Moby: "Es wird besser"

16. April 2008, 11:04
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Der US-Produzent huldigt mit "Last Night" dem Nachtleben New Yorks und stellte sich einem Interview

Mit Christian Lehner sprach der engagierte Künstler über den US-Wahlkampf und Obama als Rockstar.

Standard: Sie gelten als das politisch korrekte Gewissen des US-Pop und unterstützen öffentlich die Demokraten. Wen haben Sie bei den Primaries in New York gewählt, Clinton oder Obama?

Moby: Ich bin jetzt 42 Jahre alt und habe bisher jede Gelegenheit genutzt, meine Stimme abzugeben. Dieses Mal war das aus einem einfachen Grund anders: Mir sind beide Kandidaten gleich sympathisch. Ich habe also erstmals nicht gewählt. Eine ganz neue Erfahrung für mich.

Standard: Was sind die Vor- und Nachteile von Hillary Clinton und Barack Obama?

Moby: Beide Kandidaten würden einen hervorragenden US-Präsidenten abgeben. Davon bin ich überzeugt. Clinton fehlt es vielleicht ein bisschen an Charisma und Inspiration, sie ist aber verdammt smart und hat ihre Fähigkeiten in der politischen Praxis schon mehrmals unter Beweis gestellt. Obama hingegen wirkt auf die Menschen wie ein Rockstar. Seine Wahlversammlungen gleichen Konzerten. Und er versteht es, die Wähler emotional zu berühren. Vielleicht verkörpert er den Wandel, den dieses Land so dringend braucht, besser als Hillary. Aber egal wer von den beiden schlussendlich gewinnen wird, er oder sie kann auf mein persönliches Engagement zählen.

Standard: Im letzten Rennen um die Präsidentschaft haben Sie gemeinsam mit dem demokratischen Kandidaten John Kerry auf einer Bühne gesungen. Welche Unterstützung schwebt Ihnen im kommenden Wahlkampf vor?

Moby: Ich denke, die meisten Menschen, die meine Musik hören, zählen ohnehin zum linken Spektrum der Wählerschaft. Es geht also weniger um Überzeugungsarbeit, als um die traurige Tatsache, dass derjenige der Kandidaten gewinnen wird, der über das größere Wahlkampfbudget verfügt. So läuft das nun einmal in den USA. Deshalb werde ich über Fundraiser-Auftritte und Projekte Geld für den Kandidaten der Demokraten sammeln und auch Freunde aus dem Showbiz anpumpen.

Standard: Von der derzeitigen Pattsituation der Demokraten scheint niemand mehr zu profitieren als der Kandidat der Republikaner, Senator John McCain. Zumindest sehen das die politischen Beobachter in den USA so.

Moby: Letztendlich wird die Wahl wieder in den "Battleground States" entschieden werden, also in jenen fünf bis sechs Staaten, zu denen auch Ohio und Florida zählen und die in ihrem Wahlverhalten unberechenbar sind. Wer weiß, wie die letzte Wahl ausgegangen wäre, hätte John Kerry seine Kampagne auf den Swing-State Ohio konzentriert.

Standard: Wie haben Sie als New Yorker den Absturz des ehemaligen Bürgermeisters und "9/11- Helden" Rudi Giuliani erlebt? Über den in der Kreativszene äußerst verhassten Hardliner wurde nach dem überraschend frühen Ausscheiden aus dem Rennen um die republikanische Kandidatur speziell hier in New York viel Spott ausgebreitet.

Moby: Ich hätte ihn gern als Kandidaten der Republikaner gesehen. Sie müssen sich vorstellen, ein Konservativer, der für das Recht auf Abtreibung eintritt und auch für die Rechte der Homosexuellen, als offizieller Anwärter der Konservativen auf das höchste Amt des Staates! Aber im Ernst: Ich bin froh, dass Giuliani politisch abgestürzt ist. Was viele New Yorker seit Jahren wissen: Der Typ verfügt zwar in der Regel über einen guten Instinkt in Machtfragen, ist aber in Wahrheit pathologisch durchgeknallt. Das zeigt sich auch immer deutlicher in der Nachbetrachtung seiner Amtszeit. Giuliani ist tatsächlich verrückt. Nur hat das bisher niemand außerhalb New Yorks wahrgenommen.

