Begleitpferde - Barbara Frischmuth

11. April 2008, 16:49
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Als sie beim Schwanz des Pferdes angekommen war, trat es nach ihr, und die hölzerne Trennwand, die es an ihrer Stelle traf, krachte splitternd zusammen

Das erste Pferd, das Julie kennenlernte, war das Pferd des Fuhrmanns, der mit seiner Frau im Parterre des Privathauses wohnte. Das Pferd stand in der ehemaligen Garage ihres Vaters, der seit zwei Jahren tot war und an den sie sich nicht mehr erinnern konnte. Es war ein gutmütiges Pferd, das auch nicht nach ihr geschlagen hätte, wenn sie aus seinem Schweif Zöpfe hätte flechten wollen. Sie ging mit, wenn das Pferd gefüttert wurde, und manchmal hob der Fuhrmann sie auf den Rücken des Pferdes, allerdings ließ er sie dabei nicht los.

Im Hotel drüben wohnten jetzt Ungarn. Zuerst waren Rumänen gekommen, mit deren Kindern Julie gespielt hatte. Die Ungarn hatten keine Kinder oder sie erlaubten ihnen nicht, sich außerhalb des Hotels aufzuhalten. Die Ungarn hatten Pferde, zwei Pferde, die sie im Freien grasen ließen. Sie rammten einen Heuschober in die Erde, banden das eine Ende des Stricks am Halfter fest, das andere an dem Schober, und die Pferde fraßen drumherum das Gras.

Julie saß auf der Fensterbank in der Küche der Frau des Gärtners und schaute hinaus, während sie mit ihr redete. Sie schaute auf die Felswand und davor auf den See und davor auf die Wiese, aus der die Pferde schon eine Reihe von Kreisen gefressen hatten. Wie sie sich später ausrechnete, war sie vier Jahre alt, und die Rumänen und die Ungarn waren Mitglieder der faschistischen Exilregierungen ihrer Länder, die auf der Flucht in den Westen von den Nazis in Hotels, die sie requiriert hatten, untergebracht worden waren, so auch in dem kleinen Hotel ihrer Mutter.

Wie sie später in einem Geschichtsbuch nachlesen konnte, hatten die Ungarn sogar ihre Krone mitgebracht, die mehr als tausend Jahre alte Stephanskrone, die sie danach im Nachbarort den Alliierten übergaben. Es war gegen Kriegsende, und die Lebensmittel waren knapp.

Die Sonne hatte den leichten Wolkenschal abgelegt und spiegelte sich im Wasser. Julie sah ein paar von den Ungarn auf der Wiese. Auch Frauen waren dabei, mit Eimern. Oder waren es Lavoirs? Einer der Ungarn zog den Schober heraus, legte ihn sachte mit der Spitze auf die Kruppe des Pferdes, als wolle er auf eine bestimmte Stelle zeigen. Aber vielleicht hatte sie sich das auch nur eingebildet. Ein anderer hob ein Gewehr an sein Gesicht und schoss. Das Pferd riss den Kopf hoch, drehte sich nach dem, der geschossen hatte, um, schwankte und brach zusammen.

Während Julie verwundert von einem zum anderen schaute, sah sie, wie das zweite Pferd seinen Schober aus der Erde riss und – ihn hinter sich herziehend – in gestrecktem Galopp davonrannte. Es schien begriffen zu haben, was mit ihm geschehen sollte. Und mit dem Pferd hatte auch Julie begriffen. Zwei Männer nahmen die Verfolgung auf. Sie schrie, aber da stand die Frau des Gärtners bereits neben ihr und hielt ihr die Hand vor die Augen. Zwischen den Fingern hindurch konnte sie sehen, wie ein anderer Mann damit begann, das am Boden liegende Pferd zu zerteilen.

"Sie sind hungrig, sagte die Frau des Gärtners. Und sie haben nichts mehr zu essen, verstehst du?" Julie sagte nichts. Sie sagte drei Tage lang nichts. Kein Sterbenswort. Weil sie nicht konnte oder weil sie nicht wollte. Sie erinnerte sich nicht mehr daran. Woran sie sich erinnerte, war das Pferd, das davongehetzt war, mitsamt dem Heuschober, der hinter ihm herpolterte.

