Jugendliche durch "ein Pulverfass" begleiten

16. April 2008, 10:12

Bei "Connecting People" werden Österreicher zu Paten junger Asylwerber - Sie durch ihren harten Alltag zu begleiten verändert das ganze Leben

Wien - "Es muss ganz furchtbar gewesen sein, was den Jugendlichen widerfahren ist." Martina März erzählt von dem Schicksal vieler jugendlicher Flüchtlinge, so auch ihres 17-jährigen Patenkindes Hossein.

Die beiden lernten sich im November letzten Jahres im Rahmen des Projekts "Connecting People" kennen. Das von der Asylkoordination Österreich 2001 ins Leben gerufene Projekt bringt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit Österreichern zusammen. Die Paten unternehmen mit den Jugendlichen Ausflüge und Freizeitaktivitäten, aber auch Ernsteres wie schulische Probleme und Behördengänge werden gemeinsam gemeistert; im Mittelpunkt steht dabei der emotionale Beistand. Ziel ist eine längerfristige Unterstützung der Jugendlichen, erklärt die Projektleiterin Veronika Krainz. "Ich musste hungern"

Für Hossein waren die ersten zwei Jahre in Österreich nicht einfach. Das Geld, das ihm gegeben wurde, reichte oft nicht einmal für das Nötigste, "manchmal hatte ich gar nichts zu essen und musste hungern", erzählt der junge Afghane. Trotzdem habe er es bis hierhin geschafft: Er bereitet sich auf die letzte Deutschprüfung vor dem Hauptschulabschluss vor. Die Sprache ist für ihn nicht einfach, berichtet er in fließendem Deutsch.

Die Zukunft bleibt für Jugendliche wie Hossein im Ungewissen. Gesetzlich gibt es für ihn keine Möglichkeit, einen weiteren Karriereweg einzuschlagen: Weder Arbeit noch Lehre sind ihm erlaubt. In den letzten zwei Jahren hat Hossein eine Behördenbefragung absolviert, doch bis jetzt kam keine Reaktion seitens der Behörden. Zusammen mit den meist langen Asylverfahren seien diese Hauptprobleme "in Kombination ein Pulverfass für Jugendliche", sagt Krainz.

Wenn Hossein einmal nicht zu den Familientreffen erscheint, werde nach ihm gefragt, Weihnachten ist ohne ihn überhaupt nicht mehr denkbar. Doch zu sprechen ist nicht nur von einer Bereicherung für Hossein: "Nicht nur, dass man einen neuen Menschen und eine neue Kultur kennengelernt hat, die Prioritäten im eigenen Leben haben sich auch verändert", betont März.

Der große Ansturm auf "Connecting People" erfolgte nach einem Zeitungsinserat, es meldeten sich unzählige Menschen, "die etwas von dem Guten, das ihnen widerfahren war, zurückgeben wollten".

An Kursabenden erlernen zukünftige Paten den Umgang mit den meist traumatisierten Jugendlichen und Wissenswertes über das Asylrecht. Nach einem Vergleich der Interessen wird dann der passende Partner ausgewählt, so erklärt sich auch die verhältnismäßig große Zahl von 121 immer noch aufrechten Patenschaften von insgesamt 142 vermittelten. Als weiteres Angebot gibt es die Unternehmenspatenschaften: Einzelne Firmen unterstützen einen Jugendlichen sowohl finanziell als auch in Fragen der Ausbildung.

Für Hossein ist es im Moment keine rosige Zeit. Er wird demnächst 18, was für ihn bedeutet, dass er aus seiner bisherigen Wohngemeinschaft ausziehen muss. Bei der Wohnungssuche wäre er vollkommen auf sich allein gestellt, hätte er keine Patin. Diese strotzt vor Bewunderung für den jungen Mann, ihr "allergrößter Respekt" gelte jungen Flüchtlingen wie ihm, die trotz der schwierigen Situation doch noch etwas, beispielsweise einen Hauptschulabschluss, meistern. Hossein antwortet verlegen zu dem schon Erreichten: "Es ist nicht wenig, aber auch nicht sonderlich viel." ( Sara Mansour Fallah/DER STANDARD-Printausgabe, 15. April 2008)

  • Hossein ist aus Afghanistan nach Österreich geflohen. Er geht in die Hauptschule und wartet auf die Gewissheit, bleiben zu dürfen. Ihn begleitet seine Patin Martina März, für die er mehr ist als nur ein "neuer Mensch".
    foto: standard/cremer

    Hossein ist aus Afghanistan nach Österreich geflohen. Er geht in die Hauptschule und wartet auf die Gewissheit, bleiben zu dürfen. Ihn begleitet seine Patin Martina März, für die er mehr ist als nur ein "neuer Mensch".

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