Verbrechen lohnt sich doch

20. April 2008, 16:55
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Die Criminale, das Festival des deutschsprachigen Krimis, findet kommende Woche erstmals in Wien statt

Beim größten Autorentreffen Europas geben sich die Vertreter des Genres selbstbewusst.


Wien - "Kriminalromane liest heutzutage jeder." Viel war in der letzten Zeit vom Krimiboom die Rede. Die Buchbranche beschwört ihn seit Jahren - und mit Erfolg, wie Statistiken zeigen. Seit 2004 wachsen die Absatzzahlen der Sparte Kriminalliteratur in Österreich jährlich um 15 Prozent. Eigentlich müsste Wolf Haas an den Mehreinnahmen beteiligt werden, ihm ist die Aufwertung des Genres hierzulande vor allem zu verdanken.

Freilich wurden immer schon tendenziell mehr Krimis als andere Literatur gelesen. Das obige Zitat stammt denn auch nicht von der Pressekonferenz zum Festival Criminale, das von Mittwoch bis Sonntag an zahlreichen Orten in ganz Wien stattfinden wird. Nein, so wurde bereits 1937 gesprochen.

Der Satz kommt von einem Säulenheiligen des Metiers. Er war Morphinist, süchtig auch nach Büchern, schwerverschuldet, entmündigt und verbrachte den überwiegenden Teil seines kurzen, nach geläufigen Maßstäben gründlich verpfuschten Lebens in Schweizer Nervenheilanstalten. Und er war einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren und hieß Friedrich Glauser.

Weil sich kein Verleger für seine Schilderungen von Psychiatrie und Drogensucht begeistern konnte, beschloss der 1896 in Wien geborene Glauser, zumindest vordergründig das zu schreiben, was auch gelesen wird. Und: "Kriminalromane liest heutzutage jeder. So habe ich einen Schweizer Kriminalroman geschrieben, den 'Wachtmeister Studer'."

Glauser erwies sich in den wenigen Werken, die er bis zu seinem Tod durch eine Überdosis 1938 zu Papier bringen konnte, als Meister im Beobachten und im Atmosphärischen. Seit 1987 wird der nach ihm benannte Friedrich-Glauser-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres vergeben. Gestiftet wird die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung vom "Syndikat", der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren.

Das 400 Mitglieder zählende "Syndikat" veranstaltet seit 1986 jährlich in einer deutschen Stadt die Criminale. Heuer findet das Festival erstmals in Wien statt. Als künstlerische Leiterin fungiert Sabina Naber, 2007 Gewinnerin eines Glauser-Preises, als Veranstalter vor Ort das Echo Medienhaus, das auch die Kriminacht in den Wiener Kaffeehäusern ausrichtet. Pünktlich zum Festival sind Anthologien zum Thema Wien (A schöne Leich') und Fußball (Tödliche Elf) erschienen.

Alles greift also synergetisch ineinander, Mord trifft Sehenswürdigkeiten trifft EURO. Schon bevor in wenigen Wochen neue Buchmessen in Wien und Linz ihre Premieren feiern, beweist die Criminale: Die Ballung von Kulturereignissen zu großen, über sich selbst hinausweisenden Events ist auf dem Sektor Literatur nicht mehr aufzuhalten.

Diese Tendenz zum Festival ist eine zwiespältige Angelegenheit, wie der Krimiautor Jürgen Benvenuti erläutert: "Zum einen ist es eine traurige Tatsache, dass bei Einzellesungen, sofern man kein Star ist, oft nur eine Handvoll Leute auftaucht. Bei Festivals ist das Publikumsinteresse meist wesentlich größer, was für mich als Autor ja nichts Schlechtes ist."

Zum anderen: "Ich sehe es als problematisch an, dass das Rahmenprogramm einer Veranstaltung oft wichtiger zu sein scheint als der eigentliche Kern. Man denke nur an all die Veranstaltungen, die Krimilesungen und Weinverkostungen verbinden, oder an gepflegte Dinner mit Reservierungspflicht, bei denen dann die Krimilesungen quasi die Verdauungsgeräusche überdecken sollen." Benvenuti liest nicht bei der Criminale, weil er kein Mitglied im "Syndikat" ist - Voraussetzung für eine Teilnahme.

Special in Göteborg

"Wien wird durch diese Veranstaltung zu einem der Zentren der Kriminalliteratur", entgegnet Sabina Naber solchen Einwänden. "Aufgrund der Dichte und Omnipräsenz des Ereignisses wird der deutschsprachige Kriminalroman ein weiteres Stück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getragen. Und die jahrelange Aufbauarbeit zeitigt Früchte, immerhin sind wir den Skandinaviern bei der Göteborger Buchmesse erstmals ein Special wert."

Der Krimi hat als Cashcow längst Einzug in die Programme renommierter Verlage gefunden, er ist Gesellschaftsliteratur geworden und Lifestyle-Phänomen. Inwiefern er jedoch - wie in Glausers Fall - die Zeit und ihre Verbrechen reflektiert und mehr bietet als nur Weinbegleitung, wird sich auf der Criminale zeigen. (Sebastian Fasthuber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4.2008)

Wien im Krimifieber

220 Autoren sind im Rahmen der Criminale bei 80 Lesungen im Einsatz. Die Auftaktveranstaltung findet am Dienstag um 19 Uhr im Hotel Levante Parliament statt (Lesung mit 4-Gang-Menü, Reservierung). Regulär eröffnet wird das Festival am Mittwoch im Rathaus (19.30 Uhr). Volles Programm am Donnerstag und Freitag: Um ein breites Publikum zu erreichen, wird ab 16 Uhr neben Buchhandlungen, Literatur- und Kaffeehäusern auch im Bestattungsmuseum und in der Kanalisation gelesen.
Empfohlen: Am Donnerstag (19.30 Uhr) stellt im Literaturhaus (7., Zieglergasse 26a) Manfred Wieninger den Roman Rostige Flügel um Ermittler Marek Miert vor. Er lässt den nachhaltig bösen Text, in dem er auch die verdrängte Geschichte der Zwangsarbeiter thematisiert, im trostlosen Harland bei St. Pölten spielen.
Für den Freitag bietet sich um 19 Uhr ein Besuch im Segafredo Hernals (17., Elterleinplatz 5) an, wo Manfred Rebhandl seinen missratenen Gendarmen Biermösel im Dunklen tappen lässt. Um 20.30 liest Altmeister Ernst Hinterberger im Planetarium (2., Oswald-Thomas-Platz 1).
Der Glauser-Preis wird am Samstag (18.30 Uhr) im Rathaus vergeben. Lilian Faschinger ist für Stadt der Verlierer nominiert. (fasth)

Link: www.criminale.at

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    Tobias Moretti meinte im Standard vom Samstag: "Zuschauer sehnen sich nach Angst." Das gilt, wie die Statistik beweist, auch für Leser: Die Kriminalliteratur boomt.

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