Antwerpen, Stadt der Gegensätze

28. April 2008, 17:00
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Rubens, Bier und Schokolade sind nicht die einzigen Attraktionen, die die "heimliche Hauptstadt Flanders" zu bieten hat

Antwerpen, 11.20 Uhr, am Kopfbahnhof. Knirschend und knarrend fährt der Zug aus Brüssel auf der obersten Ebene des imposanten Gebäudes ein. Fast wünscht man sich, die alten Garnituren würden noch Dampf spucken. Es würde besser zum Ambiente des alten Backsteingebäudes passen, dessen überdimensionale Kuppel dem Pantheon in Rom nachempfunden ist. Spoorwegkathedraal (= Eisenbahnkathedrale) nennen die Antwerpener ihren Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert, und dementsprechend andächtig bestaunen Touristen die Empfangshalle.

Ankommen mit "Le Royal Café"

Französische Chansons tönen aus "Le Royal Café" und mischen sich mit dem Knarren der Züge. Beinahe vergisst man, dass Antwerpen die "heimlichen Hauptstadt" des niederländischsprachigen Flanderns ist. Erst vor wenigen Wochen konnte die längste Staatskrise in der Geschichte des Königreichs Belgien beigelegt werden. Ganze neun Monate nach der Wahl im Juni 2007 wurde Ende März der Christdemokrat Yves Leterme durch König Albert II. zum belgischen Regierungschef vereidigt. Rivalitäten zwischen dem niederländisch sprechenden Norden und dem französisch sprechenden Süden Belgiens hatten bis dahin eine Einigung ein ums andere Mal verzögert.

Spaltungstendenzen "vollkommen hochgespielt"

Wie den Abspaltungsgerüchten, die während dieser Krise die Runde machten zum Trotz wartet ein wallonisches Studentenpärchen aus Namur einträchtig mit zwei jungen Antwerpenern auf den Zug nach Brügge. Man spricht französisch untereinander und trinkt Antwerpener Bier. In Flandern muss man das auch schon mal zu Mittag vertragen, werden zwei neugierige Rucksacktouristinnen beauskunftet. Die vier wollen den spektakulären Start der Flandern-Radrundfahrt ("De Ronde van Vlaanderen") sehen, dem populärsten Eintagesrennen des fahrradbegeisterten Belgiens und eines des "Monumente des Radsports". Sonntagsprogramm unter Freunden. Von Spannungen zwischen der französischsprachigen und den niederländisch sprechenden Belgiern wollen sie nichts wissen. "Das wird vollkommen hochgespielt." Sie werden Antwerpen um 11.48 Uhr Richtung Brügge verlassen, nicht ohne den Rucksacktouristinnen noch einen Insidertipp mit auf den Weg zu geben: "Wenn ihr abends was erleben wollt, geht ins Südviertel."

Barock bis zeitgenössisch

Vor den beiden Touristinnen liegt der Besuch in einer Stadt der Gegensätze. Antwerpen, die Hafenstadt an der Schelde mit den vielen Gesichtern, präsentiert sich Touristen auf den ersten Blick als barocke Metropole, über der der Name Peter Paul Rubens wie eine Verheißung schwebt. "Mein Talent ist so geartet, dass keine Unternehmung, sei sie auch noch so groß und mannigfaltig im Gegenstand, mein Selbstvertrauen jemals überstieg.", schreibt Rubens 1621 in einem Brief an einen englischen Diplomaten. In der gotischen "Onze Lieve Vrouwe-Kerk" oder im opulenten Rubenshaus, dem Wohn- und Atelierhaus Rubens´, kann man sich von der Außergewöhnlichkeit des Malers und Architekten ein Bild machen.

Bier, Diamanten, Schokolade

Aber nicht nur Rubens und sein barocker Palazzo geben Zeugnis von der durchaus glorreichen Vergangenheit der flämischen Stadt. Antwerpen kann auf eine lange Geschichte als blühende Handelsstadt und Zentrum des Diamantenhandels verweisen. Mehr als tausend Handelshäuser exportierten schon im 16. Jahrhundert von hier aus Bier, Tapisserien, Leinen, Geschirr, Diamanten und kostbare Gold- und Silberwaren.

Glanzvolles Diamantenviertel

Diamantenhandel ist auch heute noch ein zentraler wirtschaftlicher – und touristischer - Faktor in Antwerpen. 1500 Diamantenfirmen sind einem nur 1000 Quadratmeter großen Viertel rund um den Bahnhof ansässig. Das leicht heruntergekommene Viertel selbst hat allerdings nichts "Glanzvolles" an sich. Deswegen lassen sich Touristen am besten im Diamantenmuseum die Welt der glitzernden Steine näher bringen. In dem interaktiv gestalteten Museum kann man gern und gut einen halben Tag mit den teuren Stücken verbringen.

