Ein Afrikaner hat unlängst gemeint, dass ihm das Leben in Mitteleuropa wie zwischen zwei elektrischen Drähten vorkommt - wehe...
...man schert aus. Für alles gibt es Regeln, Vorschriften. Das Leben ist hier wie in einem Internat. Ein spezielles, vom Fernsehen organisiertes Internatimitat ist dieser Tage in Bad Tatzmannsdorf geschehen, eine Landschulwoche für Semiprominente, ein Pfadfinderlager in Sachen Fußball, Dancing-Stars für Männer:
Das Match. In der Schweiz heißt es
der Match und die Spieler nennt man Servala-Prominenz - nach einer Art Knackwurst.
Als Schriftsteller, so die Meinung meiner Kollegen, darf man bei einer derartigen Doku-Soap-Verwurstung nicht mitmachen, weil man sich verkauft, peinlich macht, angreifbar. Nun hat mich das Ausscheren aus den gesicherten Bahnen des Schriftstellerdaseins aber stets gereizt, habe ich mich also, obwohl ich nicht Fußball spielen kann, aber gerne einem Ball nachlaufe, überreden lassen, mit zu matchen. Nicht weil ich berühmter werden will und auch nicht wegen der hohen Gage, sondern als Selbstversuch.
Und? Die erste Enttäuschung kam mit den Trikots, die Nummer 69 hatte ich gewollt, nicht nur, weil das eine schöne Stellung ist, auch weil es vom Abräumer im defensiven Mittelfeld bis zum abstaubenden Mittelstürmer alles zulässt. Die biedere Nummer 2 ist es geworden. Und dann bei der Begrüßung durch den Trainer drei Verbote: Alkohol, Nikotin und Süßigkeiten. Geselchtes wäre erlaubt, Knackwürste auch. Und ständig heißt es "wir" und "uns". Das Befremdende an einer Mannschaft ist, das war mir, der ich mich zeitlebens an die Groucho-Marx-Devise gehalten habe, nie in einem Verein gewesen bin, bald klar, dass man sein Ich verliert. Alle ziehen gleiche Dressen an, es ist vorgeschrieben, wann es Essen, wann Ruhepausen gibt, wie was wann trainiert wird und was die gemeinsamen Freizeitaktivitäten sind. Viele brauchen das, ich halte es für das Grundübel des österreichischen Fußballs. Allein schon der Morgenlauf, der Zwang zum Frühaufstehen. Wie soll man Fußball spielen, wenn man nicht ausgeschlafen ist?
Und der Trainer? Über Hans Krankl als Nationaltrainer habe ich schmähende Sätze geschrieben. Dass er der beste Trainer auf Gottes Erden ist, glaube ich auch jetzt nicht, aber vielleicht ist er der unterhaltsamste. Der am häufigsten zitierte Satz kam aber von Reinhard Kienast, dem Co-Trainer, war im Schneckerldativ und lautete: "Burschen, konzentrieren ma sich am Boi." Und was dann Ende Mai gegen die eidgenössische Wurstpromis herauskommt, ist eigentlich egal. Oder nicht? (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 15. April 2008)