"Besorgnis der Befangenheit" bei Wirtschaftsprüfern

15. April 2008, 17:33
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Das neue Unternehmensrecht zwingt Abschlussprüfer, jede Unvereinbarkeit viel genauer zu prüfen als bisher. Die Kosten für Unternehmen werden tendenziell steigen

Das vergangene Woche vom Nationalrat verabschiedete Unternehmensrechts-Änderungsgesetz (URÄG) stellt Wirtschaftsprüfer vor eine schwierige Aufgabe: Sie müssen in Zukunft genau untersuchen, ob persönliche oder institutionelle Abhängigkeiten die eigene Unabhängigkeit gegenüber der zu prüfenden Gesellschaft in Zweifel ziehen könnte.

Die Auflagen im neuen Gesetz sind strikt formuliert und so breit, dass viele bisher unbedenklichen Beziehungen unter die Unvereinbarkeit fallen könnten, sagt Aslan Milla, Geschäftsführer der PricewaterhouseCoopers Wirtschaftsprüfung GmbH, im STANDARD-Gespräch. Als Präsident des Instituts Österreichischer Wirtschaftsprüfer hat Milla entscheidend am Gesetz mitgearbeitet.

Netzwerk

Zwei Punkte sind darin neu: Die Unabhängigkeit gegenüber der geprüften Gesellschaft gilt nicht nur für den Abschlussprüfer selbst, sondern für alle Mitglieder eines gemeinsamen Netzwerkes. Ein solches liegt vor, "wenn Personen bei ihrer Berufsausübung zur Verfolgung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen für eine gewisse Dauer zusammenwirken". Das wären etwa andere internationale PwC-Büros, nicht aber Kanzleien, mit denen man für Projekte zusammenarbeitet.

Wenn ein Netzwerkmitglied die Bücher führt, die interne Revision macht oder Liegenschaften bewertet, ist eine Abschlussprüfung verboten. Bei anderen Querverbindungen muss nur sichergestellt werden, dass das befangene Netzwerkmitglied keinen Einfluss nehmen kann. Vor allem kleinere österreichische Kanzleien mit regionalen Partnern werden hier genau achtgeben müssen, betont Milla. Kein Problem aber werde es weiterhin sein, wenn Netzwerkmitglieder als reine Berater auftreten, etwa in Steuerfragen.

Sandkastenfreundschaften

Weiters darf man keine Abschlussprüfung durchführen, wenn "Gründe geschäftlicher oder persönlicher Art vorliegen, nach denen die Besorgnis der Befangenheit besteht". Dieser Gummiparagraf gilt etwa auch für Fälle, wo die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von der zu prüfenden Bank einen Kredit erhalten hat, wie das bei der KPMG und der Bawag geschehen ist.

Kann dies in einem kleinen Land wie Österreich funktionieren? "Sie werden eine Sandkastenfreundschaft zwischen Prüfer und Manager nie juristisch in den Griff bekommen, das muss man im Einzelfall prüfen und erfordert genaue ethische Diskussionen", meint Milla. Im Zweifelsfall müsse der Prüfer einen Auftrag ausschlagen, da er sonst haftbar gemacht werden kann. "Er hat eine schlechte Position vor Gericht."

Insgesamt wird der Arbeitsaufwand der Abschlussprüfer durch ausführliche Lageberichte und Corporate-Governance-Berichte steigen, und damit auch die Kosten für Unternehmen. Unglücklich ist Milla über die deutlich gewachsene Berichts- und Redepflicht gegenüber dem Aufsichtsrat. "Das wird zu dicken Berichten führen", warnt er.

Zufrieden ist Milla, dass ebenso wie in den meisten EU-Ländern auf eine externe Rotation verzichtet wurde. Gerade das Beispiel Parmalat in Italien, wo dies vorgeschrieben ist, habe gezeigt, dass eine externe Rotation nichts bringt und den Abschlussprüfer sogar schwächt. Denn "kumuliertes Wissen geht verloren und Reibungsverluste entstehen." (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.4.2008)

  • Aslan Milla von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers rechnet mit "genauen ethischen Diskussionen".
    foto: standard/hendrich

    Aslan Milla von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers rechnet mit "genauen ethischen Diskussionen".

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