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"Nationaler Mythos"
Auch die Wiener Sozial- und Kulturanthropologin Ulrike Davis-Sulikowski, die sich im Laufe der Jahre immer wieder vor Ort ein Bild von der Lage in Haiti machen konnte, ist von der jüngsten Eskalation wenig überrascht. "Die Haitianer schulden es ihrem nationalen Mythos, dass sie gewaltsam rebellieren. Es gibt ein kollektives Bewusstsein, dass die Bevölkerung permanent unter Beschuss steht und sich dagegen erheben muss. Da kippt die Stimmung oft blitzartig." Die Plünderungen in dem bitterarmen Karibikstaat seien vor allem aber die Konsequenz von jahrhundertelanger Ausbeutung. "Haiti ist seit dem Ende der Sklaverei 1791 ein ökonomisch und ökologisch zerstörtes Land. Zusammen mit einer mehr als unfreundlichen Natur, die immer wieder Hurrikans über die Karibik fegen lässt, handelt es sich um einen Teufelskreis ökonomischer Probleme, die jetzt wieder zum Ausbruch der Gewalt geführt hat." Auch die nach wie vor brüchige politische Stabilität in Haiti trage ihren Teil zur Frustration weiter Teile der Bevölkerung bei, sagt AI-Aktivistin Schöberlein, die derzeit an ihrer Diplomarbeit über die Situation in Haiti arbeitet: "Das zeigt sich auch daran, dass in Haiti zum Teil noch rechtsfreie Räume existieren und eine Vielzahl bewaffneter Banden auf den Straßen unterwegs sind."
Geschichte der Gewalt
Die fast acht Millionen Einwohner teilen sich ein Land, das mit knapp 28.000 Quadratkilometern nur ein Drittel der Fläche Österreichs umfasst. 95 Prozent der Bewohner sind Nachkommen westafrikanischer Sklaven, die Ende des 17. Jahrhunderts auf den Zuckerplantagen der Insel ausgebeutet wurden. Glaubt man Ulrike Davis-Sulikowski, ist für die Zukunft Haitis Optimismus kaum angebracht. Der Westteil der Insel Hispaniola wurde 1697 von Spanien an Frankreich abgetreten und erklärte sich 1804 unter dem Namen Haiti für unabhängig. Seither wechseln sich Diktaturen und ausländische Interventionen in unregelmäßigen Abständen ab, von 1915 bis 1934 war Haiti von US-Truppen besetzt. Von 1957 bis 1986 herrschte die Diktatur der Duvaliers, die als "Papa Doc" und "Baby Doc" mit Hilfe paramilitärischer Einheiten ein Schreckensregime in Haiti etablierten. "Unter den Duvaliers herrschte der absolute Kahlschlag, vergleichbar mit Kuba vor der Castro-Revolution. Es gab eine korrupte Oberschicht, Kasinos und Mafia-Zugriff auf die Insel", erklärt Ulrike Davis-Sulikowski. Die Neunziger standen unter dem Zeichen abwechselnder Phasen der Hoffnung, verkörpert durch den mit Unterbrechungen jahrelang amtierenden Präsidenten Jean-Betrand Aristide, und gewaltsamer Staatsstreiche des haitianischen Militärs.
Wie ein Druckkochtopf"
Heute haben die Vereinten Nationen 10.000 Blauhelme auf der Insel stationiert, echte Stabilität haben sie aber noch nicht gebracht. "Seit der Herrschaft Aristides wurde die Landwirtschaft vollends zerstört, auch die kleinen Selbstversorger können sich nun nicht mehr ernähren. Ende der Neunziger fand eine große Landflucht statt, vor allem nach Port-au-Prince. Besonders schlimm traf es Gonaïves, wo nun auch die Rebellion ausgebrochen ist", sagt Ulrike Davis-Sulikowski. Auch die Waffen, die von den Aufständischen für ihre Plünderungen benutzt werden, kommen nach Ansicht der Wissenschafterin aus den Beständen der Aristide-Getreuen. "Das Erbe der Paramilitärs gleicht einem Druckkochtopf für parallele Strukturen, die sich mit Gewalt durchsetzen wollen. Dazu kommt noch eine relativ junge Population, die ohne jede Perspektive in den Tag hinein lebt und ihrer Frustration mit Gewalt Luft verschafft", sagt Davis-Sulikowski und fügt an: "Am Flohmarkt in Port-au-Prince kann man von Armee-Unterwasserkameras über High-Tech-Waffen bis zu eleganten Pistölchen alles kaufen."
