Mistplatz der Zukunft als Goldgrube

16. April 2008, 10:55
18 Postings

Die Kinozukunft heißt wieder einmal 3-D: Das US-Animationsstudio Pixar präsentierte in New York die kommenden Filme

Das mehrfach prämierte Studio ("Toy Story", "Cars", "Ratatouille") hat im 3D-Bereich unverändert große Ambitionen. Am Mittwoch wurden diese vorgestellt.


Das Wort "proud" fällt am öftesten. Kaum ein Satz, der nicht damit beginnt, wie stolz man auf dies oder das oder jenen wäre. Dieser Aufregung entsprechend, steht der Einsatz von "excited" gleich an zweiter Stelle, dann kommt, leicht abgeschlagen, "amazing". John Lasseter, Chef des Animationsstudios Pixar, das 2006 von Disney übernommen wurde, findet in einem Kinosaal auf dem Campus von New York City kaum andere Worte für jene Filme, die sein Studio in den nächsten vier Jahren in die Kinos bringen wird. Ausschnitte davon wurden am Mittwoch internationalen Journalisten präsentiert, sogar Randy Newman, als Soundtrack-Lieferant ein "old friend" des Hauses Pixar, spielt mit einer Band.

Zehn neue Filme bringt Pixar bis 2011 in die Kinos. Darunter eine Neuauflage der animierten Blockbuster Toy Story und Toy Story 2 – in 3-D, der großen Zukunftsambition von Pixar. Dazu kommt Tinker Bell, ein Feenmärchen in vier Teilen, das jedoch nur für den Videomarkt bestimmt ist.

Die zehn neuen Kinofilme, von denen der erste, Wall-E, bereits Ende Juni in die Kinos kommt, folgen erfolgreichen Streifen wie Toy Story, Die Monster AG, Findet Nemo, Die Unglaublichen oder zuletzt Ratatouille.

Seit die Virtualisierung neue Lebenswelten bedingt, also seit dem Einzug des Internets in den Alltag, wird in diese neue Welt viel hineinvermutet, gehofft und gedacht. Sieg und Niederlage liegen da wie dort eng beieinander.

Parallel zum Platzen der Dot.com-Blase wurden die ersten Hausfrauen Ebay-Millionärinnen, im Second Life konferieren mittlerweile global aufgestellte Unternehmen über virtuelle Abbilder ihrer tatsächlichen Mitarbeiter aus – noch – Fleisch und Blut. Alles echt und falsch zugleich.

Warten auf "Wall-E"

Beste Voraussetzungen für die sogenannte Traumfabrik, für die das virtuelle Paralleluniversum zur prosperierenden Spielwiese ihrer Kunst wurde. Nicht nur Spezialeffekte werden längst am Computer inszeniert, ganze Parallelwelten werden erdacht, von Parallelwesen – meist zutiefst menschelnden, oft aus Märchen bekannt oder neu erfunden – belebt und bevölkert.

Speerspitze – sowohl technologisch als auch narrativ – sind in diesem Genre die Filmkunstwerke des Pixar Studios von Walt Disney. Mit Wall-E schickt Pixar demnächst einen neuen Sympathieträger für große und kleine Kinder ins Rennen. Wall-E ist ein einsamer und entsprechend melancholisch gestimmter Roboter auf einem devastierten Planeten – mit einer Kakerlake als befreundetem Haustier. Die Zeit vertreibt er sich auf der postapokalyptischen Erde auf einem unerschöpflichen Mistplatz, dem Erbe der Zivilisation. Kleine Mistwürfel aus Schrott und Müll formt und sortiert er mit dem pflichtschuldigen Ethos einer Arbeitsmaschine.

Dann passiert' s! Ein Raumschiff einer außerirdischen Intelligenz setzt einen weiblichen Roboter auf der verwüsteten Erde aus, um sie zu erkunden. Eve, so heißt dieser Forschungsroboter, sieht ein wenig aus wie das übernächste Apple-Produkt, ein "iEve". Sie ist Wall-E zwar technisch überlegen, mit Charme und dem Mut einsamer Verzweiflung – diese Blechdose hat nichts zu verlieren! – erobert er aber dieses exotische Etwas mit seinen weiblichen Formen. Die Liebe ist nicht nur stärker als der Tod, sie überwindet sogar die Hoffnungslosigkeit der Postapokalypse.

