"Jeder, der ehrlich ist, ist interessant"

10. April 2008, 17:00
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Der internationale Top-Grafiker Stefan Sagmeister brachte ein Buch mit einer Art Selbstbetrachtungen heraus - Zuvor inszenierte er die Statements auf Plakatwänden, Citylights oder Magazincovers

DER STANDARD: Wollen Sie mit Ihrem Buch "Things I have learned in my life so far" Menschen bekehren?

Stefan Sagmeister: Nein, überhaupt nicht. Ich nehme selbst gutgemeinte Ratschläge so ungern an, dass ich das anderen ersparen möchte.

DER STANDARD: "Jeder glaubt Recht zu haben", lautet eines Ihrer 20 inszenierten Statements? Sie auch?

Sagmeister: Ich bilde mir oft ein, dass ich Recht habe. Ab und zu finde ich dann heraus, dass ich doch nicht Recht hatte. Der Spruch soll jetzt mit aufblasbaren Riesenaffen in Jerusalem inszeniert werden. Mal sehen, wie diese Meldung dort ankommt.

DER STANDARD: Warum haben Sie Ihre Lebensweisheiten auf diese Art inszeniert?

Sagmeister: Der Gedanke dazu kam in einem kundenfreien Jahr, in dem ich darüber nachdachte, die Grafik zur Seite zu legen und Regisseur zu werden. Ich hab mich dann aber gefragt, was ich machen würde, wenn ich draufkäme, dass ich in diesem Genre gar nichts zu sagen hätte, und ob es nicht sinnvoller wäre, in der Sprache der Grafik etwas zu sagen. Mir war natürlich klar, dass die Grafik so wie jede Sprache limitiert ist. Die professionelle Werbegrafik hat mich zu jener Zeit sehr frustriert. Es ging einfach nur um Verkauf und Promotion. Ich hab nichts gegen das Verkaufen, aber Design muss mehr können.

DER STANDARD: Und zwar?

Sagmeister: Es kann zum Beispiel unterhalten, man kann damit Geld auftreiben, informieren, agitieren usw. Ich wollte einfach etwas ausprobieren. Die Schwierigkeit war in diesem freien Jahr eher, damit umzugehen, dass ich machen konnte, was ich wollte. Es gab ja kein Ziel oder Briefing. Nach langer Suche stieß ich auf meine Liste im Tagebuch. Und dann habe ich geschaut, was passiert, wenn ich die Sache inszeniere, zum Beispiel auf riesigen Plakatwänden in Paris. Es gab auf die verschiedenen Inszenierungen sehr großes Feedback. Meine Lieblingsreaktion kam von einem südkoreanischen Mönch, der einen meiner Sätze in einem Magazin fand. Er schrieb, er möchte die Statements als Lehrmittel verwenden. Seit es das Buch gibt, erhalte ich zum Teil sehr ergreifende Mails. Anfangs dachte ich, die schickt mir irgendein Freund.

DER STANDARD: Ist Ihnen eine Lektion am wichtigsten?

Sagmeister: Irgendwie liegt mir der Satz "Alles was ich mache, fällt wieder auf mich zurück" besonders am Herzen, weil damit das ganze Projekt angefangen hat. Von der Bedeutung her ist mir auch jener Satz sehr nahe, den ich noch immer nicht gelernt habe. Er lautet: "Mutig zu sein, zahlt sich immer für mich aus".

DER STANDARD: Ein anderes Zitat lautet: "Geld macht mich nicht glücklich". Da denken eine ganze Menge Menschen wohl ganz anders darüber.

Sagmeister: Der Satz heißt ja, Geld macht mich nicht glücklich. Er entstand in dem Bewusstsein, dass ich mir weder über mein Zuhause noch über das Essen Sorgen machen muss. Der Psychologe Danny Gilbert aus Harvard, den ich persönlich kennenlernen durfte, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Zusammenhang zwischen "sich wohlfühlen" und "finanzielle Situation". Er sagt, wenn du in den USA unter 35.000 Euro pro Jahr verdienst, spielt Geld eine ganz andere Rolle, als wenn du darüber liegst. Das ist jetzt noch keine große Erkenntnis. Erstaunlich ist, dass es laut seinen Untersuchungen keinen Einfluss mehr auf das Wohlbefinden mehr gibt, ob man 500.000, fünf Millionen oder 50 Millionen Dollar im Jahr verdient.

DER STANDARD: Sie nannten Ihre Projekte für die Rolling Stones oder Talking Heads einmal "coole" Projekte. Mit welchem Adjektiv würden Sie dieses Projekt benennen?

