"Pflanzen aus der heidnischen Medizin"

15. April 2008, 16:37
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Das Wissen um traditionelle Heilpflanzen geht verloren - Zur Rettung hat Helmut Olesko die Akademie für Traditionelle Europäische Medizin gegründet

STANDARD: Sie haben eine auf Pflanzenwirkstoffe spezialisierte Pharmafirma aufgebaut, die jetzt ihr Sohn übernimmt. Anstatt den Ruhestand zu genießen, gründen Sie eine Akademie. Warum?

Olesko: Heilpflanzen sind in der EU unter Beschuss. Das alte Zulassungsgesetz für sogenannte traditionelle Heilmittel läuft 2012 aus. Ein neues Gesetz ist in Vorbereitung. Das sieht neue Zulassungsbestimmungen mit enormen Auflagen für vor. Damit sind alle Dinge, die jetzt am Markt sind, tot. Die Zulassung einer Teemischung mit drei Komponenten, wie sie in Apotheken verkauft wird, würde 100.000 Euro kosten. Das wird sich niemand antun, daher werden diese Dinge als weitgehend unkontrolliertes Nahrungsergänzungsmittel enden.

STANDARD: Eine Akademie wird daran wenig ändern ...

Olesko: Stimmt. Aber: Gemeinsam mit dem Institut für Pharmakognosie der Universität Wien haben wir zunächst 100 Heilpflanzen in das Österreichische Arzneibuch aufgenommen, damit gibt es hier einmal einen gewissen Schutz. Mit der Akademie gehen wir den nächsten Schritt. Es gibt nur wenige Ärzte, die solche Sachen noch verschreiben, weil das Wissen um die traditionellen Wirkstoffe in der Ausbildung nicht vermittelt wird. Die Unesco und die WHO unterstützen das.

STANDARD: Warum sind Pflanzenwirkstoffe zur gefährdeten Medizin geworden?

Olesko: Die Pflanzengeschichte hat immer noch viel mit der vorchristlichen und der heidnischen Medizin zu tun, vieles bezieht sich auf arabische Quellen, auf Hippokrates. Diese Medizin sollte mit Butz und Stingel ausgerissen werden. Da wurden die kundigen Frauen verbrannt, und die Medizin ist in stark zensierter und veränderter Form in die Klöster gekommen.

STANDARD: Was ist das Wesen von TEM?

Olesko: Es gibt viele Parallelen zu anderen traditionellen Medizinformen, etwa zur chinesischen Medizin, etwa die Säftelehre, nur heißt hier alles ein wenig anders. Die fünf Elemente der Chinesen sind bei uns vier Elemente plus Äther. Die Idee ist, dass man den Körper trainiert oder unterstützt, damit er seine Aufgaben selbst erledigen kann und nicht alles gleich substituiert. In der TEM geht es darum zu heilen und nicht nur darum, Patienten in einen erträglicheren Zustand zu versetzen.

STANDARD: Was unterscheidet die TEM von der Schulmedizin?

Olesko: Die TEM ist im besten Sinn ganzheitlich. Die Schulmedizin dagegen ist stark fragmentiert, da gibt es Spezialisten für einzelne Organe. So kann es vorkommen, dass der Lungenfacharzt Cortison verschreibt, Monate später bekommt der Patient einen schweren Hautausschlag. Den behandelt der Hautarzt - doch die beiden Spezialisten wissen nichts voneinander. Deshalb wäre ein Behandler, der seinen Patienten rundum kennt, natürlich sehr gefragt.

STANDARD: Woran erkennt man einen guten TEM-Behandler?

Olesko: Das ist extrem schwierig, es gibt inkriminierte Kräutertanten, die extrem gut sind. Und es gibt Komplementärmediziner, die extrem schlecht sind. Es gibt unglaublich viel Wissen an den Universitäten, wo es für jede Droge mindestens 20 Studien gibt. Und es gibt eben auch das Wissen von Leuten, die schon seit ewigen Zeiten damit umgehen und ihre Erfahrungen gesammelt haben.

STANDARD: Wenn Sie es sich wünschen könnten: Welchen Stellenwert sollte die TEM bekommen?

Olesko: Die TEM und die Schulmedizin müssen sich ergänzen. Lebenserhaltung, Selbstmedikation sowie das Wissen um eine gute Lebensführung, da ist die TEM gut. Die klassische Schulmedizin kommt im akuten Fall zum Einsatz, da funktioniert sie nämlich unheimlich gut.

STANDARD: TEM bleibt jenen vorbehalten, die sich das leisten können.

Olesko: Es gibt noch Mittel, die von den Kassen bezahlt werden, aber es werden immer weniger - was schade ist, weil sie billig und nebenwirkungsfrei sind.

STANDARD: Was wollen Sie mit der TEM-Akademie in zehn Jahren erreicht haben?

Olesko: Wir wünschen uns, dass Teile dieses Wissens wieder im Rahmen der normalen Medizinerausbildung gelehrt werden, einfach, weil es wieder akademische Lehrer geben wird, die das Fach beherrschen. Und wir wollen möglichst viele Ärzte und Apotheker ausbilden, sodass es in jedem Bundesland, in jeder Stadt Ärzte gibt, die so arbeiten. (Gottfried Derka, DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2008)

Serie über alternative Medizin
Teil 1: Die Traditionelle Europäische Medizin (TEM)

Siehe

Wissen: Pflanzen in der Schulmedizin

Die Heiler der Traditionellen Europäischen Medizin

  • Helmut Olesko (65) arbeitete  lange Zeit bei IBM, führte nebenbei  eine kleine Landwirtschaft in Niederösterreich und gründete 1974 Phytopharma, ein auf Herstellung und Vertrieb pflanzlicher Wirkstoffe spezialisiertes Unternehmen im oberösterreichischen Ternberg.

Olesko ist Begründer der Akademie für Traditionelle Europäische Medizin, kämpft darum, dass auch Teemischungen weiter als Heilmittel gelten. Eine neue EU-Bestimmung verschärft das Arzneigesetz.
    foto: standard/robert newald

    Helmut Olesko (65) arbeitete lange Zeit bei IBM, führte nebenbei eine kleine Landwirtschaft in Niederösterreich und gründete 1974 Phytopharma, ein auf Herstellung und Vertrieb pflanzlicher Wirkstoffe spezialisiertes Unternehmen im oberösterreichischen Ternberg.

    Olesko ist Begründer der Akademie für Traditionelle Europäische Medizin, kämpft darum, dass auch Teemischungen weiter als Heilmittel gelten. Eine neue EU-Bestimmung verschärft das Arzneigesetz.

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