Matchbox

14. April 2008, 20:28

Ein Afrikaner hat unlängst gemeint, dass ihm das Leben in Mitteleuropa wie zwischen zwei elektrischen Drähten vorkommt - wehe...

...man schert aus. Für alles gibt es Regeln, Vorschriften. Das Leben ist hier wie in einem Internat. Ein spezielles, vom Fernsehen organisiertes Internatimitat ist dieser Tage in Bad Tatzmannsdorf geschehen, eine Landschulwoche für Semiprominente, ein Pfadfinderlager in Sachen Fußball, Dancing-Stars für Männer: Das Match. In der Schweiz heißt es der Match und die Spieler nennt man Servala-Prominenz - nach einer Art Knackwurst.

Als Schriftsteller, so die Meinung meiner Kollegen, darf man bei einer derartigen Doku-Soap-Verwurstung nicht mitmachen, weil man sich verkauft, peinlich macht, angreifbar. Nun hat mich das Ausscheren aus den gesicherten Bahnen des Schriftstellerdaseins aber stets gereizt, habe ich mich also, obwohl ich nicht Fußball spielen kann, aber gerne einem Ball nachlaufe, überreden lassen, mit zu matchen. Nicht weil ich berühmter werden will und auch nicht wegen der hohen Gage, sondern als Selbstversuch.

Und? Die erste Enttäuschung kam mit den Trikots, die Nummer 69 hatte ich gewollt, nicht nur, weil das eine schöne Stellung ist, auch weil es vom Abräumer im defensiven Mittelfeld bis zum abstaubenden Mittelstürmer alles zulässt. Die biedere Nummer 2 ist es geworden. Und dann bei der Begrüßung durch den Trainer drei Verbote: Alkohol, Nikotin und Süßigkeiten. Geselchtes wäre erlaubt, Knackwürste auch. Und ständig heißt es "wir" und "uns". Das Befremdende an einer Mannschaft ist, das war mir, der ich mich zeitlebens an die Groucho-Marx-Devise gehalten habe, nie in einem Verein gewesen bin, bald klar, dass man sein Ich verliert. Alle ziehen gleiche Dressen an, es ist vorgeschrieben, wann es Essen, wann Ruhepausen gibt, wie was wann trainiert wird und was die gemeinsamen Freizeitaktivitäten sind. Viele brauchen das, ich halte es für das Grundübel des österreichischen Fußballs. Allein schon der Morgenlauf, der Zwang zum Frühaufstehen. Wie soll man Fußball spielen, wenn man nicht ausgeschlafen ist?

Und der Trainer? Über Hans Krankl als Nationaltrainer habe ich schmähende Sätze geschrieben. Dass er der beste Trainer auf Gottes Erden ist, glaube ich auch jetzt nicht, aber vielleicht ist er der unterhaltsamste. Der am häufigsten zitierte Satz kam aber von Reinhard Kienast, dem Co-Trainer, war im Schneckerldativ und lautete: "Burschen, konzentrieren ma sich am Boi." Und was dann Ende Mai gegen die eidgenössische Wurstpromis herauskommt, ist eigentlich egal. Oder nicht? (Franzobel; DER STANDARD Printausgabe 15. April 2008)

  • Der Ball [3]

    Geboren ist der Ball in Pirmasens - am 22. Februar 1886 - In einer streng katholischen, gutbürgerlichen Familie wuchs er auf

  • Sommermärchen [12]

    Es war einmal in einem Land der grantigen Zwerge und mieselsüchtigen Riesenherzen...

  • Es wird Zeit [3]

    Es wird nun wirklich Zeit, dass sich die EURO aus ihrer Höhle traut und sich den Menschen zeigt

  • Bitte Zahlen! [13]

    Ich sage ja nicht, dass ich ruhig schlafe. Im Gegenteil mitten in der Nacht...

