Schluss mit dem schulischen "Kleingartenzirkus"

21. April 2008, 12:12
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Expertenkommission des Unterrichtsministeriums fordert einheitliche Rahmenbedingungen für alle Lehrer - Mit Bericht zum Download

Wien - Schulpolitik soll nicht nach irgendwelchen (parteipolitischen) Glaubensfragen ausgerichtet werden, findet Bernd Schilcher. Dennoch gab er am Mittwoch ein "Credo" für die Schule der Zukunft aus: "Jedes Kind hat bestimmte Fähigkeiten, und darin muss es bis an die Grenze seiner individuellen Leistungsfähigkeit gefördert werden", meinte der Vorsitzende der Expertenkommission des Unterrichtsministeriums bei der Präsentation von deren zweitem Zwischenbericht.

Der Schlüssel zum individuellen Schulerfolg seien hochmotivierte, teamfähige Lehrer, und die gebe es auch jetzt. Man müsse nur bessere Rahmenbedingungen schaffen und - ähnlich wie im Gesundheitssystem - die Strukturen weitgehend vereinfachen, schlägt die Expertenkommission vor.

Dazu müsse zuerst die Verwaltung vereinheitlicht werden, denn: "Österreich ist zu klein, um sich diesen Kleingartenzirkus leisten zu können", befand Schilcher. Ein Bundesgesetz soll den Rahmen bilden, der Vollzug müsse Ländersache sein. Außerdem müsse es für die Schulen selbst mehr "Spielraum in der Vollziehung" geben.

Statt derzeit drei Schulerhaltern (Bund, Länder, Gemeinden) soll es künftig nur noch einen geben. Schluss sein soll auch mit dem unterschiedlichen Dienstrecht der Landes- und Bundeslehrer sowie der zweigleisigen Ausbildung an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen.

Geändert werde müsse nicht nur die Auswahl der Lehrer, sondern auch jene der Direktoren. Die derzeit dafür zuständigen und proporzmäßig besetzten Kollegien der Landesschulräte sollen nur noch eine beratende Funktion innehaben. Dem jeweiligen Schuldirektor soll deutlich mehr Personalverantwortung übertragen werden.

Nicht nur organisatorisch, auch im Unterrichtsangebot soll sich nach Wunsch der Experten einiges ändern. Handwerkliche Fähigkeiten der Kinder würden derzeit ebenso vernachlässigt wie das kulturelle Angebot; Naturwissenschaften würden geradezu "stiefmütterlich behandelt", meint Schilcher. Er wünscht sich die "Gleichstellung aller Begabungen" ohne Einteilung in Haupt- und Nebengegenstände. Derzeit würden Schüler vor allem Antworten auf Fragen bekommen, die sie nie gestellt haben. Nicht die Vermittlung ferti- gen "Millionenshow-Wissens" könne das Ziel sein, sondern das Wecken der Neugier.

Gratisvorschule für alle

Auch eine konkrete Maßnahme ist im Zwischenbericht der Kommission festgehalten: Diese fordert ein "Startschuljahr", also ein verpflichtendes kostenfreies Vorschuljahr für alle Kinder mit einheitlichen Standards für die Anbieter. Besonders "schlecht behandelt" würden die rund 300.000 Schüler mit Migrationshintergrund.

Wann all diese Maßnahmen umgesetzt werden sollen, dazu konnte Schilcher freilich keine konkreten Angaben machen - es müsse jedenfalls gleichzeitig passieren. Der Kommissionsvorsitzende ortet eine breite Basis für Reformen in der Schule, etwa bei den Sozialpartnern. Es werde aber auch "immer ein paar Betroffene geben", räumte Schilcher ein.

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) sieht sich durch den Expertenbericht in ihrer bisherigen Arbeit bestätigt. Ihren Wunsch, alle Lehrer in den Bundesdienst zu übernehmen, hatte sie bereits in einem Standard-Interview Ende März geäußert. Viele der Vorschläge ließen sich aber nicht von heute auf morgen realisieren, räumte Schmied ein.

SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser hingegen kritisierte, dass "wenig neu" sei. Er habe sich konkretere Vorschläge für den Bereich der gemeinsamen Schule erwartet. Und für ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer ist das Papier lediglich eine "Zusammenführung bekannter Vorschläge" (Andrea Heigl/DER STANDARD- Printausgabe, 10. April 2008)

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    Lehrer sollen Talente und Fähigkeiten von Kindern entdecken und fördern, wünscht sich die Expertenkommission .

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    AHS- und Hauptschul-Lehrer im Vergleich.

  • Der zweite Zwischenbereicht

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  • Peter Härtel, Mitglied der Expertenkommission und Kommissionsleiter Bernd Schilcher präsentieren den zweiten Zwischenbericht.
    foto: ecker und partner

    Peter Härtel, Mitglied der Expertenkommission und Kommissionsleiter Bernd Schilcher präsentieren den zweiten Zwischenbericht.

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