Lauschangriff

13. April 2008, 10:30
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Seit mehr als hundert Jahren hat sich Radio kaum verändert - Das muss nicht so bleiben, wie der Wiener Daniel Goldscheider in den USA beweist - und zwar mit einem interaktiven Radio-Tool

Genau betrachtet, ist Radio ein träges Medium: 1906 gilt als seine Geburtsstunde. Damals wurde es technisch zum ersten Mal möglich, Musik zu übertragen. Bis in die 1920er-Jahre dauerte es, bis Radiostationen ihren Betrieb aufnahmen. Und bis heute funktioniert Radio nur in eine Richtung: Station sendet, Hörer lauscht. Dieser kann allenfalls versuchen, bei einer Hotline durchzukommen, um bei einem Gewinnspiel mitzumachen. Dass der Hörer vom Internet längst Mitgestaltung gewohnt ist und sich in einem sozialen Kontext über Inhalte auszutauschen pflegt, geht an der alten Dame Radio vorbei.

Interaktives Medium

Das wollte der Wiener Daniel Goldscheider, Jungunternehmer in den USA, nicht einsehen. "Auch Radio ist ein interaktives Medium", war er überzeugt und gründete Yes: ein Netzwerk, das Radiostationen mit Hörern verbinden sollte. Das war 2001, und die ersten Jahre liefen gar nicht gut. Radiostationen verstanden nicht, warum man aus Hörern User machen sollte, berichtete Goldscheider im März auf der Branchenveranstaltung Dicom des Dialog-Marketing-Verbands Österreich, wo er sein interaktives Tool präsentierte.

Der Erfolg kam erst, als Goldscheider sich mit einem Tüftler zusammentat: Dieser verfügte über eine Technologie, die Radarsignale erkennen und zuordnen kann, ob sie z. B. von russischen Tankern oder von Pottwalen stammen. Daraus entwickelte man eine Art Abhörtechnik für Radiosongs, die zum Monitoring genutzt wird. Jeder Song wird so weit zerlegt, bis ihm ein digitaler Fingerabdruck zugeordnet werden kann und er in der Datenbanken gespeichert wird. Computer hören den ganzen Tag Musik der Radiostationen und können sekundenschnell identifizieren, welcher Song gerade gespielt wird. Das Gleiche funktioniert auch mit Werbung.

Gemeinsam hören

Diese Informationen bekommen Radiostationen, die sie wiederum auf ihren Webseiten ihren Hörern vermitteln (und zentral unter www.yes.com zu finden sind). Hier fängt es an, für User interaktiv zu werden: Man kann die Playlist einsehen, über Songs abstimmen und Lieblingsstücke somit pushen, man kann sich den Liedtext anzeigen lassen, das dazugehörige Video. Oder Musik kaufen - Yes ist Vertriebspartner für iTunes. Zudem gibt es Chatrooms, in denen man mit anderen Hörern oder Radio-DJs chatten kann. Denn mittlerweile haben die Stationen erkannt, wie wichtig direkte Rückkopplung zum Hörer ist. In den USA greifen 80 Prozent der Stationen auf das Monitoring zurück.

"Wir wirken der Atomisierung von Inhalten im Web entgegen", sagt Goldscheider, "gerade bei Musik gibt es die Sehnsucht, sie gemeinsam zu hören." Mitte April wird Yes eine neue Komponente bieten, die Streaming, Chat, Abstimmungen, Playlists und Werbung miteinander verbindet. Hörer können das Element auf Blogs oder Soziale-Netzwerk-Seiten einbauen und sind so mit ihrem Lieblingssender und anderen Hörern verbunden. "Unser Ziel ist, keine Alternative fürs Radio anzubieten, sondern eine Lösung", sagt Goldscheider und hofft, dass seine Plattform eines Tages auch in Europa Fuß fassen wird. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/11/04/2008)

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    Es liegt in der Luft: Auch Radio kann interaktiv sein.

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