Der Analytiker gegen den Muskelprotz

Redaktion, 16. April 2008 11:01
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    Foto: polyfilm

    Kein Fernsehen ohne Politik – oder umgekehrt? Valerio Mastandrea (li.) und Elio de Capitani als Politikerdarsteller in Nanni Morettis "Il Caimano – Der Italiener".

Nanni Morettis Politsatire "Il Caimano – Der Italiener" entstand noch zu Zeiten, als Silvio Berlusconi an der Macht war - Durch die jetzigen Wahlen bekommt sie neue Aktualität

Wien – Der langjährige italienische Premierminister Silvio Berlusconi war, mit seinen schlechtsitzenden Anzügen, seinem transplantierten Haar und seinem seltsamen Humor, immer eher ein Mann für die Boulevardmedien als für das Kino. Zu sehr schien dieser Populist mit den Trash-Formaten seiner Fernsehsender verwachsen, als dass da satirisch oder analytisch noch viel zu machen wäre. Ein einziger Mann in Italien schien über die nötige Unverfrorenheit und Integrität zu verfügen, sich diesem Phänomen mit den Mitteln des Kinos zu nähern.

Mangel an Orientierung

Nanni Moretti hat denn auch mit Il Caimano – der Film entstand 2006, also noch zu Zeiten, als Berlusconi an der Macht war, und bekommt durch die anstehenden Wahlen in Italien neue Aktualität – nicht einfach eine Komödie über einen Politiker gemacht, der sich über Gesetze und Regeln (und seien es nur die des Anstands) hinwegsetzt. Es ist vielmehr ein zwar komischer, im Grunde aber ernsthafter Versuch, den Aufstieg des "gesetzlosen" Politikers Berlusconi aus der Orientierungslosigkeit einer ganzen Kultur heraus zu verstehen.

Moretti, Regisseur, Autor und Schauspieler seit Mitte der 70er-Jahre, der sich durchaus selbstbewusst als Gewissen der Nation versteht und sich zugleich immer wieder darüber lustig macht (Palombella rossa, 1989; Liebes Tagebuch, 1993; Aprile, 1998), erzählt von dem Filmproduzenten Bruno Bonomo (Silvio Orlando). Der hatte seine beste Zeit mit den Sandalenfilmen der Sechziger- und Siebzigerjahre. Sein Herkules gegen Freud wird heute noch gelegentlich verlangt.

Nun will Bonomo, der privat auch noch die Trennung von seiner Frau zu verkraften hat, einen Film über Kolumbus drehen. Da kommt ein Drehbuch auf den Tisch: Der Kaiman – Il Caimano. Bonomo durchschaut nicht gleich, dass es sich hier um einen Schlüsselfilm über Berlusconi handelt, aber er vertraut der jungen Autorin Teresa (Jasmine Trinca), die auch noch selbst Regie führen soll. Vor allem die Suche nach einem Hauptdarsteller führt zu einigen großartigen Szenen. Der Höhepunkt ist erreicht, als Michele Placido (bekannt aus Allein gegen die Mafia) sich bereiterklärt, die Rolle zu übernehmen. Auch Nanni Moretti selbst kommt ins Spiel, mit seiner übellaunigen Präsenz erweist er sich als der einzige ebenbürtige Gegner für Berlusconi.

Mit seinen Fernsehsendern hat der Politiker viel dazu beigetragen, dass die italienische Politik immer "fiktionaler" wurde – dieses Argument der Intellektuellen hat Nanni Moretti mit Il Caimano wieder auf die Beine gestellt. Er weist darauf hin, dass es das italienische Kino selbst war, das die Superhelden-Imagos vorbereitet hat, in die Berlusconi sich nun einschreibt. Und er wirkt gerade deswegen auf viele Menschen so attraktiv, weil er zugleich die Schwächen des kleinen Mannes sichtbar werden lässt. Die Politik darf beides zugleich sein: Heldenepos und Melodram, Befriedigung und Enttäuschung. Großes Reinemachen und kleine kosmetische Korrektur.

Herkules gegen Freud

Der Filmtitel Herkules gegen Freud, der zwischendurch fällt, ist deswegen so beziehungsreich, weil in diesem Duell die Wahl der Waffen sehr gut auf die Situation Morettis übertragbar ist. Er ist der Analytiker, der einem Muskelprotz gegenübersteht – auf welche Weise soll diese Auseinandersetzung geführt werden?

Il Caimano ist eine großartige Verschiebung, weil Moretti nicht auf eine gemeinsame Front gegen Berlusconi abzielt, sondern auf die Bewusstwerdung der Schwächen der (gespaltenen) Opposition. Die Aufrichtigkeit der jungen Regisseurin Teresa ruft geradezu nach einem Zyniker wie Moretti, der Produzent Bruno wird zwischen diesen Positionen aufgerieben.

Die hehren Traditionen des italienischen Films wurden schon vor vierzig Jahren vergessen. Nach Berlusconi gibt es keinen Neorealismus mehr, sondern nur noch die Realsatire. Wobei die bittere Pointe ist, dass der Kasperl und das Krokodil ein und dieselbe Person sind. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 12/13.04.2008)

Jetzt im Kino
Stotterer
13.04.2008 14:41
Einer, der so oft wie Berlusconi vor den Richtertisch treten musste,

der Steuerhinterziehung öffentlich quasi gutheisst und platt und niveaulos daherredet, hat das heutige Italien wohl verdient. Giftmüll, Bodenverseuchung, Wein- und Mozarellaskandal - als hätte dieses Land mit seiner extremen Rechten nicht Probleme genug. Die italienischen Wähler müssen schon einen ordentlichen Schuss haben.

Centurio
 
12.04.2008 19:45
Berlusconi - schlechtsitzende Anzüge ?

Herr Rebhandl hat von Anzügen wohl keine Ahnung: Berlusconi trägt perfekt sitzende Massanzüge. Das ist auf jedem Foto von Berlusconi zu sehen.

FabulousX
13.04.2008 15:51
beim Standard

wird alles was nur leicht rechts von Links ist, gebashed.

ali salod
11.04.2008 22:17

die linken haben gegen den personenkult berlusconis nur den gegenkult: das feindbild.
eine armselige antwort.

ignorieren wäre besser gewesen. jetzt geht dieser giftzwerg noch in die filmgeschichte ein. zuviel der ehre für einen lügner, schwindler, mafioso.

Michael B
12.04.2008 10:56
Man tut sich nur schwer, jemanden zu ignorieren, den ein großer Teil der Bevölkerung wählt.

Das hat auch bei Haider nicht funktioniert.
Was wirklich hilft, ist, dessen Lächerlichkeit bloßzustellen.
Das hat auch bei Haider funktioniert. Außer in Kärnten. Aber das grenzt ja auch an Italien.

ali salod
12.04.2008 16:11

ach, und wieviele haben den Austrofaschisten-Freund Schüssel gewählt? ist doch die gleiche Bande.

Kärnten teilt mit Italien nichts außer ein paar km grenze.

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