Teach me, Taiga

12. April 2008, 14:00
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Russischer Geschmack, worin besteht der eigentlich? Über wenige Modephänomene gibt es so widersprüchliche Ansichten - Wir haben uns in Moskau und Wien umgehört

"Ich liebe Wien, weil es geruhsam ist"

Ich komme drei- bis viermal im Jahr immer für eine Woche nach Wien. Mein Mann ist beruflich öfter hier, wir wohnen jedenfalls immer im Hotel Sacher. Ich liebe Wien. Die Luft ist sauber, die Menschen kultiviert, und überall spielt Musik von Strauß oder Mozart, das gefällt mir. Vor allem aber fühle ich mich sehr sicher hier, und das, obwohl nicht an jeder Ecke ein Polizist steht. Wien ist so geruhsam, und alle Geschäfte, in denen ich regelmäßig einkaufe, sind zu Fuß zu erreichen. Wer Moskau und die Hektik kennt, der weiß das zu schätzen.

Paris ist übrigens Moskau sehr ähnlich, deshalb ist mir Wien viel lieber. Ich kaufe hier eigentlich meine ganze Garderobe ein, gerne bei Popp & Kretschmer auf der Kärtnerstraße. Die haben sehr schöne Abendkleider. Eine Verkäuferin dort spricht Russisch. Sie kennt mich, weiß, was mir gefällt, und will mir auch nichts einreden. Ich habe zum Beispiel sehr gerne Hosen aus Leder, die sind zwar ein bisschen teurer, dafür aber wirklich gute Qualität. Schöne Schuhe gibt es bei Prada und Bally, und auch sonst gibt es viele Boutiquen in den kleinen Nebenstraßen, deren Namen ich mir aber nie merke. In ein paar Stunden habe ich alles beisammen, was ich brauche, nur Schmuck kaufe ich nicht hier, der ist in Moskau günstiger.
Lena Sadkova ist Russin und mit einem Geschäftsmann verheiratet.

Russen wollen hofiert werden

"Etwa 50 Prozent der Touristen, die bei uns einkaufen, sind Russen. Sie sind sehr dankbare Kunden, sie möchten gut beraten und hofiert werden. Das ist das, was wir ihnen bieten können. Der Service in ähnlichen Geschäften in Mailand oder Paris ist um Längen schlechter. Daher ist die Zahl der russischen Kunden, die wiederkommen, groß. Sie sind durch die Bank sehr kultivierte Leute, meistens sind sie aus Moskau, viele haben auch Wurzeln oder einen Zweitwohnsitz in Österreich. Mode ist für sie ein Statement, sie sollte ein Blickfang sein. Unser Sortiment stimmen wir in manchen Bereichen extra auf sie ab.

Nicht, dass wir Marken führen, die wir sonst nicht führen würden. Aber von jenen, die wir haben, und die insbesondere bei Russen beliebt sind, bestellen wir andere, größere Größen. Konfektionsgröße 38 und aufwärts. Nina Ricci ist eine solche Marke, aber auch Alessandro dell'Acqua. Letzterer hat in Moskau mehrere Geschäfte, sein Name ist modeinteressierten Russen bekannt. Auch beim Einkauf von sehr teuren Kleidern, also von Kleidern, die im Verkauf 4000 Euro und darüber kosten, denken wir im Speziellen an die russische Kundschaft. Wir kaufen in diesem Fall nur sehr wenige Modelle, da Exklusivität gerade in dieser Preisklasse wichtig ist."
Manfred Staudacher & Horst Payrhuber führen das Geschäft 2006FEB01.

Die Klischees stimmen nicht

"Das Klischee vom geschmacklosen Russen gibt es schon lange. Der Realität entspricht es trotzdem nicht. Schuld am weitverbreiteten Vorurteil sind zum Teil die Russen selbst. Als sie in den 90ern reisen konnten, fielen viele durch ihr Benehmen und ihre dicken Geldbündel auf. Mittlerweile hat sich einiges geändert, es gibt eine gut ausgebildete, kosmopolite Elite, die einen exzellenten Geschmack hat. Gewisse russische Besonderheiten wie die Vorliebe für Pelz oder auffälligen Schmuck teilen aber auch sie. Mit Pelz bin auch ich aufgewachsen, im strengen russischen Winter ist er ein adäquates Mittel, sich zu wärmen. Ich verstehe die Proteste der Tierschützer nicht.

