun.

Am Eingang zum Kandawgyi-Park unter prachtvollen Baumkronen stoppte ihn ein Mönch. In perfektem Englisch fragte dieser, woher jener komme. Ob ihm die Stadt gefalle. Ja, ja, beteuert der Tourist, es sei wunderbar. Er, der Mönch, sei nämlich auf den Weg nach Mandalay - "You know?" Ob der Herr ihm nicht für die Reise ...? Der Tourist greift also in die Hosentasche, holt ein paar tausend Kyat hervor, was einer Handvoll Dollarmünzen entspricht. Grußlos hat der junge Mönch das Geld eingesteckt und ist davongegangen.

Jetzt bestellt der Tourist im Café noch einen Limonensaft. Den letzten Versuch der staubigen Kinder, "Sir! Money!" rufend ihren Lebensunterhalt zu verdienen, bemerkt er noch immer nicht. Seine Hand schiebt den Reiseführer in die Vordertasche seines Rucksacks. Als der Kellner wieder in den Garten kommt, deutet der Gast mit den Händen eine schreibende Bewegung an. Der Kellner nickt, bringt einen Augenblick später die Rechnung. Der Europäer möchte am Bogyoke-Aung-San-Markt noch etwas vom famosen burmesischen Kunsthandwerk sehen und verlässt das "Zawgyi". Die Kinder haben ihren Posten auch schon geräumt und sind schon wieder unterwegs - auf der Suche nach Geld in den Straßen von Rangun. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD/rondo/18/04/2008)

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