Knabbernd zum Erfolg – die Ichthyotherapie

8. Mai 2008, 16:54
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250.000 Menschen leiden in Österreich unter Psoriasis, Tendenz steigend – Therapie gibt es keine, jetzt können wenigstens Fische den Alltag erleichtern

Das Leben mit einer atopischen Dermatitis (Neurodermitis) oder mit Psoriasis ist nicht immer einfach: Intensiver Juckreiz, Hautentzündungen und damit verbundene Einschränkungen im täglichen Leben. Dazu das Wissen, dass nur die Symptome behandelbar sind und immer wieder verstärkt auftreten können. Denn die Ursache der chronischen Ekzemerkrankung ist auch heute noch unbekannt.

Kleine Knabberfische aus Anatolien

Neben Lichttherapie, Cortison und Vitaminpräparaten gibt es in der Reihe der Therapien seit einigen Jahren nun auch die lebendige Gruppenhilfe der Ichthyotherapie. Kleine Kangal-Fische, die freudig abgestorbene Hautzellen wegknabbern. "Die rötliche Saugbarbe gehört zur Familie der Karpfenfische und kommt vor allem im anatolischen Kangal vor. Der Ort gab den Fischen ihren Namen", erklärt Thomas Gularas, der seit über fünf Jahren in Wien ein Therapiezentrum leitet. Kangal wurde zum Kurort und die Fische zur Exportware.

Verbesserter Hautzustand

Die Wirkung der kleinen Helfer war sichtbar, aber nicht bewiesen. Tatsache ist, dass der Kangalfisch die im Übermaß produzierten Hautschuppen abknabbert, so dass Psoriatiker nach drei Wochen in den therapeutischen Bädern inklusive UVA-Bestrahlung eine Besserung ihres Hautzustandes wahrnehmen. Auch von einem Sekret ist häufig die Rede, das die kleinen bis zu 14 Zentimeter großen Fische abgeben und das entzündungshemmend wirken soll. Deshalb wollte Gularas, der die Therapiefische mittlerweile auch züchtet, Genaueres wissen.

Pilotprojekt der Meduni-Wien

So wurde vor zwei Jahren gemeinsam mit der Medizinischen Universität Wien ein Piloprojekt iniziiert: Von Martin Grassberger wurde die Wirksamkeit und die Sicherheit bei der Behandlung von Psoriasis-Patienten untersucht. Mit rund 250.000 Betroffenen zählt diese Hauterkrankung in Österreich zu den häufigsten. Zusätzlich wurde die Stabilität nach der Therapie beobachtet.

Brauchbare Behandlungsmethode

Das Ergebnis wurde publiziert und lässt sich im wissenschaftlichen Oxford-Journal "Evidence Based Complementary and Alternative Medicine" nachlesen: "Die Ichthyotherapie in Verbindung mit einer kurzzeitigen UVA-Bestrahlung stellt eine brauchbare Behandlungsmethode für Patienten mit Psoriasis dar, die zusätzlich ein hohes Sichereitsprofil aufweist."

Achteinhalb Monate beschwerdefrei

Eine klare Aussage wurde durch den PASI-Wert(Psoriasis Area and Severity Index) möglich, der den Schweregrad der Psoriasis angibt. Ein wesentlicher Untersuchungsparameter also, der sich durchschnittlich um 71,7 Prozent gegenüber dem Ausgangswert verringerte. Auch die Dauer der Beschwerdefreiheit wurde als wichtiger Faktor mit einbezogen. Durchschnittlich waren die Patienten achteinhalb Monate ohne störende Hauterscheinungen. 95 Prozent konnten zwischen sechs und elf Monate ohne Symptome leben. 87,5 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass die Ichthyotherapie zu besseren Ergebnissen geführt habe als andere Therapiemethoden.

Großer Vorteil: Keine Nebenwirkungen

"Der große Vorteil unserer Behandlung ist, dass die Fische keine Nebenwirkungen hervorrufen", erklärt Thomas Gularas, "das bedeutet, dass es keine nachteiligen Vorfälle gibt." Wobei viele beim ersten Rundgang durch die ambulanten Behandlungsräume Angst vor möglichen Bakterien oder Keime hätten, die durch die Tiere in den Wasserwannen übertragen werden könnten.

Infektionsrisiko

"Während der Behandlung hat jeder Patient seine eigenen Fische in der eigenen Wanne", betont der Betreiber des Therapiezentrums und erklärt, dass 200 bis 400 Stück am Körper knabbern, "monatlich wird das Wasser auf Bakterien und Keime untersucht. Die Fische stehen zusätzlich unter ständiger Kontrolle, um Infektionen auszuschließen."

Nur begrenzt aussagefähig

Die Behandlungsergebnisse von 67 Patienten wurden retrospektiv ausgewertet und die Patienten anschließend mittels Fragebogen befragt. Natürlich sind die Ergebnisse aufgrund der kleinen Gruppe nur begrenzt aussagefähig, könnten aber im Idealfall zu einer randomisierten Studie mit Kontrollgruppe führen. Weniger Kontrolle, sondern mehr Genuss bieten die kleinen Fische auch Gesunden.

Ganzkörperpeeling

"Das Gefühl ist wie eine Massage nur viel feiner, ein natürliches Ganzkörperpeeling, dass die Haut ganz zart macht", erläutert Gularas die Vorteile der Behandlung, die angeblich auch für Gesunde eine Wonne in der Wanne ist. (Andrea Niemann, derStandard.at)

  • Die Garra Rufa oder "rötliche Saugbarbe" gehört zur Familie der Karpfenfische und wird 12 bis 14 cm groß
    foto: thomas gularas

    Die Garra Rufa oder "rötliche Saugbarbe" gehört zur Familie der Karpfenfische und wird 12 bis 14 cm groß

  • Hält man die Hand in das Therapiebecken, beginnen die kleinen Fische sofort zu knabbern.
    foto: andrea niemann

    Hält man die Hand in das Therapiebecken, beginnen die kleinen Fische sofort zu knabbern.

  • Thomas Gularas bei den Fischbecken, die zur Aufzucht verwendet werden.
    foto: thomas gularas

    Thomas Gularas bei den Fischbecken, die zur Aufzucht verwendet werden.

  • Vor der Behandlung mit den Fischen und UVA-Licht - und die Haut nach einer dreiwöchigen Behandlung.
    foto: thomas gularas

    Vor der Behandlung mit den Fischen und UVA-Licht - und die Haut nach einer dreiwöchigen Behandlung.

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