Die stille Epidemie

17. April 2008, 13:57
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20.000 Menschen erleiden jährlich ein Schädelhirntrauma, schwer Gehirnverletzte haben gute Chancen wieder auf die Beine zu kommen: Die soziale Akzeptanz ist schwierig

"Das Schädelhirntrauma ist eine stille Epidemie", erzählt Walter Oder, Leiter der Rehabilitationszentrums der AUVA in Wien Meidling, und bedauert wie wenig diese Verletzungen von der Öffentlichkeit immer noch zur Kenntnis genommen werden. Zu Unrecht, denn die Zahlen sind erschreckend beeindruckend. 20.000 Menschen jährlich, viele davon junge Erwachsene, erleiden in Österreich ein Schädelhirntrauma. 10-20 Prozent davon sind so schwer, dass sie einer Neurorehabilitation bedürfen.

Erfreuliches Detail

Der überwiegende Anteil aller Schädelhirnverletzungen ist für die Betroffenen ohne bleibende Folgen. Mediziner sprechen von leichten Schädelhirntraumen. Fast immer sind diese ident mit dem Begriff der Gehirnerschütterung. Alles was dann kommt fällt in die Kategorie mittleres bis schweres Schädelhirntrauma.

Schwerwiegende Schäden

Der Schaden ist umso schwerwiegender, je länger die Erinnerungslücke nach dem Unfall. Sie korreliert mit der Tiefe der Bewusstlosigkeit und ist in Hinblick auf zukünftige neurologische, kognitive und soziale Probleme entscheidend. Walter Oder, traumatologisch spezialisierter Neurologe und Psychiater, zeigt sich auch bei schweren Gehirnverletzungen optimistisch: "Es ist schön zu sehen, wie uns jemand gehend verlässt, nachdem er Monate davor auch im Rollstuhl kaum mobilisierbar war".

Langer mühsamer Weg

Dass der Weg dorthin, mühsam und lange sein kann, ist unbestritten. Die Chancen stehen jedoch gut und sind umso besser je früher die Rehabilitation beginnt. Das Prinzip einer kompetenten Neurorehabilitation ist relativ simpel: Üben, üben und nochmals üben. Die Patienten beteiligen sich aktiv, um verloren gegangene Fähigkeiten wieder zu erlernen beziehungsweise auszugleichen.

"Plastizität" - Neue Strukturen im Gehirn

Im Kopf passiert indessen unglaubliches: Abhängig vom Ausmaß des Trainings ist das Gehirn in der Lage sich neu zu strukturieren. Das unwiderruflich zerstörte Gewebe wird dabei geschickt umgangen. "Schlafende" Nervenzellen werden aktiviert und Nervenbahnen gefunden die ersatzweise arbeiten. Mediziner bezeichnen diese Kompensationsleistung des menschlichen Gehirns als Plastizität. Noch vor zwanzig Jahren war sie niemandem ein Begriff.

Stufenförmige Erholung

Die Herausforderung und Belastung dieses Prozesses ist für Unfallopfer wie Angehörige groß. Frustrierende Momente tauchen auf, denn nach monatelangem Üben geht irgendwann nicht mehr viel weiter. "Die Erholung nach einer Schädelhirnverletzung verläuft stufenförmig", erklärt der Wiener Experte und betont das Phasen des Stillstands ganz einfach dazugehören. Mit Zwischenentlassungen und wiederholt stationäre Aufnahmen werden Therapiemüde in Meidling erneut motiviert. Verbesserungen sind auch Jahre später möglich, die sichtbaren Fortschritte werden nur kleiner.

Im Alltag selbstständig mobil

In zwei Drittel der Fälle ist das primäre Ziel der Therapie irgendwann erreicht. Die Patienten sind in der Verrichtung ihres Alltags selbstständig und mobil. Nur das reicht leider nicht aus, um als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft zu gelten. Das gravierende Problem nach Schädelhirnverletzungen sind die neuropsychologische Störungen. Die daraus resultierenden psychosozialen Folgen für den Einzelnen katastrophal.

Neuropsychologische Störungen

Reduzierte Merkfähigkeit, mangelnde Konzentration oder Auffassungsgabe und die rasche Ermüdung macht diese Patientengruppe wenig belastbar. Das berufliche Integration ist erschwert, unlösbar ist sie dennoch nicht. Im Rehabilitationszentrum Meidling wird an Metall-, Holz- und PC-Arbeitsplätzen Belastung und Stress trainiert, um den beruflichen Wiedereinstieg zu erleichtern.

Wesensveränderung

Irritierend und oft viel problematischer als die eben erwähnten kognitiven Störungen, ist die posttraumatische Wesensveränderung, die viele Patienten nach einer so schweren Gehirnverletzung entwickeln. Konkret zeigen sich neben unkontrollierter Aggressivität und Distanzlosigkeit, auch inadäquat kindische Verhaltensmuster. Im engsten Freundes- und Verwandtenkreis wird dieses Verhalten noch häufig toleriert, der Verlust anderer Sozialkontakte scheint jedoch vorprogrammiert.

Nicht einfach Medikamente

Medikamente können hier hilfreich sein, um die Patienten "zurück in ihre Mitte" zur bringen. Das non plus ultra sind sie nicht. "Diese Medikamente können die Plastizität des Gehirns negativ beeinflussen", erklärt Oder und ist stetig bemüht den goldenen Mittelweg zu finden. Die Bedeutung einer ganzheitlichen Rehabilitation nach Gehirnverletzungen will er auf alle Fälle betont wissen.

Toleranz und Akzeptanz

Den Bedarf an tagesklinischen Einrichtungen, zur Entwicklung langfristiger Behandlungskonzepte hält er gerade in Österreich für vordringlich. Parallel dazu wären mehr Toleranz und Akzeptanz im Umgang mit diesen Menschen die beste Vorraussetzung. (phr)

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