Bald darauf gab es ein zweites Pferd im Stall. Ihre Tante, die in der Widerstandsbewegung tätig gewesen war, hatte von den Amerikanern ein Pferd bekommen. (Die Tante war übrigens noch kurz vor ihrem Tod in den 90er-Jahren mit einem Baum in Yad Vashem geehrt worden.) Sie hatte keinen Stall zur Verfügung, und so stellte sie das Pferd neben dem Fuhrpferd unter. Es war ein nervöses Pferd. Julie ging in den Stall und um das Pferd herum. Sie wollte es kennenlernen, aber als sie beim Schwanz des Pferdes angekommen war, trat es nach ihr, und die hölzerne Trennwand, die es an ihrer Stelle traf, krachte splitternd zusammen. Sie war heftig erschrocken, weniger vor dem Tritt als vor dem Gesicht des Gärtners, der sie anbrüllte, sie solle sich nie hinter ein Pferd stellen, das sie nicht kenne. Julie hatte verstanden und hielt sich von da an daran. Nur nicht bei dem Fuhrpferd, mit dem sie vertraut blieb. Selbst als der Fuhrmann, seine Frau und das Pferd woanders hingezogen waren.

Julie besuchte sie oft. Sie waren ihre Zuflucht, wenn sie es zu Hause nicht aushielt. Die Frau des Fuhrmanns war klein und schmal und hatte dicke schwarze Haare, die sie zu einem Zopf flocht, den sie hinten am Kopf feststeckte. Sie stammte aus dem Burgenland und brachte ihr bei, wie man auf Ungarisch zählt.

Wenn Julie über Nacht blieb, schlief sie im Ehebett zwischen den beiden, später auf dem Sofa vor dem Schlafzimmer, als sie für das Ehebett schon zu groß war. Julie wäre bei ihnen geblieben, wenn es nach ihr gegangen wäre, aber ganz wollte ihre Mutter sie nicht hergeben. Obwohl sie jetzt einen neuen Mann und ein neues Kind hatte, einen Buben, den alle herzten, weil er so hübsch war.

Wenn der Fuhrmann müde nach Hause kam, setzte er sich auf den Diwan neben dem Küchentisch, aß Brot mit Speck und trank Bier dazu, während er im Radio die Nachrichten hörte. Er hatte sich vor Jahren die Zehen abgefroren und musste daher nicht in den Krieg. Wenn er ging, schwankte er, ohne betrunken zu sein. Er war ein klobiger, dunkelhaariger und dunkelgesichtiger Mann, und wenn er guter Laune war, ließ er sich von Julie die Mitesser auf der Nase ausdrücken, wobei er laut jammerte und klagte, dass seine Schönheit derart leiden müsse.

An manchen Tagen, wenn sie mit der Frau des Fuhrmanns in die Beeren ging, besuchten sie den Fuhrmann beim Holzmachen, und Julie bestieg das an einen Stamm gebundene Pferd von einem Baumstrunk aus und rutschte an seinem Hals herunter. Manchmal blieb sie auch, bis der Fuhrmann alles Holz geladen hatte, während seine Frau nach Hause gegangen war, um Essen zu kochen. Es machte sie glücklich, neben dem Fuhrmann auf dem Kutschbock zu sitzen. Manchmal durfte sie die Zügel halten. Und wenn es zu spät und zu kalt geworden war, ließ der Fuhrmann sie beim Nach-Hause-Fahren unter seine hasenfellgefütterte Jacke kriechen.

Sie wusste, dass er das Pferd manchmal schlug, aber sie war nie dabei gewesen. Und so dachte sie, es wäre auch nichts anderes als der leichte Schlag, den er ihr manchmal versetzte, wenn sie etwas angestellt hatte. So wie damals, als sie das erste Mal von zu Hause weggelaufen war. Sie war noch sehr klein gewesen und hatte ihr Sitzwägelchen mitgenommen. Er fand sie, während sie an der Seeklause stand und den Fischen zuschaute. Er sagte nichts, gab ihr eine auf den Hintern, setzte sie in ihr Wägelchen, das er mit einem Pferdestrick am Gepäckträger seines Fahrrads festband, und fuhr mit ihr nach Hause.

Nur dann schlägt er das Pferd

Er hatte den Wagen zu schwer beladen. Da war eine kleine Steigung, bevor es dann leicht bergab vom Wald in den Stall ging. Das Pferd kam nicht in Schwung, und er war wohl zu müde, um einen Teil des Holzes wieder abzuladen. Er brüllte. Das Pferd zog an, aber es kam nicht vom Fleck. Er versuchte, es mit kurzem Zügel die Steigung mehr hochzuziehen als zu führen, aber das Pferd schnaubte nur und schüttelte unwillig den Kopf.

Zuerst ließ er die Peitsche nur auf seinem Rücken tanzen, aber als das nichts half, begann er das Pferd tatsächlich zu schlagen. Seine Augen waren rot, er drosch zu wie im Rausch, und als sie immer wieder "Hör auf!" schrie, drohte er auch ihr mit der Peitsche.

Plötzlich ging ein Ruck durch das ganze Fuhrwerk. Es bewegte sich einen Schritt nach vorne, und dann noch einen. Es ging also. Was ihn irgendwie noch wütender zu machen schien. Und er drosch weiter auf das Pferd ein, bis es die Steigung zur Gänze überwunden hatte. Dann schwang er sich auf den Kutschbock und rief ihr zu, sie solle aufsteigen, aber sie war schon weinend vorausgelaufen.

