"Schicht"-Arbeit in den Tiefen Wiens

8. April 2008, 19:38
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Die Wiener Stadtarchäologie sammelt Am Hof Puzzlestücke der Geschichte - Dreieinhalb Meter unter dem Straßenniveau finden sich römische Relikte

"Jede Ausgrabung kann wichtige Anhaltspunkte darüber geben, was wann wie passiert ist." Karin Fischer-Ausserer, Leiterin der Wiener Stadtarchäologie, macht keinen Hehl aus ihrer Leidenschaft für Grabungen jeder Art, mögen sie für den Laien - zumindest auf den ersten Blick - noch so unspektakulär wirken. So wie jene Grabungsstätte in der Fahrzeughalle der alterwürdigen Feuerwehrzentrale Am Hof im ersten Wiener Bezirk. Rund eineinhalb Meter unter dem Straßenniveau hockt eine Handvoll Studenten mit Pinseln und Spachteln am feuchten Boden - und gräbt sich Schicht für Schicht in Tiefen vor, die seit 2000 Jahren kein Mensch gesehen hat.

Von oben nach unten betrachtet, hebt sich zuerst die mittelalterliche Mauer ab, die zum 1562 errichteten Zeughaus gehörte. Darunter befand sich bis zu den Progromen von 1421 der Fleischhof des jüdischen Ghettos, wie unter anderem Knochenfunde belegen. Noch tiefer, in Schichten, die bis dreieinhalb Meter unter dem heutigen Straßenniveau liegen, finden sich Relikte des römischen Legionslagers Vindobona, das zwischen dem ersten und vierten Jahrhundert im Bereich des heutigen ersten Bezirks bestand. "Allein in diesen 300 Jahren hat sich sehr viel verändert", schildert Fischer-Ausserer. "Es gab laufende Bautätigkeit, einen Hangrutsch, die Truppenstärke wurde reduziert."

Jedes Detail wird penibel dokumentiert, um die vorhandenen Pläne zu ergänzen und die Chronologie zu verfeinern. "Eine Scherbe ist genauso ein Schatz wie eine Münze", erklärt die Archäologien. "Alles ist Teil eines Puzzles." Die Funde in anderen Teilen der Feuerwehrzentrale, die nach und nach umgebaut wird, reichen von einer Fabrica (ein römischen Malereibetrieb) bis zum Kopf eines "Schutzheiligen" für Soldaten. In der aktuellen Grabungsstelle stieß man unter anderem auf einen Schildbuckel und einen mit Stempel versehenen Ziegel der zehnten Legion.

Es handelt sich, wie so oft in Wien, um eine Notgrabung hinter Mauern und in Innenhöfen, bei der - im Gegensatz zu einer Forschungsgrabung - die Zeit durch ein Bauvorhaben beschränkt ist. "Die Zusammenarbeit mit der Bauwirtschaft hat sich in den letzten Jahren verbessert", meint Fischer-Ausserer. "Eine Grabung ist vor allem organisatorische Arbeit, nicht nur Abenteuer."

Einen Überblick über die Ausgrabungen der Stadtarchäologie gibt bis 31. Oktober eine Ausstellung in der VHS Meidling. Noch bis 11. Jänner 2009 ist im Wien Museum Hermesvilla die Schau "Steinerne Zeugen. Relikte aus dem alten Wien" zu sehen. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2008)

  • In der Feuerwehrzentrale Am Hof wird derzeit gepinselt und gespachtelt, um neue Details über die Geschichte Wiens zu dokumentieren.
    foto: der standard/christian fischer

    In der Feuerwehrzentrale Am Hof wird derzeit gepinselt und gespachtelt, um neue Details über die Geschichte Wiens zu dokumentieren.

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