"Chateâu blanc" in antiken Gemäuern

Genauso wenig wie an den Diamanten kommen Touristen in Antwerpen an der belgischen Schokolade vorbei. Ketten wie Neuhaus oder Leonidas wechseln sich ab mit kleinen, individuellen Schokoladeläden a la "Chocolat", in denen die Ladenglocken kleine Schokoparadiese einläuten. Tina und Zeril besitzen einen dieser Läden an der Rückseite der "Onze Lieve Vrouwe-Kerk". Mit weißen Handschuhen werden hier andächtig allerart Schokokunstwerke in transparente Säckchen gepackt. Kundschaft haben die beiden reichlich im kleinen "Chateâu blanc" in antiken Gemäuern. Um gegen Ketten wie Leonidas und Co bestehen zu können, stehen die beiden allerdings sieben Tage in der Woche hinter dem Ladentisch.

Das andere Antwerpen

Zum Ausspannen meiden sie allerdings das historischen Stadtzentrum. Und auch Besuchern, die genug von Geschichte und Tradition haben, sei das Viertel 't Zuid, das Viertel rund um das Museum für Zeitgenössische Kunst (Museum Van Hedendaagse Kunst) ans Herz gelegt. Hier pulsiert das moderne Antwerpen. Direkt an den Ufern der Schelde treffen sich KünstlerInnen, StudentInnen, Proponenten der aufstrebenden Antwerpener Modeszene, Aufgeschlossene, Insider und andere Freigeister. Die Gegend boomt, nachdem sie durch zahlreiche Sanierungsprojekte aufgewertet wurde. Touristen finden hier schicke Bars und Clubs genauso, wie gemütliche Lokale oder Bistros, in denen man gut und preiswert essen kann.

Auch das alte Hafenviertel 't Eilandje ist dabei, seinen alten Mief abzustreifen. Baustelle für Baustelle entwickelt es sich zum Inviertel für zahlungskräftigere Antwerpener. Aus den ehemaligen Wohnungen der Hafenarbeiter entstehen unter neue Luxusappartments und Restaurants für eine gehobene Schicht.

Sommer in Antwerpen

So richtig zum Leben erwacht Antwerpen in den Monaten Juli und August. Der "Antwerpener Sommer" verwandelt die Ufer der Schelde in eine stadtumspannende Open Air-Szenerie. Auf Docks, in Hangars, in Theatern und in den Straßen breitet sich die internationale Zirkusszene aus, finden unzählige Musik- und Kunstevents, Filmvorführungen und Installationen auf hohem Niveau statt. Eingeleitet wird der Antwerpener Sommer von Europas größter Outdoorparty für Schwule am und auf dem Wasser. Die "Navigaytion" findet Ende Juni statt und wird von jährlich über 10.000 Menschen besucht. Für Fans der Worldmusic sei noch das Sfinks Festival Ende Juli erwähnt.

Die Rucksacktouristinnen im "Le Grand Café" am Bahnhof wissen davon noch nichts. Sie bestellen sich erst mal einen Café Latte. Noch ist es kalt draußen und der Antwerpener Nieselregen hat die Stadt in der Hand. Erste Sonnenstrahlen kämpfen sich langsam durch die Glasüberdachung des Kopfbahnhofes und machen Lust darauf, die Stadt zu erkunden. (mhe, derStandard.at/16.4.2008)

  • Empfangshalle.
    foto: flanderntourismus

    Empfangshalle.

  • Ankommen und abreisen. Erste Station in Antwerpen ist für viele die Spoorwegkathedraal.
    foto: derstandard.at/honsig

    Ankommen und abreisen. Erste Station in Antwerpen ist für viele die Spoorwegkathedraal.

  • Im Rubenshaus.
    foto: derstandard.at/honsig

    Im Rubenshaus.

  • Rubens auf Schritt un Tritt. In "Onze Lieve Vrouwe-Kerk" befindet sich zwei der bekanntesten sakralen Werke von Rubens: Die "Kreuzaufrichtung" (Bild) und die "Abnahme vom Kreuz".
    foto: derstandard.at/honsig

    Rubens auf Schritt un Tritt. In "Onze Lieve Vrouwe-Kerk" befindet sich zwei der bekanntesten sakralen Werke von Rubens: Die "Kreuzaufrichtung" (Bild) und die "Abnahme vom Kreuz".

  • Das "Château blanc". Schokolade gehört zu Belgien. Die Besitzer Tina und Zeril haben erst vor kurzem das kleine Schokoladegeschäft übernommen.
    foto: derstandard.at/honsig

    Das "Château blanc". Schokolade gehört zu Belgien. Die Besitzer Tina und Zeril haben erst vor kurzem das kleine Schokoladegeschäft übernommen.

  • Modemetropole.
    foto: derstandard.at/honsig

    Modemetropole.

  • Mit Musik- und Theaterfestivals, Jahrmärkten und anderen Großevents kann man sich in Antwerpen den Sommer vertreiben.
    foto: flanderntourismus

    Mit Musik- und Theaterfestivals, Jahrmärkten und anderen Großevents kann man sich in Antwerpen den Sommer vertreiben.

  • An den Ufern der Schelde wächst Antwerpen. Wohnen am Wasser hat allerdings seinen Preis.
    foto: flanderntourismus

    An den Ufern der Schelde wächst Antwerpen. Wohnen am Wasser hat allerdings seinen Preis.

  • "De Ronde van Vlaanderen"
    foto: derstandard.at/honsig

    "De Ronde van Vlaanderen"

  • Antwerpener Bier im "bolleke".
    foto: derstandard.at/honsig

    Antwerpener Bier im "bolleke".

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