Nachdem Eve eine Pflanze entdeckt, also organisches Leben, wird sie zurück zum Mutterschiff geholt, Wall-E hängt sich an das Raumschiff an und gelangt so in die Welt von Eve. Dort geht es dann richtig los. Sigourney Weaver (Alien) spricht die Stimme eines Bordcomputers. Auch sonst finden sich in Wall.E etliche Science-Fiction-Zitate wieder.

Ein weiterer Pixar-Charmebolzen ist Bolt. Bolt heißt der Hauptdarsteller der gleichnamigen, im November im Kino anlaufenden Pixar-Produktion. Bolt ist ein Filmhund, der glaubt, er verfüge tatsächlich über die seiner Rolle zugesprochenen Superkräfte, etwa den "Super-Bark". Das Schicksal verschlägt ihn jedoch weg vom Set in die richtige Welt, in der er nach und nach bemerkt, dass er ein normaler Hund und kein Super-Dog ist. Bolt, synchronisiert von John Travolta, ist natürlich trotzdem super und wächst, wie wir Menschen, mit der Aufgabe.

Neben diesen beiden in naher Zukunft in die Kinos kommenden Filmen erlaubte Pixar auch Einblicke in gerade laufende Produktionen. Etwa das wunderbare Up, eine abenteuerliche Reise eines alten Mannes, seiner Frau und einem fetten Pfadfinder im südamerikanischen Dschungel. Up wird der erste 3D-Film von Pixar sein, alle folgenden werden nur noch in diesem Format produziert, erzählte Lasseter.

Weiters setzt Pixar, ganz in Disney-Tradition, verstärkt auf klassische Märchen. The Princess and the Frog, angesiedelt in New Orleans, kommt 2009, Rapunzel 2010 in die Kinos. Ebenfalls 2010 wird Toy Story 3 auf die Leinwand gebracht, eine Fortsetzung von Cars ist für 2012 geplant. Dann wird auch King of the Elves im Weihnachtskino anlaufen. Eine unglaubliche Liebesbeziehung einer aussterbenden Echsenart, Newt mit Titel, wird 2011 erfreuen, ebenso wie The Bear & The Bow. (Karl Fluch aus New York / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.4.2008)

  • Pixar-Hits (v. li. o. n. re. u.): "Cars", "Findet Nemo", "Ratatouille", "Toy Story" (bald in 3D), "Die Monster AG", "Die Unglaublichen" und demnächst "Wall-E".
    fotos: pixar; bildmontage: beigelbeck

    Pixar-Hits (v. li. o. n. re. u.):
    "Cars", "Findet Nemo", "Ratatouille", "Toy Story" (bald in 3D), "Die Monster AG", "Die Unglaublichen" und demnächst "Wall-E".

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Mann hinter Pixar: John Lasseter

    Begonnen hat alles mit einer kleinen hüpfenden Schreibtischlampe: Luxo Jr. (1986) hieß der für den Oscar nominierte und 1987 bei der Linzer Ars Electronica prämierte Kurzfilm, dessen "Heldin" seither auch das Logo des seit Jahren erfolgreichsten US-Animationsstudios Pixar ziert.

    Seither hat sein Regisseur, der 1957 in Hollywood geborene John Lasseter, der Pixar gemeinsam mit Apple-Boss Steve Jobs gründete, steile Karriere gemacht.

    Mit Toy Story erhielt er 1996 seinen ersten Oscar für den ersten voll computeranimierten Langfilm. Und dass die Pixar-Filme etwa den Disney-Produktionen bald den Rang abliefen, führte sehr schnell zu einer Fusion: Seit Mitte der 90er darf sich Lasseter mit Fug und Recht als stilprägender kreativer Nachfolger von Walt Disney sehen.

    Das Erfolgsgeheimnis von Pixar steht denn auch in bester Hollywood-Tradition: Anrührende Konflikte mit einem leicht ironischen Twist. Dazu passt es gut, dass der bitterböse Songwriter Randy Newman für Pixar mehrere Soundtracks komponierte. (cp)

Share if you care.