  • Das Blau Algeriens [2]

    Algier, Karwoche, frühsommerliche Temperaturen. Gelb blühende Mimosen, wilde Orchideen, ein strahlend blauer Himmel und...

  • Fußballfrühling [86]

    In den niederträchtigen niederländischen Medien hieß man Österreich ei­ne C-Klasse-Mannschaft und das schwächste Team der EURO...

  • Gewaltig [20]

    Wie sagte einst der unfassbare Helmut Qualtinger? Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität...

  • Schiedsrichters Einsamkeit [26]

    Während meiner Schülerligazeit gab es die Legende, ein Schüler hätte auf eine rote Karte dermaßen respondiert,...

  • Imageschaden [40]

    Der eigentliche Skandal um den Amstettener Keller ist nicht, dass man nun bei Sisi und Franzl nicht mehr...

  • Luxusproblem [18]

    Manchmal drückt die Sprache etwas aus, das es gar nicht gibt. In der Autobiografie des bekannten Fußballkommentators...

  • Europameister! [30]

    Auch wenn es niemand für möglich hält, wird Österreich bei der EURO...

  • Harlem Rapid [39]

    Eigentlich wollte ich eine Weile lang nichts mehr von Fußball hören, nichts von Hörn­chen, die Schneckerl heißen, nichts von Gurkerln und Jausengegnern ...

  • Fußball, Porno, Pyramiden [70]

    Manchmal denke ich, dass Fußball eine Art Ersatzbefriedigung ist, die vor allem junge Menschen...

  • Matchbox [18]

  • Bärlauchparty [28]

    Ich kann mich noch gut an die Enttäuschung meiner Frau erinnern, als sie erstmals einen Vanillerostbraten serviert bekam...

  • Zum Niederknien [12]

    Es begann mit einem geschwollenen Knie. Als gelernter Hypochonder bin ich gleich zur Not­fall­medizin, Wartezeit drei Stunden...

  • Wuzl und Wuzlerin [23]

    Meine Tante Karin trinkt nicht nur, sie ist auch Kettenraucherin. Früher hat sie Rothändle...

  • Fremdschämen [30]

    Tiere haben sich im Laufe der Evolution enorm entwickelt. Fledermäuse...

  • Hurenwurst [36]

    Einmal habe ich einem fremden Autofahrer beim Radwechsel geholfen. Zum Dank...

  • Oba Córdoba Oba [43]

    In meiner Erinnerung war jener 21. Juni 1978, an dem es zur Transsubstantiation...

  • Der Stimmenimitator [23]

    Zumindest in Filmen werden ausdauernd Leichen und Bewusstlose im Kofferraum eines Autos transportiert. Ich erinnere nur...

  • Torstangenbewässerer [70]

    In Österreich etwa hat in den letzten 20 Jahren eine beispiellose Verdeutschung...

  • Pflanzerei [1]

    Warum weinen Menschen? Woher kommt die vermehrte Augenflüssigkeit bei Traurigkeit? Weil...

  • Über die Ungerechtigkeit [1]

    Im Zentrum von Buenos Aires gibt es ein unscheinbares Parkstück...

Kommentar posten
18 Postings
dh83
20
22.4.2008, 16:09
Franzobel

Bravo. Ein Meisterstueck. Das brauchen wir in Europa. Afrikanische Verhaeltnisse. Wahrscheinlich kommen deshalb Unmengen an Fluechtlingen zu uns, damit sie nachher wissen wie guts Ihnen eigentlich in der Heimat geht.

Und wenn man schon net kicken kann dann soll mans halt zugeben und nicht so einen Schas publizieren..

girls in the cage
11
15.4.2008, 15:03

vielleicht der schlechteste fussballer der nation...

16erblech
00
15.4.2008, 14:47
oiso i find des supa.-)))

klasse artikel!

dacube
01
15.4.2008, 13:22
klasser Artikel

er hat so eine herrliche Distanz zum Geschehen. Außerdem finde ich es interessant, wenn eine intelligente Person über ein Training mit Hans Krankl schreibt. Das wird noch lustig!

