Wege in die Staatspubertät: (Theater-) Lockerungsübungen in Hamburg

16. April 2008, 11:32
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Während Michael Thalheimer "Hamlet" am Thalia Theater erhellend verkleinert, sucht Altmeister Peter Zadek auf der Reeperbahn nach wahrem Leben

Der hoch aufgeschossene junge Mann mit den traurigen Augen hat's schwer. Die Mutter, eine frischverwitwete Dame ganz aus Unterleib, kocht die schlecht geheuchelte Trauer kichernd und girrend mit dem Schwager im heißen Lotterbett ab. Da stört der Sohn nur, sei brav, Bub, schau weg, das ist der Lauf der Welt. Der Onkel greift sich aus dem Nachlass des Gemeuchelten zur Frau noch die blutrote Krone, die ihm um die Schläfen schlottert wie das Sakko um die Schultern. Und das "Girlfriend" kultiviert eine zwanghafte Neigung zur Verabreichung von Backpfeifen. Der vaterlose Junge ist ganz allein mit sich und der Welt. Das nimmt ihn mit. Die Frage ist bloß: wie weit?

In Michael Thalheimers Inszenierung am Hamburger Thalia Theater ist Shakespeares Hamlet vor allem ein Adoleszenzdrama. Wobei gleich ganz Dänemark nicht recht trocken hinter den Ohren ist – ergo unterbleibt die düstere Diagnose, es sei etwas faul im Staate. Er pubertiert nur. Das geht vorüber; aber dann ist es auch vorbei mit Hamlets Dänemark. So kommt es, dass am Ende die Akteure wieder wie zu Beginn an der Rampe hocken und in stummer Erwartung ins Publikum stieren. Der Rest ist nicht Schweigen, der Rest ist die nächste Runde im Hamlet-Theater.

Henrik Ahrs Holzpodest im ansonsten leeren schwarzen Bühnenraum stellt das Nötige bereit für den Gang der Dinge: Hier hat das Verstellen Methode, nicht die Tollheit. Hamlets Wahnsinn, den Hans Löw geschmeidig an- und ausprobiert, um die vom Geist des Vaters geforderte Rache an den Mördern durch Nichtstun zu exekutieren, ist genauso eine auf den Effekt kalkulierte Rolle wie die nymphomane Dämlichkeit der Königin oder die brutalneurotische Wurstigkeit des Königs. Ophelia, von Paula Dombrowski aristoproletarisch über den Laufsteg gestakst, greift im Kampf um Aufmerksamkeit gar zu unlauteren Mitteln und lässt rote Luftballonherzen steigen, ehe sie ins Wasser geht.

Die tollste Nummer aber hat sich Norman Hacker unter den Nagel gerissen: Sein Polonius ist eine einzige, aus Subordinations- und Imponiergesten bestehende Schleimspur. Auf der erst er selbst und dann alle anderen zu Fall kommen. Nur der Handpuppenspieler, der hier Shakespeares Theatertruppe vertritt, ist kein Schauspieler, sondern ein Schwerbehinderter im Rollstuhl.

Indem Thalheimer die Tragödie um Reich und Leben verweigert und stattdessen eine präzise Theateretüde arrangiert, duckt er sich natürlich sehr clever und beinahe zu cool unter der übermäßigen Bedeutungslast des berühmten Stücks hinweg. Aber manchmal gewinnt das Theater, wenn es sich dem Zwang entzieht, Fragen zu beantworten. Dann bekommt man halt einmal keine plausible Erklärung dafür, warum Hamlet zwischen Sein und Nichtsein nicht weiterweiß. Na und?

Avanti dilettanti!

Auf der Reeperbahn, inmitten all der falschen Sensationen des richtigen Lebens, ist derweil ein drolliges Postscriptum zu glanzvollen Theatergeschichten zu bestaunen. Im kuscheligen St. Pauli Theater gibt man ein Drama von Luigi Pirandello, in dem eine junge Frau ihre erniedrigenden Lebensblößen nur mit dem Tod jesusbarmherzig bedecken zu können glaubt, und dessen Titel hier milieugerecht auf ein Reklame-grelles Nackt verknappt wurde.

Stück und Titel tun wenig zur Sache. Denn auf der Bühne wollen einem drei wackere deutsche Mimen in den Rollen von drei kleinen G' wissenswürmchen-Italienern und eine sanfte Brünette als blassblaue schöne Leich' weismachen, dass bei der Herstellung von Theater nur der (falsche) Kunstanteil zu reduzieren sei, und schon stelle sich ein höherer Lebensanteil von selbst ein. Avanti dilettanti!

Der fast 82-jährige Peter Zadek ist so frei, sich nach Jahrzehnten großartigster Kunstanstrengungen eine kleine Erleichterung zu verschaffen. Und lässt, Pardon, einen fröhlichen Furz fahren. Wenn Luther recht hat, dass aus einem verzagten Arsch nimmer ein solcher entweicht, ist Zadek so unverzagt wie eh und je. (Oswald Demattia aus Hamburg / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.4.2008)

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    Es ist nichts faul im Staate Dänemark – es benehmen sich alle nur so komisch! "Hamlet" mit, von links: Peter Per und Norman Hacker (Letzterer als famoser "Polonius").

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