"Soft Sciences" in der Dauerkrise

16. April 2008, 14:47
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Um die heimischen Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften ist es nicht gut bestellt, wie nun eine Studie zeigt: Es fehlt an Strategien, Geld und Ansehen

Unter ferner liefen. So in etwa könnte man die Lage der österreichischen Sozialwissenschaften im internationalen Vergleich darstellen. Zumindest wenn es nach einem Ranking geht, das der Wissenschaftsfonds FWF vor kurzem für mehr als 20 Disziplinen in Österreich erstellte (Forschung Spezial berichtete). Auf Basis der Publikationen und Zitationen, die in der Datenbank Web of Science gesammelt werden, schnitten die heimischen Sozialwissenschaften im Disziplinenvergleich besonders schlecht ab.

Für die Geistes- und Kulturwissenschaften liegen keine vergleichbaren Daten vor - weil internationale Vergleiche nach Publikationen in dem Bereich noch schwieriger zu erstellen sind. Ob die internationale Sichtbarkeit der österreichischen Forschung in diesen Bereichen so viel größer ist, darf allerdings angezweifelt werden.

Ab sofort haben die heimischen Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften (GSK) eine gute Ausrede: Eine im Auftrag des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) erstellte Studie über die Struktur der "Soft Sciences" in Österreich, ihre Struktur und ihre Förderung kommt nämlich zu einigermaßen kritischen Befunden.

Zersplitterte Förderung

Von "kurzfristiger und zersplitterter Forschungsförderung für die GSK" ist in der Studie ebenso die Rede wie von "prinzipieller Geringschätzung der GSK in der Öffentlichkeit". Die "kurzfristige und thematisch konservative, gering dotierte Förderpolitik" habe wiederum zur Folge, dass bloß der Pragmatismus des Überlebens gefördert werde. Internationales Renommee sei damit aber nicht zu erreichen, heißt es in der Studie.

Für ihre Untersuchung hat die Politologin Ulrike Kozeluh einerseits die Größenordnung der GSK in Österreich erhoben, andererseits auch qualitative Interviews mit Wissenschaftern aus den betroffenen Bereichen geführt. In beiden Fällen war die strukturelle Fragmentierung ein bestimmendes Thema. Bei der harten Zahlenanalyse zeigte sich, dass es in Österreich immerhin 583 Institute im GSK-Bereich gibt, an denen 7859 Personen (5334 an Uni-Instituten, 2525 außeruniversitär) forschen. Besonders auffällig: die Kleinheit der Institute, zumal im außeruniversitären Bereich (siehe Grafik rechts).

Aber auch auf thematischer und organisatorischer Ebene wurde die Kleinteiligkeit sowie Individualisierung von Exzellenz beklagt - was wiederum Auswirkungen auf die Sichtbarkeit der "Soft Sciences" hat. Während in Ländern wie Deutschland, Großbritannien oder Finnland die GSK durch langfristige, grundlagenorientierte Förderpolitik "ganz selbstverständlich öffentlich präsente Avantgarde der Analyse gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung" seien, kämen sie in Österreich im öffentlichen Diskurs vergleichsweise wenig vor.

Schließlich sei auch die "zwischen Gießkanne und Fokussierung schwankende" Forschungsförderung "zersplittert und wenig zielgerichtet". Die Möglichkeiten der Forschungsförderung für die GSK seien ziemlich ausgereizt, wichtige Akteure wie das Wissenschaftsministerium für Grundlagenforschungsprogramme zu gering und zu kurzfristig dotiert. Der Wissenschaftsfonds FWF sei gegenüber innovativen Forschungsprojekten in der GSK wenig aufgeschlossen.

Pflicht zur Anwendung

Expertise in der GSK-Grundlagenforschung würde aber auch durch die ständige Verpflichtung zur Anwendungsorientierung in der Forschung, die Kurzfristigkeit der Projekte, die fehlende Finanzierung für Publikationstätigkeiten oder die Entkoppelung von Lehre und Forschung an den Unis zulasten der Forschung verhindert.

Die vom RTF gestern im Rahmen des vom Wissenschaftsministerium veranstalteten Forschungsdialogs vorgestellte Studie mündet auch in eine Empfehlung zur Weiterentwicklung der Soft Sciences. Darin werden unter anderem eine "Bündelung und Koordination sämtlicher Fördermaßnahmen" und "langfristig angelegte thematische Schwerpunktsetzungen entsprechend gesellschaftspolitischer Dringlichkeit" gefordert.

Apropos langfristig und dringlich: Bereits 2003 hat der RFT eine ähnliche Empfehlung für die "Soft Sciences" vorgelegt. (APA, tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2008)

  • National und international wenig sichtbar: die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften.
    foto/grafik: uni wien/der standard

    National und international wenig sichtbar: die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften.

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