Standard: Die Hoffnungen, die auf Clinton und Obama ruhen, sind groß. Kann man ein Land wie die USA, das seit dem Zweiten Weltkrieg die Führungsrolle in der Welt für sich in Anspruch nimmt, überhaupt gut - im Sinne von friedlich - regieren? Sind die diesbezüglichen Erwartungen der demokratischen Wähler nicht ein bisschen naiv?

Moby: Der Auftrag ist zunächst sehr simpel: Vermeide alle Fehler, die die Bush-Administration in den vergangenen acht Jahren begangen hat! Das klingt vielleicht etwas einfältig, aber diese verrückte Zeit, die hoffentlich mit der Wahl ihren Abschluss finden wird, macht es dem kommenden Präsidenten in vielerlei Hinsicht wirklich einfach. Ich wünsche mir, dass die zukünftige Politik die Isolationshaft überwindet, in die uns Bush und Cheney in Bezug auf unsere Außenbeziehungen hineinmanövriert haben. Zurück in den Schoß der internationalen Gemeinschaft! Außerdem muss sich dieses Land aus der ebenfalls freiwillig gewählten Abhängigkeit vom Erdöl befreien. Das kommt nur den Shareholders zugute. Wir brauchen umweltverträgliche Energielösungen. Ich sehe darin auch eine Chance für die US-Wirtschaft.

Standard: Glauben Sie, dass durch die internationale Ächtung Amerikas die US-Bürger etwas sensibler geworden sind, was die Welt außerhalb der Vereinigten Staaten betrifft?

Moby: Das Gute an der Bush-Regierung ist, dass es nach ihrer Abdankung keine schlechtere geben kann. Egal, wer das Ruder übernimmt, es wird besser. Dieses Land ist so groß, dass die Isolation politisch und gesellschaftlich Tradition hat. Die Ironie ist, dass diese Selbstfixierung ausgerechnet durch die Isolationspolitik der Bush-Administration aufgebrochen wurde. Plötzlich nehmen Amerikaner den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens wahr, während es in den Staaten bergab geht. Europa, auf das jahrelang von Managern und Politikern herabgesehen wurde, erweist sich nun als viel stabilerer Wirtschaftsraum. Die technologische Vernetzung tut ihr Übriges, sodass die US-Bürger langsam begreifen, dass sie nicht allein sind auf dieser Erde.

Standard: Barack Obama bemüht in seinen Reden immer wieder den amerikanischen Traum, den Mythos dieses Landes schlechthin. Wäre es nicht an der Zeit, dieses Pathos zu überwinden, das auch den Ärmsten der Armen vorgaukelt, sie hätten tatsächlich alle Chancen auf Wohlstand und soziale Absicherung?

Moby: Das sehe ich nicht so. Was wir gerade beobachten können, ist vielmehr die Internationalisierung des amerikanischen Traums. Es geht darum, sich in einer gerechten und freien Gesellschaft entfalten zu können. Ich glaube, dass das noch immer erstrebenswert ist. Für mich hat dieser Traum also weiterhin Gültigkeit, auch wenn ich ihn jetzt den "westlichen Traum" der freien Gesellschaften nennen würde. Europa zum Beispiel erlebt gerade den Abbau bürokratischer Hürden in Bezug auf das Recht, ein Gewerbe ausüben zu können. Ein Fortschritt für all jene, die sich beruflich selbstständig machen wollen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.4.2008)

  • Moby: "Last Night" (Mute/EMI)
    foto: mute/emi

    Moby: "Last Night" (Mute/EMI)

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