Herr Ärmel
00
15.4.2008, 16:32
sicher nicht

ohne jetzt ernsthaft bewerten zu wollen, wie lustig es tatsächlich werden könnte: Franzobel ist bei der ersten sich bietenden Gelegenheit weg. Krankl wird sich das sicher nicht antun.

dacube
00
15.4.2008, 16:51
hm,

vielleicht sollten wir Franzobel noch einige Verhaltenstipps mit auf den Weg geben, wie z.B.:

Freiwillige kommen beim Trainer immer gut an, immer als ersters am Platz sein, nicht über das Essen beschweren....

Ich, Tarzan
63
15.4.2008, 12:31
Diese Kolumne ...

... ist so eine Kanterniederlage. Herr Franzobel, schreiben S' Theaterstücke über den Austrofa, aber verschonen Sie den Fußball mit derart hanebüchenen literarischen Absonderungen. Das ist ja wirklich unpackbar.

urât
41
15.4.2008, 23:31
von nun an

bist du mein vorbild, wer kann mithalten mit deiner grazie, deiner intelligenz, deiner sprachbeherrschung, deiner scharfen, punktgenau treffenden analyse. ich werde mich bemühen, so zu denken wie du, zu schreiben wie du, dir ganz nahe zu kommen, auch auf die gefahr hin, alle deine läuse und flöhe laufen zu mir über, weil sie deine borniertheit nicht aushalten

Kubi80
36
15.4.2008, 10:10
arbeitet irgendein grossonkel oder schwager

des herrn franzobel im standardvorstand oder wie kommt jemand mit seinen "fähigkeiten" zu einer kolumne?

Ignaz Hronek
06
15.4.2008, 05:20
Sprache

"im Schneckerldativ und lautete: "Burschen, konzentrieren ma sich am Boi""

Franzobel hat sich lang genug in Wien aufgehalten, um wissen zu können, dass dieser Dativ kein "Schneckerldativ", sondern die jahrhundertealte Dativpräferenz ist, deren Beherrschung die Voraussetzung für eine Aufenthaltserlaubnis in Wien sein sollte (aber auf mich hört ja keiner).

Scio, non scio
00
15.4.2008, 09:55
das habe ich mir beim lesen auch gedacht

dacube
10
15.4.2008, 13:20
das habe ich MICH beim Lesen auch gedacht

muß es heißen...

Andreas Exenberger
01
29.4.2008, 14:28
Das ham MIR SICH UNS auch gedacht, ...

... so muss das sein!

headFlamingo
24
14.4.2008, 22:08
franzobel,

bevor du dich schriftlich so ausdrücken konntest wie du wolltest um die welt mit deinen ergüssen zu erfeuen und dein somit gefundenes Ich zu definieren musstest du auch erst einmal buchstaben lernen. das macht auch nicht immer nur spass!

was du für das grundübel des österreichischen fußballs hältst, gründet übrigens darin, dass fußball ein mannschaftsport ist, bei dem man gewisse dinge gemeinsam trainiert. schon aufgefallen?

und lass das heimliche rauchen am balkon, nicht weils der trainer verboten hat, sondern weils auf die kondi geht...

Franz Brandtwein
01
15.4.2008, 11:46

Aber lieber der Franzobel beim Ich-Definieren als der Scocek beim Politisieren (in der Fussballkolumne!)

dacube
02
15.4.2008, 13:24
vollkommen richtig!

Franzobels Schritte in die unzivilisierte Fußballwelt sind dreimal spannender als sämtliche Moralpredigten vom Skocek...

Franz Brandtwein
00
15.4.2008, 14:08

In diesem Zusammenhang noch empfehlenswert:
http://www.literaturhaus.at/buch/buch... benkoenig/

(unbezahlte Reklame ;-)

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