STANDARD-Interview: "Gelegenheit macht Hochsee-Diebe"

13. April 2008, 18:49
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Der Piraterie-Experte Jean-Michel Barrault erläutert, wie gewalttätig die "Freibeuter" auf den Weltmeeren agieren und wie sich die Schiffseigner dagegen wehren

STANDARD: Vor Somalia gelang es Piraten erstmals, ein Kreuzfahrtschiff zu kapern. Wie ging das vor sich?

Barrault: Die somalischen Piraten agieren im Normalfall von einem großen Trägerschiff aus. Von diesem "Mutterschiff" aus greifen sie vorbeifahrende Beute mit kleinen Schnellbooten an. Im vorliegenden Fall hatten sie, wie man hört, ein anderes Opfer ins Visier genommen, doch entdeckten sie die schöne "Ponant". Gelegenheit macht Hochseediebe.

STANDARD: Wehren sich die Mannschaften?

Barrault: Nicht, wenn die Piraten einmal an Bord sind. Die meisten Kapitäne verbieten der Besatzung ohnehin das Waffentragen. Wenn Hilfe in der Nähe ist, ergeht ein Notruf.

STANDARD: Wie laufen Lösegeldverhandlungen ab?

Barrault: Meist meldet sich ein anonymer Agent, oft ein Waffenhändler, der die Somalis vertritt, via Mobiltelefon beim Schiffsbesitzer. Dann wird wochen- oder gar monatelang gefeilscht. Sobald eine Einigung erzielt ist und das Geld auf einem sicheren Konto der Karibik oder Liechtensteins eingetroffen ist, kann die Mannschaft den Anker lichten.

STANDARD: Wie hoch sind die Lösegelder?

Barrault: Indische Amateurpiraten geben sich bisweilen mit umgerechnet rund 32.000 Euro zufrieden. In Somalia wurden für die Loslösung eines russischen Schleppers letzthin 450.000 Euro bezahlt.

STANDARD: Wie würden Sie einen typischen Piraten des 21. Jahrhunderts beschreiben?

Barrault: Es gibt große Unterschiede. In Bangladesch, im Golf von Guinea oder im Amazonas-Gebiet gibt es bettelarme Fischer, die oft nur auf der Suche nach Geld sind, um sich ernähren zu können. Bei Haiti griffen sie ein kleines Schiff kürzlich mit bloßen Steinen an. Das andere Extrem bilden die bewaffneten Banden Südostasiens; sie haben Sturmgewehre, Granaten, Raketenwerfer sowie Gummischnellboote. Die modernen Piraten sind äußert gewalttätig. Sie schießen sofort. Die haben ein anderes Verhältnis zu Leben und Tod als wir.

STANDARD: Wie schützen sich die großen Schiffsflotten gegen Piraten?

Barrault: Einzelne Reeder bauen Scheinwerfer und Wasserkanonen ein oder schließen nachts die Reling mit an einen Stromkreislauf von 9000 Volt an. Andere haben Schallgeräte, die in den Ohren schmerzen.

STANDARD: Und wenn die Piraten einmal an Bord sind?

Barrault: Versteckte Sender erlauben es heute, den Kurs eines gekaperten Schiffs via Satellit zu verfolgen. Der in Singapur gestartete Frachter "Surya Wira I" zum Beispiel wurde schon am Tag nach seiner Entführung gefunden, obwohl ihn die Piraten blitzschnell neu angestrichen und umbenannt hatten. (Das Interview führte Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD-Printausgabe, 12.4.2008)

  • Jean-Michel Barrault ist Piraterie- Experte, Marineautor und Weltumsegler. 2007 erschien sein Buch "Pirates des mers d'aujourd'hui" (Verlag Gallimard).
    foto: stefan brändle

    Jean-Michel Barrault ist Piraterie- Experte, Marineautor und Weltumsegler. 2007 erschien sein Buch "Pirates des mers d'aujourd'hui" (Verlag Gallimard).

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