Globales Klimawandeln

18. April 2008, 17:00
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Im Vergleich zum Vor­jahr machten 2007 allein die Europäer fünf Prozent mehr Fern­reisen - Für einige Destinationen wird es höchste Zeit

... sie könnten in 30 Jahren völlig anders aussehen oder gar nicht mehr existieren.

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Europa

Sie müssen keinen Langstreckenflug absolvieren, um eine der spektakulärsten Auswirkungen der Klimaerwärmung hautnah miterleben zu können. Sie passiert direkt vor unserer Haustür. Schnappen Sie Ihre Kamera und sammeln Sie sensationelle Zeitdokumente in den heimischen Alpen! Herbert Formayer ist Meteorologe und Klimaforscher an der Universität für Bodenkultur in Wien: "Menschen, die die Gletscher noch live sehen wollen, sollten sich bald auf den Weg machen", sagt er - und lacht. Galgenhumor. "In etwa 30 Jahren werden die Talgletscher verschwunden sein." Laut der Untersuchung des Alpenvereins sind die Gletscher auch 2007 zurückgegangen. Auf Platz eins der "Schrumpfer" liegt, mit minus 96,5 Metern, der Weißsee Ferner in den Ötztaler Alpen.

Ebenfalls ganz nah ist das nächste Top-Reiseziel der Klimaerwärmung. Laut Formayer ist das Waldviertel drauf und dran, sein Outfit zu ändern. Durch Temperaturanstieg und zunehmende Trockenheit wird es in 30 Jahren Kiefer und Buche anstatt Fichte, Tanne und Lärche tragen. Die Baumgrenze steigt. "Wenn Sie heute eine Almwanderung machen, gehen Sie zuerst durch einen Latschengürtel und erreichen dann den alpinen Rasen. Wenn die Baumgrenze steigt, werden diese Wiesen verschwinden", sagt Formayer. Mit jedem Grad mehr könnte die Baumgrenze um 150 Meter nach oben wandern. An der Alpennordseite rechnet er bis 2030 mit einem Anstieg um 1,8 °C im Winter und 2,6 °C im Sommer. Weil dadurch der Permafrost auftaut, werden auch immer öfter Felsen zerbröseln. Wenn Sie also gerne im Gebirge wandern, sollten Sie besser heute als morgen Ihren Rucksack packen.

Paris, Madrid oder Amsterdam sollten Sie auf Ihrem Reiseplan möglichst unter den ersten Zielen notiert haben. Der Rekordsommer 2003 hat allein in Frankreich rund 14.000 Hitzetote gefordert. Derartige Sommer werden laut Formayer in Zukunft zur Normalität. Das Landesinnere Europas wird während der warmen Jahreszeit einem Backofen gleichen - Sommerfrische heißt also der neue Trend. Und Amsterdam? Hier sorgt das Meer für eine kühle Brise - und für eine mögliche Bedrohung. Der Meeresspiegel könnte steigen - und zwar schneller als angenommen. Zwei bis drei Zentimeter pro Jahrzehnt werden von manchen Wissenschaftern vorhergesagt, wobei die Meinungen in der Wissenschaftscommunity stark divergieren.

Im "Schwarzbuch Klimawandel" von Helga Kromp-Kolb und Herbert Formayer beschäftigen sich die beiden Wissenschafter ausführlich mit dem Phänomen Klimawandel. Hier ist von einem Anstieg des Meerersspiegels um bis zu sechs Meter die Rede. "Einige Jahrhunderte wird das Grönlandeis noch halten", erläutert Formayer seine Meinung über die wenig angenehmen Zukunftsaussichten. Zur Rialtobrücke gelangen Sie dann übrigens nur mehr im Taucheranzug.

Amerika

Eine Flussfahrt auf dem Amazonas könnte schon in ein paar Jahren zu einer sehr trockenen Angelegenheit werden. Sollten Sie die Möglichkeit haben, jetzt nach Südamerika zu fahren, dann nutzen Sie sie! "Alle Modelle zeigen, dass die Niederschläge im Amazonas abnehmen. Der tropische Regenwald könnte sich sehr bald in eine Savanne verwandeln", sagt Formayer. Dann wäre Schluss mit Brüllaffen und Papageien. Und auch mit der grünen Lunge: "Der Amazonas ist ein gigantischer Feuchtigkeitsspeicher. Durch Abholzung wird die Austrocknung weiter vorangetrieben. Energiepflanzen wie Soja oder Sekundärwälder erreichen niemals das Potenzial des Regenwaldes. Weder als Feuchtigkeitsspeicher noch als Verwerter von Treibhausgasen", so Formayer. Stiege die Temperatur nur um ein Grad, würde der Westen Nordamerikas vertrocknen. Die kanadische Tundra würde sich in Wald verwandeln. "Die Savannen breiten sich wesentlich schneller in Richtung Norden aus, als der Wald es kann. Aber in ein paar hundert Jahren wird sich das ausgleichen", sagt Formayer. Die Karibik, Florida und Mexiko würden zu Hexenküchen, in denen alle drei bis vier Jahre Hurrikans der Kategorien vier und fünf wüten könnten, "und dann werden die Versicherungen aussteigen. Das wird ein großes Problem für den Tourismus", so Formayer.