Ruf nach Diktatur
Dass sich die Aggression bewusst gegen die UN-Präsenz richtet, glaubt AI-Aktivistin Schöberlein nicht. "Wie so oft werden bei solchen Unruhen regierungsnahe Institutionen oder solche, die dafür gehalten werden, angegriffen. Es könnte aber auch eine Rolle spielen, dass viele Haitianer der UNO wohl ankreiden, dass die Stabilisierung des Landes zu langsam vor sich geht und die Bevölkerung bisher recht wenig davon hat." Viel eher Grund zur Angst hat nach Ansicht Schöberleins die Regierung von Präsident Rene Preval, der sich bisher recht wenig zu dem Gewaltausbruch in seinem Land geäußert hat. "Wenn die Proteste noch weitergehen, muss er um seine Macht durchaus fürchten. Es werden immer mehr Stimmen laut, die eine zumindest nostalgische Stimmung gegenüber der Diktatur kundtun. Nach dem Motto: 'Früher war es zumindest sicher'." (flon/ derStandard.at/ 10.4.2008)
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war auch in mittel- und südamerika so: inka und azteken waren bei allen eroberten völkern willkommen, die rissen sich das herz selbst aus der brust, nur um zu opfern und um weiter im "frieden dank üppiger vegetation" leben zu dürfen. auch die berber bettelten die friedliebenden arabischen völker an, bittdochgarschön endlich erobert zu werden, viele beispiele gibt es auch in asien. nur wir europäer sind so unfassbar pöhse und peuten alles aus.
zwischen brutalen diktaturen, militärischer besatzung und durch die weltbank aufgedrängter strukturanpassung ist der spielraum nicht allzu gross, dass es zur abwechslung einmal nicht "daneben geht". für tiefergehende analysen empfehle ich einen blick in die lateinamerika nachrichten, stichwort haiti.
http://www.lateinamerikanachrichten.de
Danke für den Link. Enthält aber auch nur eine Tatsachenbeschreibung und nicht die Erklärung dafür warum ein Land, das schon so lange unabhängig ist, von der reichsten französischen Kolonie im 18. Jhdt. zum ärmsten Land der Welt mutierte.
Soweit ich es nachvollziehen kann, kann man das nicht einfach den üblichen Verdächtigen (USA, IWF etc.) in die Schuhe schieben. Vieles ist selbstgestrickt. Irgend etwas in dem Land muß dazu beitragen, aber was, ist mir immer noch schleierhaft.
dass haiti arm ist, ist nicht weiter verwunderlich.
nach dem sieg gegen die franzosen, wurde das land zunächst einmal für ein paar jahrzehnte isoliert, etwa so wie kuba.
Dann verlangte Frankreich eine wahnwitzige Schadensersatzsumme die verhältnismäßig weit höher war, als die summe, die deutschland nach 1918 aufzubringen hatte.
Des weiteren waren da die ewigen Rivalitäten zwischen den französischen "mulatten" stichwort:jean pierre boyer und denn eher afrikanischen traditionen anhängenden schwarzen
stichwort: kaiser dessalines.
das land zerviel quasi in zwei länder entlang dieser demarkationslinien.es kam zum ewigen bürgerkrieg.
anfang des 20.jh intervenierten die usa.
dann die diktatur duvalier.