Die Frau des Fuhrmanns wusste sofort, was los war, als sie Julie tränenverschmiert und unfähig, zu sprechen, ins Haus stolpern sah. "Das tut er nur, wenn ihm alles wehtut, die Füße, das Kreuz, die Arme, alles, verstehst du? Es kommt vom vielen Arbeiten. Nur dann schlägt er das Pferd." Aber Julie konnte sich nicht und nicht beruhigen.

Jahre später – Julie war längst erwachsen – lebte sie eine Zeitlang in einem Gestüt, half, wo sie helfen konnte, in der Küche, im Stall, manchmal ritt sie auch im Training mit, wenn die Pferde auf ein Rennen vorbereitet werden mussten und auf dem weichen Steppenboden bewegt wurden, damit sie ihre Gelenke schonten.

Es war schwül – irgendwann würde ein Gewitter kommen –, als sie sich zur Trainingsgruppe formierten. Sie saß auf einer Stute, die keine Jockeys mochte. Daher hatte man sie ihr zugeteilt, aber das half auch nichts. Wahrscheinlich wollte die Stute nicht geritten werden. Schon im Hof bäumte sie sich mehrmals auf, beruhigte sich aber wieder.

Als sie die Trainingsbahn erreichten und den Pferden die Zügel lassen konnten, brach die Stute aus, so unvermittelt, dass Julie sich mit Mühe im Sattel halten konnte. Die Stute fing an zu bocken, und es war klar, dass es ihr gelingen würde, Julie abzuwerfen. Um nicht mitgeschliffen zu werden, wenn sie in einem der Steigbügel hängenblieb, schlüpfte sie aus den Bügeln und zog den Kopf ein. Zuerst wurde sie in die Luft geschleudert, dann fiel sie auf den Rücken und kriegte keine Luft mehr.

Als sie wieder zu Bewusstsein kam, sah sie über sich nur den Himmel. Die Wolkenformation war die gleiche wie über dem Schlachtfeld von Austerlitz, auf dem Andrej Fürst Bolkonski verwundet lag und in den Himmel starrte, wie sie es erst vor kurzem in der russischen Verfilmung von Krieg und Frieden gesehen hatte.

Da erinnerte sie sich daran, dass Fürst Andrej auf diesem Schlachtfeld nicht gestorben war. So wie er konnte auch sie sich nicht bewegen, und ihr war klar, dass sie noch eine Weile so liegen würde, zumindest bis jemand ins Gestüt zurückgefahren war und ein Auto geholt hatte. Handy gab es Anfang der 70er-Jahre keines.

Die Stute wurde erst gegen Abend gefunden. Sie hatten schon befürchtet, sie wäre über die Grenze gelaufen, die dieses Land ganz in der Nähe von einem anderen trennte. Das hätte eine Menge Scherereien gebracht. Zum Glück hatte die Stute sich nur in den Marchauen verlaufen, wo sie zitternd und todmüde von einem Bauern gefunden wurde, der sie in seinen eigenen Stall stellte. (Barbara Frischmuth, ALBUM/DER STANDARD, 12/13.04.2008)

Zur Person:
Barbara Frischmuth, geboren 1941, lebt als Schriftstellerin in Bad Aussee. Sie studierte Englisch, Türkisch, Ungarisch in Graz, Erzurum und Debrecen. Sie schrieb zahlreiche Bücher, Theaterstücke und Hörspiele. Zuletzt erschien von ihr Vergiss Ägypten. Ein Reiseroman (Aufbau Verlag).
  • Barbara Frischmuth: "Als sie die Trainingsbahn erreichten, brach die Stute aus, so unvermittelt, dass Julie sich nur mit Mühe im Sattel halten konnte. Die Stute fing an zu bocken, und es war klar, dass es ihr gelingen würde, Julie abzuwerfen. Um nicht mitgeschliffen zu werden, wenn sie in einem der Steigbügel hängenblieb, schlüpfte sie aus den Bügeln und zog den Kopf ein. Zuerst wurde sie in die Luft geschleudert, dann fiel sie auf den Rücken und kriegte keine Luft mehr."
    foto: heribert corn

    Barbara Frischmuth: "Als sie die Trainingsbahn erreichten, brach die Stute aus, so unvermittelt, dass Julie sich nur mit Mühe im Sattel halten konnte. Die Stute fing an zu bocken, und es war klar, dass es ihr gelingen würde, Julie abzuwerfen. Um nicht mitgeschliffen zu werden, wenn sie in einem der Steigbügel hängenblieb, schlüpfte sie aus den Bügeln und zog den Kopf ein. Zuerst wurde sie in die Luft geschleudert, dann fiel sie auf den Rücken und kriegte keine Luft mehr."

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