Afrika

Allein die Sahara wächst jährlich um rund 10.000 Quadratkilometer. Das sind gute Nachrichten für Wüstenwanderer, die jedes Jahr kürzere Anreisen in Kauf nehmen müssen. Laut GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) sind weltweit 110 Länder akut von Desertifikation bedroht. Die Ausbreitung der Wüsten wird durch steigende Temperaturen, ausbleibende Niederschläge und die Zerstörung der Vegetation begünstigt, die wiederum durch die vordrängenden Menschen voranschreitet. Konflikte sind vorprogrammiert und Wüstenurlaube in Zukunft möglicherweise nicht mehr möglich.

Der Gletscher auf dem Kilimandscharo, heute Ziel für rund 25.000 Touristen jährlich, könnte in etwa 20 Jahren verschwunden sein, Viktoria- und Tschadsee austrocknen. Dagegen würden Städte in Küstenregionen wie Kapstadt, Lagos, Daressalam oder Kairo bei steigenden Temperaturen durch den Anstieg der Ozeane überflutet. Das Rote Meer, Tauchparadies für tausende Touristen, würde sich in ein totes Meer verwandeln. Höhere Wassertemperaturen und die Anreicherung der Meere mit CO2 würden den empfindlichen Korallen den Garaus machen. "Höher entwickelte Säugetiere wie Löwen werden nicht so große Probleme haben. Sie wandern einfach mit den klimabedingten Verschiebungen mit", sät Formayer ein wenig Hoffnung.

Ozeanien

Was könnte in 30 Jahren von Südseeparadiesen mit Sandstrand, Palmen, türkisblauem Meer und faszinierender Unterwasserwelt übrig sein? Nur die Farbe des Wassers. Aber darin würde kein Leben mehr sein. Die Korallen, Lebensgrundlage für tausende Fischarten, würden auch hier den Temperaturen und der Übersäuerung zum Opfer fallen. Wenn die schützenden Riffe zerbrechen, wären Inselstaaten wie Tuvalu, Kiribati, Vanuatu und Teile von Papua-Neuguinea den Wellen schutzlos ausgeliefert und würden versinken.

Australiens Great Barrier Reef ist schon jetzt vom Korallensterben betroffen. Doch nicht nur an den Küsten kämpft der Kontinent ums Überleben: "Australien gehört zu den Regionen mit der höchsten Wasserknappheit. Diese Problematik wird sich noch verschärfen", so Formayer. Flüsse, und damit auch die Böden, trocknen bereits aus. Der Temperaturanstieg heizt dem Land weiter ein, Buschfeuer werden häufiger. Australien führt vor Augen, was langsam ins Bewusstsein gelangt: Der Klimawandel steht nicht mehr nur bevor, er findet statt.

Asien

"Der asiatische Kontinent wird den Klimawandel am härtesten zu spüren bekommen", ist Formayer sicher. Die Gletscher des Himalaya versorgen mehrere Millionenstädte in Westchina mit Trinkwasser. Aufgrund der Gletscherschmelze könnten es bald nur noch Geisterstädte sein. "Es bilden sich Gletscherseen von gigantischem Ausmaß. In Österreich werden diese Seen klein und ungefährlich sein, im Himalaya werden sie zu katastrophalen Überflutungen führen, die Städte und ganze Regionen zerstören können", erklärt Formayer.

Eines der am meisten betroffenen Länder in Südasien ist seiner Meinung nach Bangladesch. Hier zeige der globale Temperaturanstieg bereits Wirkung. Regelmäßig wüteten Wirbelstürme, der steigende Meeresspiegel versalze das Grundwasser und erschwere den Anbau von Reis und Gemüse. In seinem Buch schildert Formayer die Auswirkungen: Rund 15 Prozent der Landfläche von Bangladesch und etwa 17 Millionen Einwohner des Landes müssten bei einem Anstieg der Meere um nur 1,5 Meter abwandern, um ihre Existenz zu schützen.

Bedenken Sie das alles bei einem gemütlichen Spaziergang durch die heimischen Wälder, denen vor 20 Jahren ein baldiges Ende vorausgesagt wurde - und trösten Sie sich mit dem Gedanken, dass gerade die angekündigten Katastrophen manchmal ausbleiben. (Mirjam Harmtodt/DER STANDARD/rondo/18/04/2008)

Helga Kromp-Kolb / Herbert Formayer: "Schwarzbuch Klimawandel - Wie viel Zeit bleibt uns noch?", ecowin Verlag, Salzburg, ISBN 978-3-902404-14-5, € 19,90.
www.boku.ac.at/imp/met/schwarzbuch.html
  • Dass die Strände unterspült werden und Palmen entwurzelt umfallen, liegt an den zunehmenden Stürmen, die meterhohe Wellen mit sich bringen.
    foto: mirjam harmtodt

    Dass die Strände unterspült werden und Palmen entwurzelt umfallen, liegt an den zunehmenden Stürmen, die meterhohe Wellen mit sich bringen.

  • Tuvalu reicht maximal vier Meter aus dem Wasser. Leicht vorstellbar, dass schon ein geringer Anstieg des Meeresspiegels zum Sinken dieses Inselstaates führen könnte.
    foto: mirjam harmtodt

    Tuvalu reicht maximal vier Meter aus dem Wasser. Leicht vorstellbar, dass schon ein geringer Anstieg des Meeresspiegels zum Sinken dieses Inselstaates führen könnte.

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