Magazine zwischen allen Stühlen

16. April 2008, 18:03
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Print lebt und treibt neue Blüten. Internationale Kulturmagazine suchen ihre Zielgruppen und scheinen sie zu finden - Zwei Beispiele

"Die Medien haben eine monolithische Vorstellung vom Nahen Osten, die wollen wir destabilisieren." So definiert Negar Azimi die Aufgabe des Magazins Bidoun, bei dem sie, noch nicht dreißigjährig, als "Senior Editor" in New York arbeitet.

Destabilisierung wäre ein gutes Motto für Periodika, die sich im Spannungsfeld zwischen Kultur und Politik bewegen – auf die Gefahr hin, dabei selbst in einen labilen Zustand zu geraten. Manche wagen dieses Spiel der Kräfte. Zwei sehr unterschiedliche Projekte, seit mehreren Jahren unterwegs, zeigen die Bandbreite auf.

Bidoun heißt auf Arabisch und auf Farsi "Ohne". Ohne vorgefasste Meinungen will das Periodikum dort reüssieren, wo andere entweder aufgeben oder im institutionellen Rahmen Schutz finden: Das iranische Frauenmagazin Zanan musste im Jänner angesichts der klerikalen Zensur passen; Fikrun wa Fann/Art & Thoughts wird vom Goethe-Institut in München herausgegeben. Bidoun hingegen will vom Westen aus im Nahen und Mittleren Osten präsent sein und in den kulturellen Auseinandersetzungen mitmischen, wenn nicht gar sie selbst mitbestimmen. Auf Englisch, was den Leserkreis an den Zielorten einschränkt, andererseits in Europa und Nordamerika erweitert. Laut Azimi hat das Magazin eine Auflage von 20.000 und will auch in Teheran, wo es durch Freunde verbreitet wird, bestehen. "Es ist nicht unser Ziel, verboten zu werden", sagt sie.

Dabei mögen amerikakritische Beiträge und kulturimmanente Interviews mit Kuratoren oder Künstlerporträts zumindest nicht schaden. Andererseits bemüht sich das kleine Team, das in einem Loft in der Lower East Side residiert, um ungewöhnliche, teils riskante Zugänge. So war das Heft vom Herbst 2007 nichts als ein Schuber, der verschiedene Projekte in Poster-Form vorstellte, unter ihnen auch saftig-säkulare. Und inhaltlich werden ein Autor, der sich mit dem Nachtleben im prä-revolutionären Teheran auseinandersetzt, oder ein Bericht über die Arbeiten des Architekten Richard Rogers für Israelis und Palästinenser schwerlich nur auf Zustimmung bei den regionalen Regimes stoßen. Immerhin wird Bidoun in den besetzten Gebieten des Westjordanlandes vertrieben und hat eine Partnerschaft mit einem israelischen Kulturmagazin.

In den Vereinigten Staaten nach 9/11 sitzen die Magazinmacher zwischen verschiedenen Stühlen. "Wir spüren keine täglichen Auswirkungen", sagt Azimi, "höchstens, dass man uns fragt, wie man angesichts der Konflikte und Leiden überhaupt von Kunst sprechen kann. Wir hoffen eben, dass wir den allzu simplen Diskurs über 9/11 komplizieren können. Wobei wir da in New York zumeist offene Türen einrennen."

Zu den gewünschten Komplikationen zählt die Online-Präsenz der elegant gemachten Zeitschrift und die Idee, in ihrem Namen Ausstellungen zu kuratieren. Ein Filmprogramm unter dem Siegel Bidoun hat es bereits 2006 in London gegeben. Zudem ist Negar Azimi, Politologie-Dissertantin auf Harvard, auch in anderen Medien publizistisch unterwegs. Das Schweizer Magazin veröffentlichte eine Geschichte von ihr über Homosexuelle in Ägypten. Und im Sonntagsmagazin der New York Times schreibt sie unter anderem über den Lehrerberuf in den USA und die "harten Wirklichkeiten der Soft Power", nämlich die verspielten Chancen einer Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran.

New Ugly, Cutting Edge

In der Times erschien vor kurzem auch ein Lob auf das Magazin 032c. Zumindest diese publizistische Präsenz haben die beiden Periodika gemeinsam, plus vielleicht die Außenseiterstellung im Magazinmarkt. Und die englische Sprache.

Der Beitrag (in der fashionablen Beilage T) nennt 032c "eines der ernsteren Euro-Style-Magazine", obwohl er es vor allem wegen des Designs wahrnimmt. Als "New Ugly" charakterisiert, war es einer Jury der (Times-eigenen) Herald Tribune den Preis "Magazin des Jahres 2007" wert. Sie lobte die Abkehr von allzu perfekter Eleganz und den Mut zu verzerrter Typografie und fast brutaler (scheinbarer) Einfachheit im Layout.

Art Director Mike Meiré, Schöpfer von so elegantem Grafikdesign wie dem des Wirtschaftsmagazins Brand-Eins<7i>, verteidigt die neue Hässlichkeit als andere Art der Schönheit. Dass seine Kollegen angesprochen werden sollen, liegt auch am Titel: 032c ist genau die Farbe Rot auf der Pantone-Skala, die das Cover dominiert.

Die langen Werbestrecken für Mode und Galerien erwecken zusätzlich die Annahme, dass man ein weiteres Lifestyle-Magazin vor sich hat. Doch Chefredakteur Jörg Koch will mehr und anderes. "Es gibt leider kein deutsches Wort dafür, aber wir wollen die ‚cutting edge‘ in Kultur und Design ansprechen. Das kann ein 70-jähriger Kunstsammler in New York sein oder ein Student in Tokio."

In 24 Ländern soll sich 032c bis zu 25.000-mal verkaufen und inzwischen seine Kosten decken. Dabei dürfte helfen, dass ein so bekannter Fotograf wie Jürgen Teller die Modebilder zu einem Freundschaftspreis macht. Das allein allerdings würde nicht die Aufmerksamkeit rechtfertigen, das 032c erweckt hat. Eine geschickte Themenwahl kommt dazu. Sie erinnert an das vor einem Jahr aus der Taufe gehobene Monocle (mit Tyler Brulé hat es ebenfalls einen Veteranen eleganten Designs – Wallpaper! – als Kreativdirektor).

Beiden gelingt es, Storys zu veröffentlichen, die den Pfad zwischen allzu großer Aufregung und Eigenbrötlerei finden. Im Winter-Heft von 032c ist das zum Beispiel ein 46 Seiten langes Bild- und Textporträt des Statikers Cecil Balmond, der viele Bauten von ausufernden Star-Architekten erst möglich macht; oder die Präsentation eines Projekts, das geheimgehaltene Orte in den USA zeigt; oder eine Diskussion über die Zukunft von Druck – "Wir glauben an Print", versichert Koch.

Berlin ist als Verlagsort fast zufällig – und doch wieder nicht. 032c mag ein weiteres Indiz dafür sein, warum hier viele das neue New York sehen. (Michael Freund, ALBUM/DER STANDARD, 12/13.04.2008)

Bidoun erscheint vierteljährlich in New York. http://www.bidoun.com

  • Artikelbild
    screenshot: www.bidoun.com
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