Das Ziel im Weg

30. April 2008, 17:00
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In einem Labyrinth führt der Weg wiederholt vorbei am erstrebten Ziel, bis es endlich erreicht wird

"Die Bibliothek ist schrankenlos und periodisch", schreibt Jorge Luis Borges, der Meister des literarischen Labyrinths, in seiner Erzählung "Die Bibliothek von Babel". Diese Bibliothek, ein Labyrinth unendlich vieler Zeichen, in dem sich die Figuren fast verirren, ist auch zentrales Motiv in Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose".

Das Labyrinth ist, wie auch die Spirale, ein archetypisches Ursymbol, das seit 4000 Jahren fast überall auf der Welt vorkommt. Historisch wird es mit dem sagenhaften Bauwerk des Daidalos auf Kreta verknüpft, in dem Minotauros, ein Wesen halb Stier, halb Mensch, gefangen ist und Menschenopfer verlangt - bis ihn schließlich Theseus bezwingt und tötet, und am Faden der Königstochter Ariadne wieder aus dem Labyrinth herausfindet.

Verschlungener Weg

Seit Jahrtausenden ist die Menschheit fasziniert von der Vorstellung eines Bauwerkes, in dessen kompliziert und verwirrend angelegtem Gangsystem man sich rettungslos verirren kann. Die Formen von Labyrinthen sind vielfältig, man kann zwei Grundtypen unterscheiden. Das eine ist ein in sich verschlungener oder gefalteter Weg, der sich aber nicht verzweigt, sondern eindeutig zu einem Ziel führt. In einem solchen Labyrinth ist es nicht möglich, sich zu verirren. Bewegt man sich ununterbrochen voran, erreicht man mit Sicherheit das Ziel, und kehrt man dort um, erreicht man ebenso sicher wieder den Eingang. Mit einem Maximum an Umweg wird der Innenraum ausgefüllt, der Weg ist kreuzungsfrei und er bietet keine Wahlmöglichkeit beim Gehen.

Irrgarten

Mit dem anderen Typ des Labyrinths meint man einen Irrgarten, also ein unübersichtliches Gebiet mit Wegen, die sich verzweigen und von denen viele, bis auf einen, nicht zum Ziel führen, sondern in Sackgassen enden oder als Schleifen in sich zurück kehren. Hier müssen beim Begehen immer wieder Entscheidungen getroffen werden, und ein Verirren ist möglich: man kann sich beliebig lange in dem System umher bewegen, ohne zum Ziel oder zum Ausgang zu kommen.

Gartengestaltung

Das Labyrinth ist ein klassisches Element der Gartengestaltung und erlebte im England des 17. und 18. Jahrhundert eine Blütezeit. Auch in Österreich gab es Gartenlabyrinthe, das bedeutendste war in Schönbrunn in Wien. Es bestand aus mehreren Sektoren, durch die ein Weg mit einer Länge von nahezu vier Kilometer führte.

Labyrinth ähnliche Formen

In der Natur finden sich Spiral-Formen bei Schnecken, Muscheln, Farnen, Wasser- und Luftwirbel, im Zellkern der roten Blutkörperchen. Die Spirale ist ebenfalls eines der ältesten Ewigkeitssymbole. Sie ist kein Symbol für Absolutes, denn sie ist kein Ganzes, da sie ihrer Natur nach niemals abgeschlossen sein kann. Auch die Struktur des Gehirns mit seinen verschlungenen Wegen erinnert an ein Labyrinth.

Geheimnisvolles Labyrinth

Gernot Candolini widmet sich in seinem Buch „Das geheimnisvolle Labyrinth“ dem Mythos und der Geschichte dieses Menschheitssymbols und zeigt anhand vieler Abbildungen eine faszinierende Welt, die von alten Zeichen und Ritualen über die Symbolik bis zu heutigen Labyrinthen reicht. Ob man über Labyrinthe denkend rätselt in Labyrinthen rätselnd lustwandelt, eines gilt für alle: In Labyrinthen führt der Weg wiederholt vorbei am erstrebten Ziel, bis es endlich erreicht wird, eine mögliche Alternative zu unseren heute üblichen Denkmustern ... (schatz)

Gernot Candolini:
Das geheimnisvolle Labyrinth
Mythos und Geschichte eines Menschheitssymbols
München (Pattloch) 2008
EUR 20,60
256 Seiten
  • Das geheimnisvolle Labyrinth
    foto: buchcover

    Das geheimnisvolle Labyrinth

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