Bis zum bitteren Ende

14. April 2008, 09:11
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Seit über hundert Jahren werden am Floridsdorfer Markt Gemüse und Fleisch angeboten - Mittlerweile verirrt sich kaum einer hierher, die Floridsdorfer kaufen lieber im Supermarkt ein

Es ist einer dieser ersten warmen Frühlingstage, an denen Parkbänke von Sonnenhungrigen belagert werden und die Straßen voller Einkäufer und Spaziergänger sind. So auch die Brünner Straße im 21. Wiener Gemeindebezirk. Folgt man ihr vom Floridsdorfer Spitz stadtauswärts, gelangt man nach rund hundert Metern zum Schlingerhof, einem fünfstöckigen Gebäudekomplex aus den 1920er Jahren, der den Floridsdorfer Markt an seiner Nordseite umklammert. Zwar wurde die Gemeindebauanlage vor einigen Jahren renoviert, viele der Geschäfte in den Arkaden sind aber seit Jahrzehnten unverändert: Über dem Eingang des leerstehenden Blumengeschäfts prangt ein Schriftzug aus den 1950er Jahren, die Auslage des Optikers nebenan ziert ein Plakat, auf dem eine skizzierte Schönheit mit wallendem Haar mit dem Slogan "Freies Sehen mit Kontaktlinsen" wirbt. Vermutlich bereits seit der Einführung dieser Sehhilfen.

Die gemauerten, einstöckigen Verkaufsstände des Floridsdorfer Markts, der hier auch "Schlingermarkt" heißt, machen einen verlassenen Eindruck: Die engen Gassen zwischen den rund 30 Ständen sind weitgehend leer, manche Rollläden geschlossen. "Das ist kein Markt mehr", sagt Theresia Jancar und wischt sich mit einem Taschentuch die letzten Reste des eben verspeisten Krautwickels von den Mundwinkeln. "Die Preise sind zu hoch. Die können einfach nicht mit den Supermärkten mithalten", sagt die Mittsechzigerin, die nur noch selten am Markt einkauft. "Ich weiß, dass es schlecht ist, aber man kauft eben dort ein, wo es billig ist."

Kein Kraut gewachsen

Hinter der Verkaufsbudel auf der sich Gläser mit in Essig eingelegten Gemüsen stapeln, wringt Maria Marchsteiner große Weißkrautblätter in einem Holzbottich aus. "Marchsteiner Gemüsekonserven" ist über der blaßgrünen Markise zu lesen. Gemüsekonserven verkauft Maria Marchsteiner "schon immer". Die Marchsteiners betreiben seit beinahe hundert Jahren Stände auf dem Markt.

Früher hatten sie ihr Mann einen in der ersten Reihe, heute verkauft sie hinter der Budel seines Cousins Sauerkraut, Gurken und Paprika. "Das Geschäft geht von Jahr zu Jahr schlechter", sagt sie. "Früher waren die Frauen zu Hause und haben gekocht, und im Winter hat es immer Kraut zu essen gegeben. Jetzt sterben die Alten weg." Ihre Stammkunden würden immer weniger werden, sagt sie. Würden sie nicht zusätzlich Heurige und Gasthäuser beliefern, stünde es schlecht um den Betrieb. Ein paar Jahre hat Maria Marchsteiner noch bis zur Pensionierung und bis dahin wird sie weiterhin um 7 Uhr morgens den Stand aufsperren. So lange noch Kundschaft kommt.

Immer weniger

Stefanie Lackstätter kennt das Problem: Sie verkauft Haushaltswaren und auch sie kann mit den Preisen der Großhändler nicht konkurrieren. Auf rund 15 Quadratmetern türmen sich Emailtöpfe jeglicher Größe, Keksausstecher in Form von Kreuzen und Elefanten, daneben Handbesen und Mäusefallen. Das Geschäft gehört ihrem Sohn und der Schwiegertochter. Seit 13 Jahren sitzen sie abwechselnd hinter dem kleinen Verkaufspult.

Davor hatte Lackstätter einen Stand am Meiselmarkt im 15. Wiener Gemeindebezirk. 25 Jahre lang hat sie dort Haushaltswarten verkauft, dann wurde ihre Bude eingerissen. Heute leben die Lackstätters von ihren Stammkunden. "Ich hab´ bei meinen Eltern Verkäuferin gelernt und es macht mir immer noch Spaß", sagt sie. "Ich mag die Leut´." Was das Geschäft betrifft macht sie sich aber keine Illusionen: "Jedes Jahr wird´s weniger."

Früher war alles besser

Der Grund, warum die Floridsdorfer hier keine Hendlflügel, Pferdewürste, Äpfel, Schwarzwurzeln und Sarmawickel mehr kaufen, sei mangelnde Qualität und zu hohe Preise. Zumindest, wenn man den beiden Gästen des Wirten im Imbiss des Schlingerhofs glauben schenkt. An die rustikale Holztheke gelehnt, erzählen sie bei einem Vormittagsbier vom Niedergang des Marktes. "Den könnt´s vergessen", sagt der Eine. "Die Jungen haben keine Zeit mehr zum Kochen." Und überhaupt: früher sei hier alles besser gewesen, sagt die Kellnerin und stellt zwei geblümte Keramiktassen auf den Holztisch. Im Licht der, mit Schweinshaut beschirmten Wandleuchten sehen die zwei losen Zuckerwürfel auf den Untertassen gelb aus. Heute würden in den rund 500 Wohnungen des Schlingerhofes fast nur noch Ausländer wohnen und "Neger", sagt sie.

Einige Schritte weiter betreiben Christa Klepits und ihr Mann Walter ein Esoterikgeschäft. Seit 20 Jahren verkaufen sie Steine, Räucherwerk, Messingpendel und Bücher. "Der Markt stürzt ab", sagt Walter. "Die Ware wird immer teurer und weil kaum Kunden kommen, ist sie nicht mehr frisch. Da beißt sich die Kuh in den Schwanz." (14. April 2008, Birgit Wittstock/Karl Gedlicka, derStandard.at)

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  • Christa Klepits verkauft seit 20 Jahren Heilsteine, Silberschmuck und Tarotkarten
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    Christa Klepits verkauft seit 20 Jahren Heilsteine, Silberschmuck und Tarotkarten

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