Entdecken und entdeckt werden

16. April 2008, 11:04
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Das All-Star-Programm "Gypsy Queens and Kings" bringt Anfang Mai den Balkan ins Wiener Konzerthaus

Esma Redzepova gilt als die Mutterfigur der Roma-Sängerinnen. Fanfare Ciocarlia, das sind zwölf wild musizierende Männer aus dem kleinen rumänischen Dorf.


Im Prinzip wirkt Zece Prajini so wie unzählige andere Roma-Dörfer in Osteuropa. Festnetztelefon und Fließwasser sind nicht vorhanden, Strom gibt es immerhin phasenweise, die Straßen sind nicht asphaltiert und verwandeln sich immer wieder in einen Morast, befahren werden sie in erster Linie von Pferdefuhrwerken. Und doch hat sich in jener ärmlichen 300-Seelen-Siedlung, zwischen Roman und der Bezirkshauptstadt Iaºi im Nordosten Rumäniens, unweit der moldawischen Grenze gelegen, in den letzten zehn Jahren manches geändert: Einige der ärmlichen Holzhäuser sind kleinen gemauerten Eigenheimen gewichen, eine neue Kirche und eine Volksschule wurden gebaut. Zumindest daran lässt sich ablesen, dass das Echo jener Musik, die von diesem Dorf aus in die Welt gegangen ist, auch zu Hause hörbar wurde.

Es war im Oktober 1996, als der aus Leipzig stammende Toningenieur Henry Ernst Zece Prajini einen ersten Besuch abstattete – der durch die Bekanntschaft mit Klarinettist Ioan Ivancea und seinen Mannen, die auf ausgebeulten Saxofonen, Trompeten und Tuben in schwindelerregenden Tempi Hochzeits- und andere Musik intonierten, zum Erweckungserlebnis wurde.

Balkan-Speerspitze

Ernsts Plan, jene fulminanten Klänge in Europa hörbar zu machen, funktionierte. Schon 1997 bedeutete der Auftritt der zwölf Männer aus Zece Prajini bei der Womex in Marseille den internationalen Durchbruch, als "Fanfare Ciocarlia" sind sie seither durch Europa, die USA, Brasilien und Japan getourt. Fünf Alben und ein Gastauftritt im Film Borat stehen zu Buche; gemeinsam mit den Landsmännern von Taraf de Haïdouks und dem serbischen Boban Markovic Orkes-tar stellt die virtuose, leicht trashige Musik die Speerspitze der aktuell rollenden Balkan-Blasmusik-Welle dar.

Die Gründe dafür spiegeln sich wiederum exemplarisch im Erfolg von Fanfare Ciocarlia: Machte der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 jene Musik großteils erst erschließbar und vermarktbar, so sorgte auf der anderen Seite die wachsende Nachfrage nach ethnischen Musiken aus allen Richtungen – das problematische Wörtchen "World Music" soll an dieser Stelle vermieden werden – für den notwendigen Konjunkturmotor. Der Balkan rückte neben Kuba und Westafrika zu einem der Hauptexporteure vermeintlicher musikalischer "Authentizität" und Identität auf, nach der im globalisierten Medienzeitalter ein immer größeres, von Pop und Techno unterfordertes Publikum dürstet.

Wie sehr Fanfare Ciocarlia als von Henry Ernst gemanagter musikalischer Exportartikel funktionierte, belegt auch der Umstand, dass es bis Dezember 2006 dauerte, ehe die Formation ihr erstes Konzert in Bukarest geben konnte. Dieses allerdings hatte es in sich: nützten die Rumänen doch diese Premiere zum Start ihres – auf "Queens & Kings – Singing Tales of Gypsy Life" (Asphalt Tango/Lotus) auf CD verewigten – Brückenschlagprojekts zwischen den Roma Europas: Gitarrist und Sänger Antoine Garcia aus Perpignan, bekannt durch das Gitano-Projekt "Kaloome", fand sich ebenso im Aufgebot wie der bulgarische Sänger Jony Iliev und die serbischen Veteranen Šaban Bajramoviæ und Ljiljana Butler-Petrovic. Immer schon da

Und auch eine mazedonische Sängerin, die immer wieder als Mutterfigur unter den Roma-Sängerinnen des Balkans apostrophiert wurde und wird: Esma Redzepova. Redzepova ist eine Musikerin, die im Zuge des aktuellen Balkan-Hypes nicht "entdeckt" werden musste. Sie war immer da, seit sie, in Skopje geboren und aufgewachsen, im Alter von 13 Jahren, anno 1956, bei einem Radiowettbewerb den ersten Preis ersang. Im Ensemble ihres Lehrers und späteren Ehemanns Stevo Teodosievski stieg sie rasch zur nationalen Ikone auf. Einerseits, indem sie die Wurzeln der Roma-Musik bis nach Persien und Indien zurückverfolgte, wo sie 1976 von Indira Ghandi zur "Königin des Roma-Lieds" ernannt wurde. Andererseits durch ihr weithin bekanntes humanitäres Engagement, wie sich anhand der ausgezeichneten Porträt-CD "Mon histoire/My History" (Harmonia Mundi) nachvollziehen lässt: Da kinderlos geblieben, adoptierte sie gemeinsam mit Stevo Teodosievski 47 Waisenkinder, unter denen sie nicht wenige musikalische Talente entdeckte.

Zweimal wurde Redzepova für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Zuvörderst allerdings beschert die heute 65-Jährige immer noch berührende Gänsehautmomente, wenn sie ihre vom Leben gegerbte, ausdrucksstarke Stimme erhebt. (Andreas Felber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.4.2008)

The Gypsy Queens and Kings. 4. 5. Konzerthaus, 20.30
  • "Thy Gypsy Queens and Kings" bringen Gänsehautmomente ins Wiener Konzerthaus.
    foto: ludwig olah

    "Thy Gypsy Queens and Kings" bringen Gänsehautmomente ins Wiener Konzerthaus.

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