Schnitzel, Kopfnuss und Tussibeschwerden

9. April 2008, 19:00
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Entweder hat ein Wirt eine eigenwillige Methode mit Reklamationen umzugehen – oder J.s Freunde quälen wehrloses Gastropersonal aus Jux

Es war am 9. April. Da ist J. mit P., einem Innenstadtwirten und Schauspieler, zusammengestoßen. Wegen eines Schnitzels. In diesem Punkt sind sich J. und P. einig. Aber ansonsten gehen ihre Schilderungen auseinander – obwohl beide gute Beobachter sind. Deshalb will ich hier beide Versionen eines Ereignisses nebeneinander stellen.

J.s Version:

"Ich bin im Gasthaus I. vom Chef (P.) mit einer Kopfnuss bedacht worden. Und drei Köche/Gehilfen die sich hinter ihm aufgebaut haben, haben dann gemeint, es wäre besser sich zu setzen, "...sonst tut´s weh". Auslöser war eine Beanstandung eines Schnitzerls einer Dame an unserem Tisch."

"Nachdem der bekannte Schauspieler im wahrscheinlichen Rausch alle am Tisch wüstest beschimpft hat: "tussi, funzn, wixer, trottln ... etc." und Unwahrheiten behauptet hat, bin ich aufgestanden und wollte gehen. Das hat zur Tätlichkeit geführt. Und einer der Köche hat dann diese Androhung weiterer nachhaltiger Gewalt losgelassen."

"Anscheinend wollte er unbedingt raufen. Ich hab mich nicht provozieren Lassen und bin gegangen. Aber so ganz will ich das jetzt auch nicht drauf beruhen lassen. Irgendwie muss man da ja Angst bekommen... das will ich aber nicht. Wenn es nicht so traurig wär, wärs ja richtig witzig - schwer skurril war die ganze Szene allemal."

Und so sah es der Wirt

"Das war eine Gruppe von jungen Leuten. Die haben unter anderem drei Schnitzel bestellt. Zwei wurden ohne Beanstandung gegessen und die Dame die das dritte hatte, hat als das Schnitzel fast aufgegessen war, behauptet, es sei im Fischfrittierfett gebraten. Das sei ungenießbar und unerhört."

"Meine Kellnerin hat gesagt, dass das zwar nicht stimmt, aber das Schnitzel trotzdem von der Rechnung genommen. Und ich bin dann zu dem Tisch hin. Ich habe gesagt, dass das nicht stimmt, weil es nicht stimmen kann: Bei uns gibt es keine Fische auf der Karte, die so frittiert werden. Und da hat einer von denen auf den Saibling in der Karte gezeigt und gesagt: Falsch!"

"So etwas nehme ich persönlich. Denn der Saibling wird in Butter herausgebraten. Und es gibt sehr sehr viele Leute, die machen sich einen Spaß daraus, in Lokalen Personal zu schikanieren. Meistens Leute, die nicht wissen, wie das ist, wenn man selbst arbeiten muss. Ich nenne solche Beschwerden "Tussibeschwerden" – da geht es nur darum, sich gegenseitig auf Kosten von Kellnern und Köchen aufzuschaukeln. Das hab ich denen auch gesagt: das sind Tussibeschwerden."

"Es ist lauter geworden. Und der, der jetzt sagt, dass er geschlagen worden ist, war vermutlich der Vernünftigste am ganzen Tisch. Der ist am nächsten zu dem Punkt gesessen, wo ich gestanden bin. Und er hat gesagt, dass es am besten wäre, jetzt zu gehen. Dann ist er aufgestanden – und wir sind mit den Köpfen kollidiert. Mehr war da nicht."

"Dass da meine Crew hinter mir gestanden ist, kann schon sein: Es war spät und wenn da schauen die Leute, was da passiert. Aber glauben Sie mir: Ich bin fast 30 Jahre in der Gastronomie, da erkennt man renitente Gäste. Selten aber doch muss man wen vor die Türe setzen – aber das sind immer ganz andere Leute, als diese Gruppe: die waren weder aggressiv noch sonst wie bedrohlich oder auch nur ungut. Aber sogar wenn sie es gewesen wären: Meine Mitarbeiter lasse ich nicht zur Verstärkung aufmarschieren. Das brauche ich nicht."

Und jetzt?

Weil sich die Geschichten – losgelöst von der jeweiligen Empörung – ziemlich decken, fragte ich J. ob das mit der Kopfnuss nicht vielleicht einfach eine blöder Zusammenstoß gewesen sein könnte. J. widersprach: Von "zufällig" könne keine Rede sein: "Der Wirt ist rund um den Tisch gekommen, hat mir den Arm um die Schulter gelegt und seinen Kopf an meinen geschlagen. Ich habe die Arme unten gelassen. Ich kenne solche Situationen: der wartet nur drauf, dass du eine Zucker machst – und dann geht es los." Aber auch P. blieb bei seiner Version: "Eine blöde G´schicht – und wenn die Leute oder ich an dem Tag nur eine Spur besser drauf gewesen wären, kommt es nicht einmal zum Streit."

Ich aber steh jetzt mit zwei Versionen der gleichen Geschichte da. Und glaube, dass beide wahr sind. Auf ihre Art. Vielleicht ist die Wahrheit ja doch keine Tochter der Zeit, sondern eine des Standpunktes. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 17. April 2008)

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