Papst Peymann plaudert

15. April 2008, 19:12
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Mit Theaterdirektor Claus Peymann auf 3sat in "Vis-à-vis" erlebten die 1968er-Gedenkfeiern ihren liturgischen Höhepunkt ...

Als Theaterdirektor Claus Peymann seinem Schweizer Interviewpartner Frank A. Meyer in "Vis-à-vis" auf 3sat Rede und Antwort saß, erlebten die ohnehin ausladenden 1968er-Gedenkfeiern ihren liturgischen Höhepunkt. Der Berliner-Ensemble-Intendant wurde vom servil-kritischen Gastgeber so bereitwillig wie umstandslos zum "Papst der deutschen Theaterszene" erklärt.

Der rüstige Brecht-Erbschaftsverweser vom Berliner Schiffbauerdamm, der sich noch immer als Reißzahn im Gesäßfleisch der Besitzenden fühlt - obwohl selbst längst derart besitzend, dass er umgefragt auf die Kostspieligkeit seiner Garderobe hinweisen kann, um damit den Erfolg seines lebenslangen Aufklärertums darzutun - nahm den solcherart dargebotenen Fels Petri gerne auf. Er stemmte ihn hoch. Brach sämtliche Sentimentalitätslanzen für das mitunter abstruse Tun der revolutionär Bewegten. Und reichte dampfplaudernd ein anthropologisches Erklärungsmodell für deren Radikalisierung nach, das an päpstlicher Orthodoxie einiges zu wünschen übrig ließ.

Man staune: Ist man gegen den Vietnamkrieg, kommt man irgendwann unweigerlich hinter einer Litfaßsäule zu stehen, um an einem kalten Tag nicht von Polizeischläuchen nassgespritzt zu werden. Irgendwann richtet sich der revolutionäre Zorn aber ganz unumgänglich gegen den Nassmacher - den Schlauch. Man muss also den Bullen verkloppen, der den Schlauch hält. Trockenheit ist ein Menschenrecht. Von dort zum Mord an Bundesstaatsanwälten ist es dann nur noch ein Irrweg.

Noch nie schmeckte Häresie aus dem Papstmund so süß. Dass alle diejenigen, die ein wenig moderner inszenieren als Peymann, von diesem als Psychopathen abgestempelt wurden - einzig an Papis "Pimmel" interessiert - mochte da schon eher hingehen. Wo kommen wir denn schließlich hin, wenn Papst Peymann die Aufklärer entblößt sein ließe? (poh/DER STANDARD; Printausgabe, 16.4.2008)

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