100 Jahre achtern

12. April 2008, 10:30
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Der Yacht-Designer Olin Stephens feiert am 13. April seinen 100. Geburtstag - Sein Designbüro "Sparkman und Stephens" entwarf mehr als 2500 Schiffe - Dazu gehören einige der legendärsten Yachten der Weltmeere

Es gibt wohl keinen besseren Grund für ein Mordstamtam als einen 100er. Im vergangenen Jahr war zum Beispiel Designchampion Charles Eames dran. Allerdings haben er und andere derart rund gefeierte Zampanos ihre Design-Studios längst auf die andere Seite des Jordans verlegt. Nicht so Olin Stephens, dieser Eames des Yachtbaus, dieser große "Naval Architect", der am kommenden Sonntag ein ganzes Jahrhundert alt sein wird.

Ob es an der Seeluft liegt, die ihn an der Zeitlosigkeit seiner großen Yachtentwürfe bis heute teilhaben lässt? Oder am Idyll, dem Frieden in der kleinen Stadt Hanover in New Hampshire, von wo aus er auf ein vor allem auf dem Wasser bewegtes Leben zurückblicken kann? Ein Leben, das am 13. April 1908 in der New Yorker Bronx begann und in dem er 1929, im Jahr des großen Börsencrash, einen ersten Seemeilenstein setzte. Ausgerechnet zu dieser schwierigen Zeit gründete er mit seinem Bruder Rod und dem Yachtmakler Drake Sparkman das Designbüro Sparkman & Stephens, bis heute ein Synonym für Schiffsentwürfe, deren Anblick Seebären weltweit diesen ganz bestimmten Gesichtsausdruck verleiht.

"Lightning" und "Dorade"

Bis sich die Brüder 1979 aus dem aktiven Geschäft zurückzogen, hatten sie mehr als 2500 Boote gezeichnet und das Yachtdesign mitrevolutioniert. Zu ihrem Schiffsreigen zählt die Jolle "Lightning" ebenso wie die Berühmtheit namens "Dorade", die 1931 das Transatlantikrennen gewann. Oder einige der "Swan"-Yachten. Oder die sogenannte J-Class Yacht "Ranger", unter deren 700 Quadratmeter Segelfläche auf einer Länge von 41 Metern auch jede noch so wasserscheue Landratte unter Garantie mit offenem Mund verharren würde. Nicht zu vergessen die Arbeit an allen amerikanischen Verteidigungsyachten des America's Cup von 1937 bis 1980.

Längst hat Olin Stephens mit seiner Arbeit einen Bootsmannsstuhl in der Tafelrunde der ganz großen Schiffskonstrukteure wie Nathanael Herreshoff, William Fife III, Max Oertz oder William Starling Burgess inne. Zur Entstehung des Designs meinte Stephens einmal, "ein gesunder Verstand und das Gefühl für Linien, in ganz allgemeinem Sinne, sind eine hilfreiche Grundlage. Man kann vielleicht sagen, dass im Design eine Art von Botschaft versteckt ist, aber wenn man in der Lage ist, den Wunsch des Auftraggebers zu verstehen, dann ist das schon der Schlüssel zur richtigen Deutung."

Viel zu bescheiden muten die Worte des Designers an, denn die Rümpfe dieser Yachten schieben kleine Gebirgszüge aus weißer Gischt von sich weg, in einer Zeit, in der die Rolls-Royce der einstigen Auftrageber längst verrostet sind. Manch Segler nennt Yachten von der Grazie einer "Ranger", die Stephens gemeinsam mit dem Designer Starling Burgess zeichnete, "Ladies of the sea" oder Kathedralen des Meeres, doch im Gegensatz zu Kathedralen ist an ihrem Äußeren nichts zu finden, dem ein Schmuckgedanken zugrunde liegt. Man muss sich immer wieder fragen, wie eine Entwurfsarbeit, die von A bis Z der Zweckmäßigkeit verschrieben ist, eine derartige Ästhetik hervorzaubern kann.

Kein Gebrauchsgegenstand

Bei so gut wie allen Entwürfen von Stephens lässt sich eine ganz spezielle Linienführung erkennen, die der Formgeber mit besten Segeleigenschaften verknüpfen konnte und die außer anmutig vor allem eines waren: schnell. Apropos schnell: Was heute im America's Cup aufgeführt wird, bezeichnete Olin Stephens als verrückt. 500.000 Dollar betrug das Budget für Stephens' Cup-Yacht Columbia im Jahre 1958. Heute werden von manchen Teams bis zu 200 Millionen Dollar verpulvert, und die Yachten kommen als ausgehungerte Rennmaschinen daher. Fast mag man sich vor der Vorstellung hüten, was die zwei Brüder aus New York mit einem derartigen Haufen Geld auf das Wasser gebracht hätten.

Ein Schiff aus der Feder von "Sparkman & Stephens" ist kein Gebrauchsgegenstand. Man braucht es nicht. Es ist auch kein Transportmittel. Damit wird nichts transportiert. Das Segeln dieser Schiffe ist losgelöst von allen anderen Arten der Fortbewegung. Fast möchte man glauben, diese Schiffe reiten auf Wolken aus Wasser. Selbst wenn sie wie schlafend in einem Hafen liegen und der Wind mit den fest verzurrten Tauen und Fallen spielt, als wären diese Saiten eines ganz besonderen Instruments, verlieren sie nichts von ihrer Anmut, man könnte auch sagen Persönlichkeit, oder gar Seele. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/11/04/2008)

  • "Ladies of the sea" oder Kathedralen des Meeres
    foto: hersteller

    "Ladies of the sea" oder Kathedralen des Meeres

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