was sind schon 200 jahre
einerseits liegt die verantwortung natürlich schon auch bei der politik der US-regierung und etwa auch frankreichs. so haben diese regierungen den ganz und gar nicht demokratischen sturz von aristide 2004 aktiv unterstützt. auch die duvalier-diktatur konnte auf washington zählen. und es liegt ferner in der verantwortung der weltbank, dass deren strukturanpassung (zollsenkung) die haitianische landwirtschaft zerstört hat. aber sicher gibt es auch eine gewisse eigenverantwortung für die triste lage. zum beispiel die starke militarisierung der gesellschaft oder die verbreitung von gewalt zur durchsetzung von interessen. die korrupten diktaturen - und haiti war die wenigste zeit demokratisch - haben ihren teil zur verarmung haitis beigetragen.
das in diesem Artikel nicht zum Vorschein kommt, ist der Raubbau an Holz. Nicht, um daraus Möbel oder Ähnliches zu schaffen, einfach nur zum täglichen Kochen. Haiti war in den 70ern mit ca. 28% Wald bedeckt, der jetzt nur noch im einstelligen Prozentbereich existiert. Woher soll dann die arme Bevölkerung ihr Heizmaterial nehmen? Aus Gasflaschen, die unbezahlbar sind?
Haiti war, ist und bleibt ein Pulverfass, leider....
sehr interessant, ich mußte sofort an die oster- insel denken - dort kam es durch massive abholzung (vor etwa 600 Jahren!) auch zu einer Hungersnot und in folge dessen zu kriegerischen auseinandersetzungen...
http://www.physorg.com/news121959198.html
ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in der heutigen zeit wieder passieren kann...
an ideologischer Verblendung ihrerseits.
Nein, Haiti hat mit Sozialismus gar nichts am Hut, weder real noch theoretisch. Aber dieser Reflex von Ihnen zeigt einfach sehr schön, dass das Hinhacken auf den Sozialismus nicht auf realen Tatsachen sondern auf ideologischen Dogmas beruht.
nein,sie scheinen jetzt alles zu verwechseln,es ist das Aushängeschild des Kapitalismus und des Kolonialismus,gleichzeitig das Versagen Frankreichs und der lieben USA,aber der alte Diktator ,Pappa Doc war dort immer beliebt,die Menschen leider nicht-bis heute.
eh nur 300 jahre als kolonie...is ja nix...mußten nach erlangen der unabhängigkeit jahrzehntelang umgerechnet 17 Milliarden € (gesamtsumme) an frankreich zahlen...sonst wären die wieder einmarschiert...davon hat sich der kleine staat nie erholt...war eine "tolle" unabhängigkeit...
gruß flieher
Wenn Sie schon den Umstand mit den 17 Milliarden Euro anführen, sollten sie gerechtigkeitshalber auch melden, dass das Aufteilen der Güter unter der Bevölkerung gleich nach Erlangung der Unabhängigkeit zum Zusammenbruch der Exportlandwirtschaft geführt hatte, was aus der damals reichsten (!) französischen Kolonie langsam aber sicher das Armenhaus Amerikas machte. Dass zusätzlich Kleptokraten sich im 20. JH bedienten, war das Tüpfelchen auf dem "i".
die aufteilung war nötig, weil man den menschen versprochen hatte, das jeder ein stück land bekommt von dem er leben kann, und keiner mehr sklavenarbeit für irgendeinen grossgrundbesitzer zu leisten habe. freie bauern eben.
Deshalb wurde die revolution ja gemacht.
Ende des 19.jh wurde einige zeit auch überlegt italienische oder spanische gastarbeiter für die plantagen einschiffen zu lassen.
fand sich jedoch niemand.
wie populistische Lösungen, manchmal mit einem Zeitverzug von Jahnrzehnten, zum Niedergang einer Gesellschaft führen können....
Allerdings ist klar, dass ohne Unterstützung durch den Westen im Kalten Krieg, sich Haiti heute anders darstellen würde.
da haben sie recht...ging mir darum aufzuzeigen, dass es in dieser region der welt schon länger kolonien gab und das eine so frühe unabhängigkeit einiges gekostet at...die vsa waren ja auch eine kolonie...dort ist viel blut geflossen...
die situation des unabhängigen haitis war lau beschrieben hatte mehr beispielcharakter...danke für die notwendige ergänzung :)
gruß flieher
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