Sagmeister: Wahrscheinlich mit "persönlich". Dabei sind diese Projekte so eine Art Zwischending. Auf der einen Seite sind sie ganz eindeutig Kunstprojekte. Mir fällt das Zitat von Donald Judd ein, der meinte, "Design muss funktionieren, Kunst nicht." Die Inszenierungen sind allerdings auch in Zusammenarbeit mit verschiedenen Auftraggebern wie z. B. Museen, Bierbrauereien und Festivals entstanden und erfüllen neben diesem Persönlichen auch eine Funktion. Sie unterteilen Magazine oder machen Pressewirbel für irgendein Festival etc. Sie sind also auch Designobjekte, aber relativ eigenständig. Das ist sicher auch ein Grund, warum der Wiederhall so groß ist. Ich habe den Eindruck, dass viele Leute außerhalb des Designzirkus beim Betrachten eines Stückes Kommunikationsdesign gar nicht realisieren, dass da eine Person dahintersteckt. Das gilt genauso für das Aussehen von Tageszeitungen oder Flugzetteln.

DER STANDARD: Ihr Buch ist also eine Mischung aus Kunst und Grafikdesign. Auch das Produktdesign und andere Disziplinen wachsen immer mehr zusammen. Menschen sehnen sich in der Regel aus einer Unsicherheit heraus nach fixen Benennungen? Wo ziehen Sie Grenzen?

Sagmeister: Als Konsument zieh ich keine Grenzen. Da geht es mir nur darum zu fragen, "Ist es gut?" oder "Ist es nicht gut?" Als Designer bin ich gezwungen, mich zu äußern, weil ich solche Fragen oft gestellt bekomme. Da sehe ich das Ganze historisch. Es ist offensichtlich so, dass sich die Grenze zwischen Design und Kunst ab und zu auflöst, dann kommt sie wieder und löst sich wieder auf. Also wenn wir von Wien um 1900 oder vom Bauhaus sprechen, gab es keine Grenzen. Kokoschka hat am Morgen Poster entworfen und am Abend gemalt. In New York gab es lange Zeit eine praktische Grenze. Die Kunst hatte ihre eigenen Medien und Vertriebssysteme und das Design auch. Das löst sich derzeit ziemlich auf. Man sieht das in einigen Galerien oder auch in Form der Messe "Art Basel Miami".

DER STANDARD: Einer Ihrer Sätze lautet "Jeder, der ehrlich ist, ist interessant." Wie steht's mit Werbung und Ehrlichkeit?

Sagmeister: Ich glaube, dass ehrliche Werbung am besten funktioniert. Die bekannteste unehrliche Werbung der letzten 50 Jahre war, als die US-Tabakindustrie behauptete, dass Rauchen gar nicht schädlich sei. Die Summe, die diese Unternehmen Strafe zahlen mussten, kann man sich gar nicht vorstellen. Seit ich die Werber selbst besser kenne, sehe ich, dass in dem Business eigentlich viel mehr Ehrlichkeit steckt, als ich zuvor geglaubt habe. Klar gibt's in jeder Firma die good guys und die bad guys.

DER STANDARD: Haben Sie ein Beispiel für good guys?

Sagmeister: Mir fällt da die Eiscremefirma "Ben und Jerry's" ein. Anfangs dachte ich, diese sozial- und ökologisch orientierte Hippie-Nummer namens "Caring Capitalism" sei einfach ein Marketing-Schmäh. Bis ich daraufkam, denen ging es wirklich um die Message.

DER STANDARD: Die Werbung hat also einen schlechteren Ruf, als sie verdient?

Sagmeister: Ich glaube, dass der Kunde es irgendwann überreißt, wenn man ihn über den Tisch ziehen will. Vielleicht bin ich auch naiv, aber ich hab das Gefühl, dass ich selten erfolgreich angelogen werde.

DER STANDARD: Sie sagten einmal, das CD-Cover sei am absteigenden Ast. Bedauern Sie das als Grafikdesigner?

Sagmeister: An sich bin ich nicht sehr nostalgisch. Es gibt so viele andere Dinge, die mich anziehen, obwohl die Visualisierung von Musik schon ein sehr interessanter Prozess ist. Nun ist diese Zeit halt so gut wie vorbei.

DER STANDARD: Welche Zukunft sagen Sie dem Buch und der Tageszeitung voraus?

