Waldmüller widerstehen

16. April 2008, 11:35
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Vom 15. bis 18. April locken Dorotheum und "im Kinsky" mit einem dichtgedrängten und vielseitigen Auktionsprogramm

Die "Servus-Grüß-dich"-Vorbesichtigungen sind erledigt, jetzt beginnt der Hammertanz: Das Publikum wird die Spreu vom Weizen trennen.


Wien - In der jüngeren Auktionschronik ist das Bildnis des Blumenmalers Jan van Huysum kein unbekanntes, wie die Stationen der Besitzerwechsel zeigen: 1973 Sotheby's London, 1974 Dorotheum, 1988 Kalbstein & Schultze in Düsseldorf, 1990 wieder Dorotheum, wie auch aktuell am 15. April.

Der kleine, aber relevante Unterschied: 1973 galt es noch als Selbstporträt, undeutlich signiert und 1739 datiert, 1990 nur mehr signiert, aktuell weder noch. Laut Katalog handelt es sich um eine "nachgezogene und falsche Signatur", bei deren Entfernung wohl auch die Datierung verlorenging.

Die gegenwärtige und wohl erstmals korrekte Expertise weist Arnold Boonen als Urheber aus, der vor allem für Regentenporträts bekannt war, die Taxen belaufen sich auf 35.000 bis 45.000 Euro. Es ist eines von insgesamt 1345 Kunstwerken, das vom 15. bis 18. April in Wien den Besitzer wechseln will.

Das Dorotheum beziffert seine Mindesterwartungen mit 8,5 Millionen Euro, im Kinsky hofft man auf vier, wenn nicht sechs Millionen. Zu den aktuellen, die Katalogcover zierenden Pheromonfallen gehören neben Friedensreich Hundertwassers Regentag in Siam (Kinsky, 130.000-200.000 Euro), Vittorio Matteo Corcos Unterhaltung im Jardin du Luxembourg (Dorotheum, 120.000- 180.000 Euro) und einem Blumenstück Jacob Marrells (Dorotheum, 80.000-120.000 Euro) auch in der Szene alte Bekannte wie Ferdinand Georg Waldmüllers Der Guckkastenmann (Kinsky).

Tiefgefrorenes

Für Versierte fällt letztgenanntes Highlight überspitzt ausgedrückt in die Kategorie Tiefgefrorenes, bei dem selbst wohlig wärmende Tigermilch keine Linderung gäbe. Als dritte von vier Versionen des Themas kam hier im Laufe des Waldmüller'schen Reproduktionsprozesses nämlich die ursprüngliche Spontaneität des Ausdrucks abhanden. Die erste Version wurde 1847 unter dem Titel Kinderlust für den Fürsten Esterházy gemalt und befindet sich heute im Nationalmuseum Budapest. Zumindest für Johann Kräftner ist der förmliche, erstarrte Charakter der aktuell angebotenen Komposition mit ein Grund zu passen: "Ich kenne das Bild seit Jahren, und ja, es wurde uns angeboten. Aber ich habe mich für dieses Werk nie erwärmen können."

Dabei kann der Direktor des Liechtenstein Museums bei Waldmüller nur selten widerstehen (siehe auch Die unterbrochene Wallfahrt, 1,1 Millionen Euro netto, Dorotheum 2005). Die nächste Verführung lauert schon in Form der Kranzeljungfer (1839), die am 30. Mai bei Sotheby's in London (150.000-200.000 Pfund) zur Versteigerung gelangt. Für einen Privatsammler oder auch kleinere Institutionen werden die dennoch museale Qualität und die Beliebtheit des Motivs der Jahrmarktattraktion des 19. Jahrhunderts überzeugen.

Das ambitionierte Ziel: Zumindest eine Million, wenn nicht 1,5 Millionen Euro soll Der Guckkastenmann einspielen. Den bisherigen Waldmüller-Rekord (siehe Tabelle) - er hält seit stattlichen 19 Jahren, als bei Sotheby's Großvaters Geburtstag für umgerechnet 1,87 Millionen Euro den Besitzer wechselte - wird er kaum brechen können. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.4.2008)

  • Ferdinand Georg Waldmüllers "Guckkastenmann" (1850): Die dritte von insgesamt vier Versionen dieses Motivs wird den neuen Besitzer ein bis 1,5 Millionen Euro kosten.
    foto: kinsky

    Ferdinand Georg Waldmüllers "Guckkastenmann" (1850): Die dritte von insgesamt vier Versionen dieses Motivs wird den neuen Besitzer ein bis 1,5 Millionen Euro kosten.

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