STANDARD-Interview: "Stalin wurde zum Symbol Russlands an sich"

20. April 2008, 16:55
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Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore wurde für sein Buch "Der junge Stalin" soeben mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet – Das Erbe des Stalinismus in Russland

Standard: Vor dem Kreml in Moskau lassen sich junge Russinnen und Russen mit Männern fotografieren, die als Lenin und Stalin verkleidet sind. Wie stark prägt das Erbe des Stalinismus das heutige Russland?

Montefiore: In wachsendem Maße, würde ich instinktiv sagen. Als ich vor zehn Jahren mit meinen Recherchen begann, schien das eine faszinierende historische Untersuchung zu werden. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Stalin für die heutige Welt viel relevanter ist, als ich erwartet hatte.

Standard: In welchem Sinn?

Montefiore: Stalin hat sich gewandelt, vom marxistischen Oberpriester zu einem Symbol Russlands an sich. Das ist eine der größten Ironien überhaupt, dass aus diesem einstigen georgischen Banditen einer der größten russischen Zaren wurde – ein Symbol der Stärke, des Imperiums, des Sieges.

Standard: Stalin ist direkt oder indirekt für den Tod von 20 Millionen Menschen verantwortlich. Sind die Russen angesichts dieser Tatsache mit ihrer Vergangenheit ins Reine gekommen?

Montefiore: Die Russen haben eine Art janusköpfiges Gedächtnis, das sie gleichzeitig etwas wissen und vergessen lässt. Sie wissen von den 20 oder 25 Millionen Toten, die frühen 1990er-Jahre waren voller Enthüllungen darüber. Natürlich weiß es jeder, aber die meisten wollen es nicht wissen. Sie sind also nicht klargekommen damit. Und noch etwas: Während in Deutschland alles zerstört und neu aufgebaut wurde, stehen in Russland die alten Gebäude noch, in denen weiter die Behörden arbeiten. Die Sicherheitsdienste sind dieselben, es herrscht absolute Kontinuität von Stalin bis heute. Einen echten Hausputz hat es nie gegeben.

Standard: Ein als Hitler verkleideter Mann vor dem Berliner Reichstag, mit dem Deutsche vor der Kamera posieren – das ist schlicht unvorstellbar.

Montefiore: Genau. Aber andererseits sind Stalin und Lenin heute zwiespältige Figuren. Sie werden mehr als Karikaturen denn als reale Menschen gesehen. Als Karikaturen staatlicher Macht oder im Sinne grotesker Stereotype. Und das ist ermutigend. Ich werde oft gefragt: Ist Putin ein neuer Stalin? Natürlich ist er das nicht. In seinem Innern hält er Stalin zumindest für ein halbes Monster, denke ich.

Auch wenn er zutiefst respektiert, was Stalin getan hat. Das zeigte sich auch, als Putin persönlich ein neues Geschichtsbuch für Lehrer präsentierte. Da bezeichnete er Stalin als einen russischen Bismarck, einen modernen Peter den Großen, als erfolgreichsten russischen Führer des 20. Jahrhunderts. Und der Terror von 1937 sei notwendig gewesen, um die Bürokratie unter Kontrolle zu bringen. In zehn Jahren wird Stalin in den russischen Schulen als Stalin der Große behandelt werden, denke ich.

Standard: In Ihrem Buch "Der junge Stalin" nennen Sie "konspirazija" – Konspiration – als einen Schlüsselbegriff zum Verständnis des Machtsystems in der Sowjetunion. Also das Agieren im Verborgenen, Tarnen und Täuschen, Ausmanövrieren von äußeren und inneren Feinden, das Stalin als junger Gangster und dann als Revolutionär gelernt und perfektioniert hat. Konspiration scheint bis heute ein Machtprinzip in Russland zu sein, wenn man die Nachfolgeregelung bei Jelzin und jetzt bei Putin betrachtet.

Montefiore: Alles in Russland ist halb Wursteln, halb Konspiration. Dass Russland kein wirkliches Nachfolgesystem hat, ist Zeichen einer unreifen politischen Gesellschaft. Die Russen werden auch kein Problem damit haben, dass Putin als Premierminister unter dem künftigen Präsidenten Dmitri Medwedew oberster Führer bleibt. Stalin saß bis 1941 nicht einmal in der Regierung.

Standard: Sie glauben also, dass Putin der eigentliche Machthaber bleibt. Viele sagen, es kann nur einen Zaren geben, und der sitzt im Kreml.

Montefiore: Gute Frage. In der Politik können die besten Pläne scheitern. Anfangs wird sich Medwedew vermutlich zurückhalten. Aber er ist der Präsident, und als solcher hat er immense Macht. Leicht möglich, dass das Undenkbare geschieht und er Putin entmachtet, wenn dieser unpopulär wird. Aber das ist unwahrscheinlich, weil Medwedew alle Nachteile hat. Es ist wie in Ihrer Koalition in Österreich, wo der Kanzler für alles verantwortlich gemacht wird.

Standard: Noch einmal zurück zu Lenin und Stalin. Bisher lautete die gängige Version, dass Lenin ausdrücklich davor gewarnt habe, Stalin zu seinem Nachfolger zu machen. In Ihren Büchern liest sich das völlig anders: Stalin als logischer Nachfolger.

Montefiore: Bis vor kurzem wurde die Version Leo Trotzkis, der stark gegen Stalin eingestellt war, für absolut wahr genommen. Auch weil Trotzki ein blendender Schreiber war. Er hat auch die westliche Sicht stark beeinflusst. Aber inzwischen wissen wir, dass das Verhältnis zwischen Lenin und Stalin viel enger war als bisher angenommen. Stalin war der Experte im Beschaffen von Geld und Informationen. Wenn es um solche Sachen ging, sagte Lenin über Stalin: "Das ist genau der Mann, den ich brauche."Nach der Machtergreifung 1917 spielte Lenin Stalin und Trotzki gegeneinander aus.

Standard: Sie begannen Ihre berufliche Karriere als Banker, wurden dann Journalist und landeten schließlich bei der Geschichte. Ihre Bücher lesen sich wie spannende Romane. Was fasziniert Sie so an Geschichte?

Montefiore: Alles ist Geschichte. Meine Bücher sind als Warnungen aus der Geschichte heraus gedacht. Leute wie Hitler oder Stalin kommen nicht einfach so an die Macht, indem sie eine Fahne schwingen und sagen: Hier bin ich. Sie kommen nach und nach an die Macht, indem sie politische Systeme benützen, die den Menschen vertraut sind. Wir, die wir an Europa glauben, müssen ständig wachsam sein, auch gegenüber der Sprache und der wahren Bedeutung der Dinge. Das ist enorm wichtig. Und Geschichte ist sehr nützlich dabei, dies zu analysieren. (Josef Kirchengast, DER STANDARD/Printausgabe, 15.04.2008)

  • Simon Sebag Montefiore: "Es gab keinen Hausputz."
    foto: newald

    Simon Sebag Montefiore: "Es gab keinen Hausputz."

  • Als Lenin und Stalin verkleidete Männer als Touristenattraktion vor dem Kreml in Moskau: "Sie werden heute mehr als Karikaturen denn als reale Menschen gesehen."
    foto: kirchengast

    Als Lenin und Stalin verkleidete Männer als Touristenattraktion vor dem Kreml in Moskau: "Sie werden heute mehr als Karikaturen denn als reale Menschen gesehen."

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