Variationen des Irrsinns

16. April 2008, 19:03
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Mit Radiohole bringt das "donaufestival" die jüngste Avantgarde der New Yorker Performance-Szene nach Österreich

"Anger/Nation (hip deep in shit)" entsteht vor Ort in Krems. Margarete Affenzeller traf das Trio zum Gespräch.


In diesem Theater kommt jeder zu seinem Bier. Und nicht nur das. Das freigiebige, überaus sympathische Trio Radiohole - (eigentlich ein Quartett) aus New York - sorgt bei seinen Performances auch für Film, Visuals, Musik aus unterschiedlichsten Richtungen und Jahrhunderten, für philosophisches Gewicht, politische Statements, fallweise Nacktheit und natürlich "auch ein bisschen Theater". In ihrer jüngsten, derzeit vor Ort in Krems entstehenden, insgesamt neunten Arbeit beschäftigt sich die vom Attribut "Avantgarde" geprügelte Gruppe aus Brooklyn nun obsessiv mit "madness", "insanity" - also Variationen des Irrsinns.

Die Axt schwingen

Anger/Nation (hip deep in shit), so der Titel, setzt u. a. Werke von Experimentalfilmemacher Kenneth Anger, der das donaufestival ebenso höchstpersönlich mit einer Uraufführung und einem von ihm zusammengestellten Musikprogramm beehrt, in Beziehung zur amerikanischen Prohibitionistin und Fanatikerin Carry Nation (1846-1911). Diese hat einst als feurige Gegnerin des Alkohols so manche Kneipe axtschwingend betreten. "Gottes Stimme sagt dir, was du zu tun hast. Diese Ansicht interessiert uns. Denken Sie zum Beispiel an Charles Manson", so Scott Halvorsen Gillette.

Radiohole seien die nächste Wooster Group, heißt es von den Theaterfahndern aus New Yorker, doch die Sache ist komplizierter. Obwohl die beiden Herren Scott Halvorsen Gillette und Eric Dyer (gemeinsam mit Maggie Hofmann und Erin Douglass bilden sie Radiohole) früher bei der Wooster Group gearbeitet haben, bleiben die Ähnlichkeiten zur alten Avantgardetruppe verschwindend.

"Es ist sicher gute Werbung, mit der Wooster Group verglichen zu werden, klar, aber das Problem dabei ist, dass Leute dann auch die Wooster Group erwarten", so Eric Dyer. "Die arbeiten aber mit Stücktexten, und was immer sie mit diesen Texten dann auch machen, am Anfang steht eben doch der Text. Wir aber gehen nicht von Stücken aus, sondern von Themen, und wir schreiben dann die Texte zum Teil selbst." Und der Kollege differenziert weiter, die Praxis betreffend: "Während die Wooster Group einen Haufen Energie dafür verwendet, auf der Bühne Fehler zu vermeiden, machen wir sie!"

Vom enormen Technikapparat, den Radiohole zum nun allerersten Gastspiel nach Österreich mitgebracht hat, konnten sich Zuschauer bereits Anfang des Monats im Wiener brut/Künstlerhaus ein Bild machen. Da waren sie mit ihrer Moby Dick-Version namens Fluke zu sehen.

Und erwartungsgemäß darf man sich auf die Selbstbeschreibungen der Theatermacher auf der Homepage nicht gänzlich verlassen. Hier kulminierten die Hochsee- und Naturgewalt-Ideen von Radiohole, frei nach Herman Melvilles Roman, in einem Gestänge-Urwald, der die unterschiedlichsten Zeichen barg: Schaukelschiffe in echt (auf Rädern), Wasserimpressionen als Live-Projektion, Mikrofonlianen für verbale Nachrichten usw. Ein reiches Kuddelmuddel, das nicht gänzlich zu ordnen ist. Und das ist freilich Absicht.

Zauberrevue mit Punk

"Wir mischen auf eine ganz naive Art alles zu einer Collage. Auch unsere Texte sind Collagen." Ob das nun "surreal" ist, wie vielfach beschrieben wurde, darüber ist sich das Trio nicht einig. Überhaupt sind Einordnungen dieser Art unbeliebt. "Ich glaube nicht, dass wir Teil einer Bewegung sind", so Halvorsen Gillette. "Was uns am besten beschreibt, ist unsere Ignoranz gegenüber jedem Kontext." Und die Freizügigkeit in ihrer Darstellungsform, die Burleske mit Lowtech, Zauberrevue mit Punk verbindet, spricht deutlich dafür.

Eric Dyer: "Natürlich haben wir gewisse Praktiken von Leuten wie Richard Foreman übernommen, das ist eine ganz natürliche Sache." Aber welche Welle der New Yorker Avantgarde Radiohole nun reiten, ist ihnen schnurzegal (die New Yorker Presse meint: die dritte). Halvorsen Gillette scherzhaft: "Wir verkörpern hiermit die amerikanische Ignoranz gegenüber der Geschichte."

Seit Ende der 90er-Jahre sind Radiohole in einem mit der Gruppe Collapsable Giraffe geteilten Garagentheater aktiv. Logischer Name: Collapsable Hole. Die ersten Performances, deutlich punkig - also von jener Sorte, die einen ordentlichen Saustall hinterlässt -, blieben noch unterbewertet.

Melancholie und Freibier

Mit Wurst, auch im Original deutsch betitelt, setzten sie 2003 erstmals nach Europa ans Kaaitheater in Brüssel über. Hier wurde nichts weniger als das Nibelungenlied (im Speziellen die Siegfried-Sage) dekonstruiert, u. a. unter Zuhilfenahme von Fritz Langs Film. Die nordische Mythologie, so weiter im Text, sei vermutlich das Geheimpapier der Scientologen.

In Radiohole Is Still My Name kam das Genre Spaghettiwestern unter die Räder. Mit den Worten von Radiohole schöner ausgedrückt: "Wir setzen einen Prozess des Fragmentierens in Gang."

Dass die im Gespräch durchwegs nachdenklich-melancholischen Künstler auch Sinn für Selbstironie haben, zeigt sich in ihrer lohnenswert zu lesenden Online-Autobiografie. Nur so viel: "Originally, Radiohole was taken as food and not as theater." Und da schließt sich der Kreis. Denn wie bei jeder Show darf auch in Krems beim Eingang auf nahrhaftes Freibier gehofft werden.

Radiohole ist definitiv die Performanceentdeckung des heurigen Festivals. Aber nicht zu vergessen bleiben die Briten von Reactor, Body-Artist Ron Athey, Brachialist Jean Louis Costes oder - mittlerweile bestens bekannt - Gob Squad, die für Super Night Shot wieder einmal ihre Hasenlarven aufsetzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.4.2008)

Radiohole: Anger/Nation (hip deep in shit): 30. 4. - 2. 5. Stadtsaal. 19.00
  • Anarchischer Punk, psychedelischer Barock und 
"occasional nudity": Die New Yorker Performer 
Radiohole sind zum ersten Mal 
zu Gast in Österreich.
    foto: radiohole

    Anarchischer Punk, psychedelischer Barock und "occasional nudity": Die New Yorker Performer Radiohole sind zum ersten Mal zu Gast in Österreich.

  • Maggie Hofmann, Eric Dyer und Scott Halvorsen Gillette (re.) sind Radiohole.
    foto: urban

    Maggie Hofmann, Eric Dyer und Scott Halvorsen Gillette (re.) sind Radiohole.

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