Ich finde auch auffälligen Schmuck schön, wobei sich die Tendenzen mittlerweile verschoben haben. Trug man früher hauptsächlich Gold, bevorzugt man heute Platin und Weißgold. Im Westen findet man das schnell protzig und vulgär. Letzteres ist ein Vorwurf, den man öfters über Frauen aus dem Osten hört. Angesichts der konservativen Einstellung vieler Russen finde ich das lächerlich. Viele russische Männer möchten, dass sich ihre Frauen gar nicht schminken - zumindest zu Hause. In der Öffentlichkeit schmücken sie sich dagegen gerne mit einer auffälligen Frau. Aber das ist im Westen nicht anders."
Sergej Benedetter ist russischer Herkunft und Make-up-Artist in Wien.

Russen kennen die Trends am besten

"Wenn Sie wissen wollen, was die Trends sind, dann fragen Sie einen Russen. Sie kennen sich am besten aus. Selbst Männern ist es wichtiger, wie sie aussehen als welches Auto sie fahren. Zumindest ist das in Moskau so. Im Winter steckte jetzt jeder seine Jeans in die Stiefel, jetzt kommen dagegen die Marlene-Dietrich-Hosen und T-Shirts im Empire-Stil. Darüber trägt man eine kurze Jacke. Sie werden sehen, das hat dann jeder. Es geht gar nicht anders. Wer sich die teuren Marken nicht leisten kann, der besorgt sich türkische oder chinesische Kopien. Oft lassen sich Original und Kopie gar nicht auseinanderhalten. So gut sind die Fälschungen bereits.

Aber natürlich will jeder das Original, am besten mit einem dicken Logo drauf. Leute, die in ihrem Geschmack nicht wirklich sattelfest sind, vertrauen zumindest der Macht der Marke. Das ist natürlich geschmacklos. Gibt es eine bestimmte Tasche nur in Rot, aber man möchte sie in Schwarz, dann kauft man sie trotzdem. Auch wenn die rote Tasche dann nicht zu den grünen Schuhen passt. Das schaut zwar lächerlich aus, aber was soll's. Hauptsache, man hat genau die Tasche, die einem gefällt. Hat sie einer, dann wollen sie alle. Es gibt aber nur wenige Russen mit wirklich schlechtem Geschmack.
Seit 20 Jahren arbeitet die Russin Lena Dvorak in Wien, u. a. bei Prada.

"Mit Mode will man auffallen"

"Die große Kreativität dieses Landes hat mit der Knappheit von Ressourcen in Sowjetzeiten zu tun. Damals nähten beinahe 90 Prozent aller Frauen ihre Kleider selbst. Das ist zwar heute nicht mehr so, Mode spielt aber weiterhin eine dominante Rolle. Vielleicht hat das auch mit dem Wetter zu tun. Acht Monate ist es kalt und grau, da will man mit seinem Look auffallen. Dabei hat die typische Russin ziemlich klare Vorstellungen von dem, was sie will. Österreicherinnen sind da viel flexibler.

Als ich 2000 das erste Mal nach Wien kam, war ich sehr erstaunt. Das Bewusstsein für Tradition und Handwerk spielt in diesem Land eine wichtige Rolle. Ich fand das richtige Land für meine Couture-Mode. In Wien verkaufe ich hauptsächlich Abendmode, in Moskau dagegen Cocktailkleider. Produziert werden meine Kleider alle in Russland. Trotz seiner großen Tradition finde ich in Österreich keine Produktionsstätten, die sich mit jenen in Russland messen lassen können. Schade."
Elvira Kargapoltseva betreibt in Wien und Moskau das Couture-Label "Irina Vitjaz". www.irinavitjaz.com
(pok/hil/Der Standard/rondo/11/04/2008)

  • Elvira Kargapoltseva betreibt in Wien und Moskau das Couture-Label "Irina Vitjaz".
    foto: irina vitjaz

    Elvira Kargapoltseva betreibt in Wien und Moskau das Couture-Label "Irina Vitjaz".

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