Programme pro Provinz

17. April 2008, 11:33
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Die Kulturellen Dörfer verstehen sich als Gegenkonzept zur Europäischen Kulturhauptstadt

Nein, kein berühmter Dichter. Keine Krone, keine Diamanten. Kein ungewöhnlicher Baustil. Kirchheim im Innkreis ist ein 700-Seelen-Dorf in Oberösterreich, hat brave Ein- und Zweifamilienhäuser, ein paar Höfe, im Zentrum eine Kirche mit Zwiebelturm. Feuerwehr, Chor, Trachtenkapelle. Ein Dorf wie viele andere – und doch: Kirchheim ist Europäisches Kulturdorf. Das einzige Österreichs.

Der Bürgermeister steckt, wie es sich gehört für Bürgermeister, mal hier, mal dort, hält Reden, spricht Grußworte, bringt Ideen und Menschen zusammen, schiebt an. So passiert es, dass er über drei Ecken vom Projekt der "Kulturellen Dörfer Europas" hört. Da will er dabei sein! Und das wollen auch die Kirchheimer. Europäische Kulturdörfer verstehen sich als Gegenentwurf zur Europäischen Kulturhauptstadt. Keine Parallele in Grün, aber ein selbstbewusstes Bekenntnis zum Leben auf dem Land.

Im dänischen Tammerup feierten die 8000 Einwohner 1989 das Ende der Ost-West-Spaltung mit rund 400 Menschen aus den sozialistischen Staaten. Wie lebt es sich hier, wie dort? Wo sind Schwächen, wo Stärken? Was gibt es zu tun? Als dann 1996 Kopenhagen Europäische Kulturhauptstadt wurde, erhob sich der kleine Ort im fünischen Hochland trotzig zwischen Hügeln, Tälern und Wäldern und proklamierte sich selbst zum Kulturdorf Europas. "Kultur – was ist das?", fragen die Aufständischen. Das gut vermarktete Nonplusultra der Metropolen? Oder das gemeinschaftliche Leben nach Traditionen? Brauchtum und Landwirtschaft, gepaart mit dem Geist der Moderne? "Die Dörfer waren zuerst da!"

Manifeste Dorferneuerung

Im gleichen Jahr veröffentlichte Bert Kisjes im niederländischen Wijk aan Zee sein "Manifest Over Dorpen" (über Dörfer). Damit war der erste Schritt zur neuen Gemeinschaft der Kulturellen Dörfer Europas getan. Dörfer aus elf Ländern waren es schließlich, die sich 1999 per Charta verpflichteten, das Dorfleben zu stärken, aktiv und kreativ das Ausbluten der ländlichen Regionen zu stoppen und stille Siedlungen in "vital villages" zu wandeln: das nordholländische Wijk aan Zee, Mellionnec in der französischen Bretagne, der tschechische Ort Bystré, Pergine Valdarno in der Toscana, Aldebourgh an der englischen Ostküste, die griechische Insel Paxos und andere. Kirchheim im Innkreis bei Linz – der Kulturhauptstadt 2009 –, gesellte sich erst später dazu.

"Wir glauben, dass das Dorfleben wichtig ist für die Zukunft und den Wohlstand Europas", heißt es in der Präambel der Charta. Und: "Das Dorf ist eine alte und erprobte Form." Nicht auf das Produkt ziele die Dorfkultur ab, sondern auf den Schaffensprozess. In diesem Sinne: Alle Initiative geht von den Dorfbewohnern aus. Bunt, persönlich, über viele Kanäle. "Das ist eine wunderbare, herzliche, bewegende Sache", schwärmt Kirchheims Bürgermeister Hans Hartl. Da werden E-Mails verschickt, Gäste aus Ungarn, Italien oder Tschechien werden privat bewirtet, Jugendliche nehmen an Camps teil, sprechen plötzlich gern Englisch, üben traditionelle Tänze der Gastländer ein, lernen alte und neue Spiele kennen, messen sich im sportlichen Wettkampf, veranstalten Workshops.

Asturien als Bühne

Jedes Jahr richtet ein anderes Kulturdorf das Programm aus; dieses Jahr Porrúa. Das 400-Seelen-Dörfchen in Asturien liegt am Fuße eines malerischen Faltengebirgszuges, den Picos de Europa. Bis zu mehr als 2600 Meter ragen die Gipfel in die Höhe. Höhlen, steinerne Rinnen und Kalktuff prägen die Karstlandschaft. Auf der anderen Seite des Ortes sind es nur wenige Schritte bis zum Meer und den 30 km langen Sandstränden. Eine Landschaft, wie gemacht für Urlauber, die das Ursprüngliche suchen. Zumal diese neben der abwechslungsreichen Natur schmackhafte Produkte wie zwanzig verschiedene Käsesorten angeboten kommen. Natürlich in der Region hergestellt, aus der Milch eigener Rinder. Denn davon leben die Einwohner des spanischen Dörfchens. Und von der touristischen Attraktivität ihres Brauchtums: Prozessionen, Feste, folkloristische Ereignisse. Für die Tracht der Männer ist Porrúa sogar Namensgeber. Im ethnografischen Museum lässt sich Kulturgeschichtliches aus der Provinz Asturien vertiefen.

In dieser Umgebung werden im Mai die Bürgermeister der Kulturdörfer zusammentreffen, zum Pläneschmieden. Neue Projekte werden geboren, Techniken weitergegeben, Ideen übertragen, Betriebe besichtigt. Und dann, im September, kommen alle nach Spanien: Gruppen aus Aldeburgh, Bystré, Paxos, Mellionnec, Ströbeck und Tommerup. Ein europäisches Festival soll das werden, mit Vorführungen, Tanz, Museumsbesuch und Party, Grillen im Park und Kulturausflügen ins Umland von Perrúa. Und Musik wird es geben, sehr viel Musik. Schließlich spielt fast das ganze Dorf Dudelsack oder Trommel: Von den rund 400 Einwohnern besuchen 80 die örtliche Musikschule.

Später, daheim, wird man Dank-Mails verschicken, vielleicht sogar Briefe schreiben. Die lokalen Aktionsgruppen werden beginnen, kreative Landpakete zu schnüren. Und in den Gemeinderäten wird man mit neuen Mitteln versuchen, Greißler und Tankstellen im Ort zu halten.

Das gesellige Treiben ist auch Antwort auf das Charta-Bekenntnis, "alles zu tun, um die ländliche Entwicklung zu fördern". Erst dann wachse ein echtes Interesse, im Ort einzukaufen, Gewerbe, Höfe und Handwerk im Dorf zu unterstützen, Rad zu fahren und zu wandern. Schlicht: sich wohlzufühlen, die Vorzüge des Landes zu genießen. Oder, wie es Bürgermeister Hartl auf den Punkt bringt: "Wenn ich aus der Haustüre raus bin, bin ich Tourist." Übrigens: 2010 wird Kirchheim im Innkreis 900 Jahre alt – und Gastgeber für die Kulturellen Dörfer Europas. (Laelia Kaderas/DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.4.2008)

  • Europas Kulturelle Dörfer definieren sich über die Landschaft, die sie umgibt. Um Porrúa etwa darf der Horreo, ein Getreidespeicher auf Stelzen, in diesem Bild nicht fehlen.
    foto: info asturias

    Europas Kulturelle Dörfer definieren sich über die Landschaft, die sie umgibt. Um Porrúa etwa darf der Horreo, ein Getreidespeicher auf Stelzen, in diesem Bild nicht fehlen.

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