Einbrecher

16. April 2008, 20:40
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Die Schurken, sagte die Polizei, hätten in einer leeren Wohnung gewartet, bis das Stockwerk leer war – und wären dann seelenruhig von Terrasse zu Terrasse gewandert

Es war vergangene Woche. Da wurde bei K. eingebrochen. Aber nachdem wir K. ausgiebig bedauert hatten, sagte sie, dass sie all diese Tante-Jolesch-Sprüche zwar nicht mehr hören wolle, Torbergs schlaue Dame aber eben doch recht habe, wenn sie sage, dass der liebe Gott uns vor allem behüten möge, was sich mit „noch ein Glück“ etikettieren lässt. Weil es ja wirklich weit schlimmer hätte kommen können.

Klar, sagte K, sei sie sauer. Stinksauer. Schließlich „waren die in meiner Wäsche. In meinen Briefen. Überall. Und auch wenn ich das bisher für ein ganz blödes Stereotyp gehalten habe: Dieses Gefühl des Wehrlosseins ist weit schlimmer als jeder echte Schaden.“ Nicht nur, weil der Schmuck (alt und also unwiederbringlich), die drei Laptops von K., ihrem Mann und ihrem Sohn und all das andere Zeug ohnehin von der Versicherung bezahlt würde: „Ich hätte nie geglaubt, dass es mir so nahe gehen würde, wenn jemand in mein persönliches Reich eindringt.“

Rauchfangkehrersteig

Dabei, betont K., habe sie ja eben „noch Glück“ gehabt: Die Einbrecher kamen über die Dachterrasse. Am frühen Nachmittag. Sie dürften, sagte ein Polizist später, eine ständig leere Wohnung im Nachbarhaus aufgebrochen haben: Dann hätten sie gewartet, bis alle Wohnungen im Dachgeschoß von K.s Haus leer waren. Oder leer wirkten. Dann, so der Polizist, wären die Herren seelenruhig über den Rauchfangkehrersteg herübermarschiert und hätten eine Terrassentüre nach der anderen ausgehebelt.

Und zwar in aller Seelenruhe: Das kleine Radio, das K.s Familie immer laufen lässt und zur Tür dreht wenn der letzte die Wohnung verlässt, lief auch noch, als die Polizei anrief um K. mitzuteilen, dass vermutlich auch ihre Wohnung ... Sie solle doch bitte rasch heimkommen ... Man sei gerade bei den Nachbarn ... Wegen der Spurensicherung ..:

Pech

K. sagt, dass sie das ganze zuerst für einen Witz gehalten habe. Und als sie daheim angekommen war und ihre verwüstete Wohnung sah, habe sie sich noch gedacht, dass so was eben einfach Pech sei. Aber dann habe ihr ein Polizist gesagt, wann er glaube, dass die Bösewichter in die Wohnung eingestiegen wären. Und da, sagt K., wären ihr die Beine weggekippt: „Mein Sohn ist fünf, vielleicht zehn Minuten vorher aus dem Haus gegangen. Zur Oma.“ Und obwohl die Polizisten ihr versicherten, dass die Einbrecher ganz bestimmt just darauf gewartet hätten, bis auch der 11-jährige weg war, wird K. immer noch blass und wackelig, wenn sie nur daran denkt, was passieren hätte können. „Soviel zur Tante Jolesch.“

Trotzdem, sagt K., habe sie auch beinahe so etwas wie Mitleid mit den Einbrechern: „Wegen der Räucherstäbchen.“ Die, erzählt K., wären im Kinderzimmer gewesen. Ihr pubertierender Bub habe sich fast ein bisserl verrucht gefühlt, wenn er alle paar Tage ein Duftstangerl angezündet hätte. „Wieso klaut jemand so was? Das ist doch überhaupt nichts wert,“ habe sie den Mann von der Kriminalpolizei gefragt, erzählt K. Aber der habe den Kopf geschüttelt: „Diese Leute werden meist zum Einbrechen hierher gekarrt und dann wochenlang in Löchern untergebracht, in denen man nicht einmal Vieh halten dürfte.“

Die Räucherstäbchen, so der Polizist, wären für die Täter deshalb vermutlich unmittelbar wertvoller und wichtiger als alle Laptops, Kameras, Mäntel und Jacken des Raubzuges zusammen: „Sie wollen nicht wissen, wie diese Menschen leben. An dieser Stelle, sagt K., habe sie wirklich Mitleid empfunden. Aber nur kurz. Ganz kurz. Denn neben der nun leeren Räucherstäbchenlagerstelle habe noch etwas gefehlt: Das Sparschwein ihres Sohnes. „Dafür dass sie meinem Buben das Sparschwein mit seinen mühsam ersparten 240 Euro geklaut haben, könnte ich ihnen die Augen ausstechen. Jedes einzeln. Und zwar ganz ganz langsam.“ (Thomas Rottenberg/derStandard.at, 14.4.2008)

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