Woher die Grippe kommt

28. April 2008, 14:18
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Zwei neue Studien über die Ausbreitung des Influenza-Virus kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen

Ein Forscherteam behauptet, dass die Grippe von Asien aus um die Welt geht. Das andere hat die Tropen im Verdacht.

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Washington/London - Drei bis fünf Millionen ernsthaft erkrankte Menschen weltweit und 250.000 bis 500.000 Tote. Das sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO die jährlichen Opferzahlen der Grippe-Epidemien, die fünf bis 15 Prozent der Weltbevölkerung jedes Jahr aufs Neue in Mitleidenschaft ziehen. Immerhin 300 Millionen Menschen schützen sich durch Impfungen dagegen.

Doch woher kommen die Influenza-Viren? Und nach welchen Mustern verbreiten sie sich? Das Einzige, was man weiß, ist, dass sich die Grippe in Regionen mit gemäßigten Temperaturen in den Wintermonaten ausbreitet, während sie in den Tropen meist mit der Regenzeit virulent werden. Die Gründe dafür sind aber ebenso umstritten wie die Frage der Ausbreitung, für die es im Wesentlichen die drei folgenden Hypothesen gibt: Die Viren könnten mit den Jahreszeiten vom Süden in den Norden gelangen. Sie könnten aus den Tropen stammen und sich von dort aus auf die Reise machen - oder ihren Ursprung in Südostasien haben.

Grippale Parallelaktion

Zwei neue Studien, die eben in einer Parallelaktion von den bei- den führenden Wissenschaftsjournalen "Science" und "Nature" vorgestellt werden, kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Im US-Magazin "Science", das den Erscheinungstermin seines (online-)Artikels um einen Tag vorzog, kommt ein internationales Forscherteam zum Schluss, dass die jährlichen Grippe-Epidemien ihren Ursprung in Asien haben. Von dort breiten sie sich dann Richtung Australien und Neuseeland aus, bevor sie nach sechs bis neun Monaten Europa und Nordamerika erreichen. Zuletzt gelangen die Viren nach Südamerika, wo sie schließlich verschwinden.

Die Forscher hatten dafür insgesamt 13.000 Influenza-Viren untersucht, die sich zwischen 2002 und 2007 auf der Welt verbreitet hatten. Die Viren gehörten alle zum Subtyp H3N2, der für die letzten globalen Epidemien verantwortlich war. Sie analysierten den Aufbau des sogenannten Hämagglutinins und stellten so fest, wie es sich veränderte und wo das passierte. Auf diese Weise konnten sie nachweisen, dass neue Virusvarianten immer in Ost- und Südostasien entstehen.

Weite man die Beobachtung der Viren im asiatischen Raum aus, könnten neue Varianten schon frühzeitig entdeckt und die Impfstoffe angepasst werden. So ließe sich die Zahl der jährlich Krankheits- und Todesfälle senken. Grippe-Epidemien sind jährlich für etwa 500.000 Todesfälle verantwortlich, zwischen drei und fünf Millionen Menschen erkranken jedes Jahr.

Oder doch aus den Tropen?

Mit ihrer Untersuchung widersprechen die Wissenschafter einer im britischen Journal "Nature" online und zeitgleich vorgestellten Studie. Dafür hatte ein ebenfalls internationales Forscherteam 1302 komplette virale Genome von kühleren Regionen beider Hemisphären analysiert. Ihr Modell geht von einem konstanten Reservoir an Grippeviren in den Tropen aus, von wo aus sich die Grippe regelmäßig in kühlere Gegenden der Welt ausbreitet. Es darf also munter weitergeforscht werden! (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 4. 2008)

  • Stammt die Grippe aus dem Reich der Mitte? Laut einer "Science"-Studie wandert das Virus dann so weiter.
    illustration: nasa/univ.of cambridge

    Stammt die Grippe aus dem Reich der Mitte? Laut einer "Science"-Studie wandert das Virus dann so weiter.

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