Sagmeister: Ich denke, diesen Bereichen wird es ähnlich gehen. Jetzt gibt es natürlich diese ganzen Geschichten, die schon so lange das Ende des Prints voraussagen und diese Prognose ist ja in dieser Form nicht eingetreten. Aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die Generation, die heute keine CDs mehr kauft, also die 15- bis 25-Jährigen, auch die erste Generation sein wird, die kein Bücherregal mehr kaufen wird, sondern auf eine gewisse Art online lesen wird.

DER STANDARD: Und wie schaut diese Art aus?

Sagmeister: Wenn ich mir den neuen Leseapparat "Kindle" von Amazon anschaue, ist der zwar noch nicht gut, aber schon fast gut. Ich bin mir sicher, dass in fünf Jahren ein Apparat auf dem Markt sein wird, der ausgezeichnet funktioniert. Ein Ding, das vom Lesegefühl so angenehm ist wie ein Taschenbuch, aber halt viel, viel mehr kann als das Taschenbuch.

DER STANDARD: Aber alle Welt redet doch immer von der Haptik, vom Papier, seinem Rascheln etc.

Sagmeister: Aber nicht die erwähnte Generation.

DER STANDARD: Und die Tageszeitung?

Sagmeister: Ich habe vor drei Wochen einen Vortrag bei der New York Times gehalten. Dort hat man mir gesagt, dass ihre Zeitung von einer Million Menschen in gedruckter Fassung gelesen wird, aber online von 25 Millionen. Die Zahlen sind natürlich allein schon betreffend des Leseverhaltens schwer einzuschätzen. Da werden noch immer ein wenig Äpfel mit Birnen verglichen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Werber derzeit für Print-Werbung noch viel mehr zahlen als für Online-Werbung. Ich denke, es hängt alles am Generationenwechsel.

DER STANDARD: Wie konsumieren Sie die Tageszeitung?

Sagmeister: Am Wochenende lese ich die Zeitung im Bett und auf Papier, unter der Woche online. Der Computer ist im Bett irgendwie unangenehm.

DER STANDARD: Sie sagten einmal, "Designbücher für Designer" sind meist langweilig.

Sagmeister: Ich wollte als Designer immer ein großes Publikum ansprechen. Mich haben auch immer Leute mehr beeindruckt, die etwas Gutes für ein Massenpublikum gemacht haben. Mir fallen da zum Beispiel die Simpsons ein, oder Olafur Eliasson mit seiner künstlichen Sonne in der Tate Modern. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/11/04/2008)

Der Grafikdesigner und Typograf Stefan Sagmeister wurde 1962 in Bregenz geboren. Er studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien und am Pratt Institute in New York. Nach seiner Zeit in Hongkong, wo er für die Werbeagentur Leo Burnett arbeitete, gründete er 1993 in New York die Sagmeister Inc. Zu seinem Kundenstock zählen unter anderem TimeWarner, das Guggenheim Museum, Lou Reed, die Rolling Stones oder die Zumtobel AG. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen kassierte er für das Albumdesign von "Once In A Lifetime" der Talking Heads einen Grammy. 20 Tagebucheinträge des Designers wurden nun mit Unterstützung von Auftraggebern aus der Wirtschaft weltweit im öffentlichen Raum installiert und unter dem Titel "Things I have learned in my life so far" veröffentlicht. (Verlag Hermann Schmidt, Mainz) Mehr Infos: www.sagmeister.com

Vortrag Stefan Sagmeister:
am 4. Juli 2008, 19.00 Uhr, Designforum im Museumsquartier.
Anmeldung erforderlich: www.designaustria.at
  • "Everything I do always comes back to me",...
    foto: hersteller

    "Everything I do always comes back to me",...

  • ...lautet eine Erkenntnis, die Stefan Sagmeister inszenierte.
    foto: hersteller

    ...lautet eine Erkenntnis, die Stefan Sagmeister inszenierte.

  • Der Satz erschien erstmals in Form von Doppelseiten in einem Magazin.
    foto: hersteller

    Der Satz erschien erstmals in Form von Doppelseiten in einem Magazin.

  • Eine immer länger werdende Liste...
    foto: hersteller

    Eine immer länger werdende Liste...

  • ...an Lebensweisheiten im Tagebuch des Grafikdesigners...
    foto: hersteller

    ...an Lebensweisheiten im Tagebuch des Grafikdesigners...

  • ...brachte ihn auf die Idee, dieses Projekt zu realisieren.
    foto: hersteller

    ...brachte ihn auf die Idee, dieses Projekt zu realisieren.

  • Stefan Sagmeister
    foto: hersteller

    Stefan Sagmeister

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