Wahlausgang löst Skepsis bei der Wirtschaft aus

18. April 2008, 16:37
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Dringender Ruf nach ausständigen Reformen

„Die Unternehmen sehen den Wahlausgang neutral. Es gibt noch keinen wirklich offenen Kapitalmarkt in Italien und das wird sich auch mit der neuen Regierung Berlusconi kaum ändern.“ Der Chef der Unternehmensberatung Roland Berger Italia, Roberto Cripelli sieht nach dem Wahlausgang keine wirklichen Verbesserungen für die italienischen Wirtschaftstreibenden. Schließlich habe der künftige Regierungschef bereits während seiner letzten Amtszeit bewiesen, dass er weder Wirtschaftsliberaler noch überzeugter Marktwirtschaftler sei. Dies wurde auch durch den versäumten Liberalisierungs- und Privatisierungsprozess während seiner beiden bisherigen Regierungszeiten bestätigt.

Abbau der Unternehmenssteuer

„Die neue Regierung muss sich davon überzeugen, dass es besser ist, die Steuern zu senken als ein Auge bei der Steuerhinterziehung zuzudrücken“, sagt Cripelli. In seinem Wahlprogramm habe Berlusconi vor allem steuerliche Abzüge beim dreizehnten und vierzehnten Monatsgehalt sowie bei Überstunden und die Abschaffung der Immobilien-und Kfz-Steuer versprochen. Die Unternehmen sehen im Steuerprogramm keine wesentlichen Vorteile. Sie fordern vor allem einen Abbau der Unternehmenssteuer. Diese in Europa einzigartige Steuer trifft Start-Up Unternehmen ebenso wie mittelständische und Großunternehmen und bremst deren Wettbewerbsfähigkeit. Der „Steuer-Terror“ der vergangenen Zeit müsse abgeschafft, die Infrastrukturen verbessert werden, meint Cripelli.

Italien hat ein leistungsschwaches Transportsystem. Abgesehen vom horrenden Verlust der Staatsbahnen ist auch der Fall Alitalia immer noch nicht abgeschlossen. Es handelt sich um die längste Privatisierung, die es in Italien je gab. Eineinhalb Jahre lang steht die marode Fluggesellschaft bereits zum Verkauf. Der deutsche Unternehmensberater Roland Berger berät die Alitalia bei ihren Sanierungs-und Privatisierungsmöglichkeiten.

Steuerreform und bessere Governance

„Wir haben alles gemacht, was im Bereich des Möglichen ist und sogar noch mehr“, sagt Cripelli zu den sich hinauszögernden Verkaufsverhandlungen an Air France und verwies darauf, dass Alitalia zum Politikum geworden sei. Fraglich sei, ob die neue Regierung den Unternehmern das Leben erleichtere. Voraussetzung sei dafür nicht nur eine Steuerreform, sondern auch eine bessere Gestaltung der Governance (Regeln für die Unternehmensführung) und ein Kurswechsel der in Italien sehr mächtigen Gewerkschaften. „Berlusconi hat fünf Jahre lang die Unternehmen enttäuscht, hoffen wir, dass er inzwischen dazugelernt hat“ zeigt sich Cripelli skeptisch über die dringend nötigen Wirtschaftsreformen. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2008)

  • Roberto Cripelli berät die Regierung beim Alitalia-Verkauf.
    foto: privat

    Roberto Cripelli berät die Regierung beim Alitalia-Verkauf.

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