Profis unter sich: Besuch am Großgrünmarkt

20. April 2008, 19:35
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Auf einer Fläche, dreiviertel so groß wie Vatikanstadt, werden im Morgengrauen Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse und Blumen gehandelt

Wenn am Himmel ein erster Streifen blau das Schwarz der Nacht verdrängt, haben hier manche bereits die Hälfte ihres Arbeitstages hinter sich. Draußen, auf dem Parkplatz, wo Lkw und Sattelschlepper mit niederländischen, türkischen, deutschen und spanischen Kennzeichen stehen – die Windschutzscheiben der Fahrerhäuser mit Vorhängen abgeschirmt - glitzert das Flutlicht auf dem nassen Asphalt. Drinnen, in der rund ein Hektar großen Halle sind einige der Kübel und Regale, die zuvor noch mit Primeln, Rosen und Gerbera gefüllt waren, leer.

Die Kundschaften verladen die papierumwickelten Sträuße in Lieferwagen. "Das Aufstehen fällt immer schwer", sagt Robert Poppenberger. An fünf Tagen der Woche muss der 32-Jährige um drei Uhr morgens aus dem Bett. Um vier Uhr beginnt er, die Blumen in seinen Verkaufsstand zu sortieren. Dann heißt es warten, bis eine halbe Stunde später der Schranken vor dem Großmarkt Inzersdorf öffnet und die Einkäufer aus Großhandel, Gastronomie, Einzelhandel und Lebensmittelketten kommen.

Private unerwünscht

Seit zwei Jahren arbeitet der Mödlinger hier im 23. Wiener Gemeindebezirk. Den Verkaufsstand hat er von seinem Großvater übernommen. Die Poppenbergers betreiben den Blumenhandel in der siebten Generation, den Stand am Großmarkt seit dessen Eröffnung im Jahr 1972. Die Verkäufer der rund 160 Betriebe kennen sich untereinander, trinken mit Standnachbarn Kaffee und plaudern. Auch die Käufer bestehen hauptsächlich aus Stammkundschaft. "Im Optimalfall geben die Kunden Bestellungen auf", sagt Poppenberger. "Private Einkäufer sind hier nicht gerne gesehen."

Sie werden erst ab sieben Uhr in die Halle gelassen, damit sie den Gewerbetreibenden nicht die besten Stücke wegkaufen. Wer nicht zum engen Kreis der bekannten Gesichter gehört, wird zwar höflich gegrüßt, Antworten auf Fragen bekommt man jedoch nicht. Höchstens ein abwinkendes Handzeichen. Auch in der Kantine der Blumenhalle fallen Fremde sofort auf: Die beiden Männer, die zuvor flachsend bei der Kellnerin ein Bier zum Frühstück bestellt haben, sprechen plötzlich mit gedämpften Stimmen.

Wie ein Flughafen

150 Millionen Schnittblumen und Topfpflanzen werden hier jährlich verkauft. Das macht die Hälfte des österreichischen Gesamtumschlags aus. Auch auf dem Großgrünmarkt, draußen vor der Blumenhalle, öffnen die Verkäufer vor dem Morgengrauen die Rollläden ihrer Verkaufsstände, stapeln Obst und Gemüse steigenweise vor ihren gemauerten Häuschen, die stark an Garagen erinnern. 200.000 Tonnen Früchte verkaufen sie im Jahr, 70 Prozent des landesweiten Gesamtumschlags. Die Verkäufer, die hier Gabelstapler beladen, sind vorwiegend türkischer Herkunft.

Gehandelt wird auf diesem Markt im großen Stil: Wer auf dem rund 30 Hektar großen Areal das Flair eines orientalischen Marktes erwartet, wird enttäuscht. Der Inzersdorfer Großmarkt, der inmitten eines Industriegebiets im Süden Wiens liegt, gleicht eher einem Flughafen, denn einem Markt. Kein typisches Geschrei, kein "schmeck schmeck", wie es einem am Naschmarkt nachgerufen wird. Stattdessen palettenweise Nahrungsmittel, die in Trucks ein- und ausgeladen werden.

Geruchsfrage

Eindruckvollstes Beispiel: der Fleischmarkt "f-eins", der im Dezember vergangenen Jahres in einer rund 7.100 Quadratmeter großen Halle eröffnet worden ist. Käufer fahren mit ihren Lieferwägen direkt an die Verladerampe, wo Reihe um Reihe Schweine- und Rinderhälften an Fleischerhaken baumeln. Beim Betreten der grell ausgeleuchteten Halle steigt einem ein eigenwilliger Geruch in die Nase: Blut und Fleisch. "Das muss man in der Früh auch erst einmal aushalten", sagt Robert Poppenberger. Doch wenigstens damit muss er sich nicht herumschlagen: In der Blumenhalle mischen sich der Geruch von Flieder, Rosen und Tulpen zu einem schweren, süßlichen Duft. (20. April 2008, derStandard.at, Birgit Wittstock/Karl Gedlicka)

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