"Zwischendurch gut": Christiane Rösinger

20. April 2008, 16:55
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Die Berliner Musikerin ("Lassie Singers") stellt in Wien ihren ersten Roman "Das schöne Leben" vor

Wien – Vom "Spargelacker" in der deutschen Provinz ging sie Ende der 1970er-Jahre nach Westberlin, um dort die Welt bis 1998 mit den wunderbaren Liedern ihrer ersten Band Lassie Singers zu retten. Christiane Rösinger, heute 47 und den äußeren Umständen entsprechend leidlich gut drauf, firmiert als einstige zentrale Protagonistin einer heiter-feministischen Musik- und Slackerszene sowie als Schöpferin unsterblicher Deutschpop-Klassiker wie "Mein Freund hat mir mir Schluss gemacht" und "Warum nette Mädchen niemals glücklich werden können" oder "Die Pärchenlüge" als mit dieser Band zentrale – und lebensfroher als sonst im Berlin ihrer Generation agierende – Botschafterin einer längst untergegangenen "Alternativkultur" einer notorisch überschätzten europäischen Metropole.

Nachdem sich die Lassie Singers Ende der 90er-Jahre aufgelöst hatten, gründete Rösinger ein eigenes Plattenlabel namens Flittchen Records, betrieb in der Szene von Kreuzberg schwer angesagte Hinterhof-Bars – und machte sich von dort weg gemeinsam mit ihrer neuen Combo Britta und zuletzt wehmütig-sarkastischen Alben wie "Das schöne Leben" auf den langen Marsch Richtung Altersprekariat. Dass ihr nun vorliegender Lebensroman den selben Titel wie ihr letztes Album trägt, ist deshalb womöglich auch und gerade knapper werdenden ökonomischen Ressourcen geschuldet.

Immerhin finden sich in dem schmalen wie pointierten Taschenbuch "Das schöne Leben" (Verlag S. Fischer) mit Kapiteln wie "Leben in der Bar – Ausgehen um die Jahrhundertwende" oder "Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht?" treffliche, einer teilnehmenden Beobachtung gewidmete Abschnitte aus dem Leben einer zwar illusionslosen, aber heiter gestimmten Protagonistin. Zwischen neuer Armut und alter Unvernunft. Und Rösinger, die mit von etwaiger Melancholie unverstellter Kreuzberger Schnauze unsentimental ihr oft zum Weinen schönes Dasein als konsequent erfolglose, am Nachtleben, an Freizeitchemie und hedonistischem Durchwursteln nach wie vor brennend interessierte und morgens regelmäßig gegen den Brand kämpfende Überlebende des niemals langweilig werdenden Kampfes gegen den Schlaf schildert, sie läuft in Abschnitten wie "Drogenforschung II: Die Champagnervergiftung" oder "Die vier Jahreszeiten von Berlin" tatsächlich zur galligen Hochform auf.

Zitat: "Es ist nicht leicht in Berlin, und das Leben hier fordert den ganzen Menschen. Das Jahr geht vom Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit, von der Frühjahrsmüdigkeit ins Sommerloch, vom Sommerloch in die Herbstdepression und dann direkt in den Winterschlaf über – und zwischendurch gibt's Momente, die sind gut."

Damit die Lesung am Donnerstag nicht allzu langweilig wird (Stichwort: Lesen können wir selbst!), hat sich Rösinger zu dieser Livepräsentation einen jungen, (noch) hoffnungsfrohen Wiener Freund und Jungmusiker geladen, den von "Ja, Panik" bekannten Sänger und Gitarristen Andreas Spechtl. Det Bubi wird seinen Weg zwischen Geld und Gefühl erst noch finden müssen, wa?! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.4.2008)

Lesung, Do., 17. 4., WUK, 1090 Wien, Währinger Straße 59, 20.00
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Lo-Fi-Boheme-Queen Christiane Rösinger in Wien.
    foto: wuk

    Lo-Fi-Boheme-Queen Christiane Rösinger in Wien.

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