Jäger des verlorenen Schatzes

9. April 2008, 18:30
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Der Entdeckung des Grabes Tutanchamuns im Jahr 1922 ging die lange Suche des unbeirrbaren britischen Archäologen Howard Carter voraus

Nur der Hartnäckigkeit des britischen Forschers Howard Carter und seines Mäzens Lord Carnarvon sind Tutanchamun-Ausstellungen wie die derzeitige in Wien zu verdanken. Im Jahr 1922 sollte sich alles entscheiden.

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"Sehen Sie etwas?", fragte Lord Carnarvon gespannt, als Howard Carter mit einer Kerze durch ein Loch in der Mauer in die Vorkammer des Grabes leuchtete. "Ich sehe wunderbare Dinge", antwortete dieser. Lange Jahre hatten der Ausgräber und sein Geldgeber für die Suche nach dem Grab des Tutanchamun aufgewandt, und noch mehr als drei Wochen musste Carter nach der Entdeckung des Eingangs auf die Ankunft Carnarvons aus England warten.

Dabei quälte Carter die ganze Zeit über die Ungewissheit über die tatsächliche Bedeutung seines Fundes. Der zugemauerte Grabzugang trug das Siegel Tutanchamuns, doch es war offensichtlich, dass sich schon in der Antike Räuber Zutritt verschafft hatten: ein Loch in der Mauer war notdürftig geschlossen und von den Aufsehern des thebanischen Grabbezirks versiegelt worden. War das Grab so wie alle anderen Grüfte im Tal der Könige geplündert?

Die Grabungssaison 1922/23 war Carters letzte Chance für eine große Entdeckung. George Herbert Carnarvon war längst ungeduldig geworden und wollte sich nach mehreren Saisonen ohne spektakuläre Funde zurückziehen. Carter reiste nach England, um seinen Mäzen persönlich um eine Fortsetzung des Engagements zu bitten. Schlimmstenfalls, kündigte er an, wolle er auf eigene Kosten weitergraben, Carnarvon als Inhaber der Lizenz jedoch den Ruhm überlassen, sollte er doch noch fündig werden. Auf diese Weise ließ sich der stolze Lord für eine letzte Saison breitschlagen.

Die Entdeckung des Grabes Tutanchamuns bedeutete nicht nur hinsichtlich der Einmaligkeit der gefundenen Schätze einen Meilenstein der Ägyptologie. Nicht zuletzt aufgrund des gewaltigen internationalen Aufsehens, das der Fund verursachte, erwachte in Ägypten ein nationales Bewusstsein für das kulturelle Erbe des Landes. Was bei früheren Ausgrabungen als übliche Vorgangsweise galt, war nun undenkbar geworden: die Aufteilung der Fundstücke.

Forscher und Plünderer

Carnavon verstand sich als Finanzier der Ausgrabung in erster Linie als Sammler, dies war die Grundlage seines Engagements. Sein Vorgänger als Inhaber der Grabungslizenz im Tal der Könige, der amerikanische Millionär Theodore Davis, betrachtete den Königsfriedhof als sein persönliches Eigentum. Großzügig wurde er stets vom Chef der Altertümerverwaltung Gaston Maspero bei der Fundteilung bedacht. Mit der Entdeckung des Tut-Grabes beendete der Staat Ägypten jedoch eine jahrhundertelange Geschichte der kulturellen Ausplünderung.

Nach dem schrittweisen Niedergang der Kultur des pharaonischen Ägypten verschwand, bedingt durch griechische und römische Fremdherrschaft, Christianisierung und Arabisierung und den damit verbundenen Verlust der altägyptischen Sprache, auch das Wissen um die Gräber im Tal der Könige.

Es besuchten zwar immer wieder antike Touristen den Ort, was durch Graffiti (das älteste stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.) an den Grabwänden dokumentiert ist – außerdem lebte eine Zeitlang eine christliche Koptengemeinde im Tal –, doch europäische Reisende kamen erst wieder im 17. und 18. Jahrhundert nach Theben. Mit der Renaissance erwachte auch wieder das Interesse am alten Ägypten. Nach der Expedition Napoleons 1798 begann ein erster Hype: Ägypten war in Mode.

Die Gelehrten kamen, sahen und klauten und unterschieden sich zunächst in ihren Methoden nicht von Grabräubern. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde für diverse Sammler nach Europa verfrachtet. Ein beliebtes Unterhaltungsprogramm auf privaten Festen stellte das Auswickeln von Mumien dar. Trotz aller zerstörerischer Ignoranz leisteten die frühen Gelehrten wichtige Vorarbeiten für das junge Fachgebiet. Der Schlüssel zum Verständnis der untergegangenen Kultur lag jedoch in der Hieroglyphenschrift. Im Jahr 1822 konnte Jean-François Champollion anhand des Steines von Rosette nachweisen, dass die Schrift eine Kombination von Wort-, Silben- und Buchstabenzeichen benutzte.

Mit der Entschlüsselung des antiken "Codes" war die Wissenschaft der Ägyptologie geboren. Doch es dauerte noch hundert Jahre, bis der Staat Ägypten die komplette Kontrolle über die Tätigkeiten der Abenteurer und Gelehrten auf seinem Boden erlangte. (Michael Vosatka/DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2008)

Tickets für die Ausstellung "Tutanchamun und die Welt der Pharaonen" im Wiener Museum für Völkerkunde sind unter tut.khm.at und auch direkt vor Ort bei der Kassa verfügbar.

Für Kurzentschlossene, die die Ausstellung spontan besuchen und die Tickets direkt beim Schalter vor der Ausstellung erwerben möchten, ist in den meisten Fällen nach einer kurzen Wartezeit der Eintritt in die Ausstellung möglich. Aufgrund der hohen Nachfrage ist es jedoch empfehlenswert, die Tickets vorab zu bestellen. Besucher, die Tickets im Vorverkauf erwerben, müssen das gewünschte Datum und die gewünschte Uhrzeit, zu denen sie die Ausstellung besuchen möchten, beim Kauf angeben. Sobald sie die Ausstellung zum gewünschten Zeitpunkt betreten haben, können sie, so lange sie möchten, in der Ausstellung bleiben. Der Kauf eines Tickets für die Ausstellung berechtigt zudem, eine Eintrittskarte in das Kunsthistorische Museum zum halben Preis zu erwerben.
  • Howard Carter (links) mit Lord Carnarvon im Durchgang zur Sargkammer Tutanchamuns
    foto: burton/griffith institute

    Howard Carter (links) mit Lord Carnarvon im Durchgang zur Sargkammer Tutanchamuns

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