"Einem Satelliten kann viel passieren"

8. April 2008, 19:13
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Weltraumexperte Jean-François Kaufeler plant und überwacht die Flugbahnen von Satelliten - ein STANDARD-Interview

Kaufeler war vergangene Woche Gast der Cisco Expo. Peter Illetschko sprach mit ihm über den Alltag im Kontrollzentrum, über Weltraummüll und den Traum vom Mars.

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STANDARD: Sie sind "Head of Ground Engineering Department" der European Space Agency. Was genau bedeutet das?

Kaufeler: In meiner Abteilung in Darmstadt, dem Kontrollzentrum der Weltraumagentur ESA, planen und überwachen wir die Flugbahnen von Satelliten - mit mathematischen Modellen. Diese Arbeit beginnt gut fünf Jahre vor Beginn einer Mission.

STANDARD: So aufwändig ist das?

Kaufeler: Wir planen ja eine Fernsteuerung, die mehrere Jahre funktionieren muss, und das ist doch ein wenig komplexer als bei Spielzeugautos. Es gibt ein umfangreiches Handbuch an Kommandos für die Satelliten, das vor Start erstellt wird. Aber auch danach ist die Arbeit noch lange nicht beendet. Dann beginnt die Kontrolle - und da muss auch alles stimmen. Wenn wir eine Antriebsdüse öffnen, um für ein Manöver Schub zu geben, wollen wir keine Überraschungen erleben. Wir müssen wissen, dass Sonnenstürme die Flugobjekte langsamer machen. Wir müssen manche Satelliten wie Envisat auch in die ursprüngliche Umlaufbahn heben, weil er sich laufend senkt und der Erde näher kommt. In allen Modellen wird auch die Gravitation mit einberechnet.

STANDARD: Das heißt?

Kaufeler: Wir führen Fly-by-Manöver durch. Die Satelliten werden relativ nahe an der Erde oder an anderen Planeten vorbeigesteuert, damit sie durch die Gravitation neuen Antrieb erhalten. So kann man letztlich auch Sprit sparen - bei "Rosetta" zum Beispiel, der 2014 laut Plan in die Umlaufbahn des Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko einschwenken soll, um ihn zu erforschen. Es gibt bei Fly-by-Manövern aber erstaunliche kleine Anomalien. Manche Sonden fliegen dadurch weiter, als wir das berechnet hatten. Für die Mission ist das nicht dramatisch. Die Gravitationsforschung aber steht vor einem noch nicht geklärten Phänomen.

STANDARD: Was geschieht, wenn ein gravierender Fehler auftritt, wenn der Satellit möglicherweise stark von berechneten Umlaufbahnen abweicht?

Kaufeler: Dann muss natürlich sofort korrigiert werden. Wir wissen genau, wo der Satellit ist, wenn man sieht, dass sich die Position plötzlich geändert hat, dann ist etwas passiert. Dann gab es vielleicht eine Kollision mit einem winzigen Partikel. Der braucht nur einen Millimeter groß zu sein - und schon ändert sich die Position. Es kann auch sein, dass sich die Batterien schneller leeren als geplant. Dann ist vielleicht ein Kurzschluss schuld.

Es gibt viel, was einem Satelliten passieren kann. Er ist wie ein Kranker in einer Intensivstation, den man ständig beobachten muss. Ich kann Sie aber beruhigen: Die meisten Vorfälle werden vorhergesehen und modelliert - sind daher im Steuerungssystem programmiert. Da gibt es Experten, die die Umlaufbahn rund um die Uhr kontrollieren und wissen, was sie im Notfall zu tun haben. In einigen Fällen müssen sie neue Lösungen finden.

STANDARD: Inwieweit beziehen Sie die Position von Weltraummüll in ihre Berechnungen ein?

Kaufeler: Weltraumschrott ist ein großes Thema geworden. Viele Missionen werden empfindlich gestört dadurch. Wir haben in Europa einige Radaranlagen, die diese Teilchen erfassen, aber wir haben kein umfassendes System und sind da vollkommen von den Amerikanern abhängig, die viele Daten über Weltraummüll sammeln. Die Nasa weiß über die Position des Schrotts weit mehr, erstellt einen Katalog, gibt uns aber leider nicht alle Daten weiter. 20 Prozent bleiben geheim.

STANDARD: Warum denn das?

Kaufeler: Es geht ihnen um Informationsvorsprung. Aber gerade bei so einem wirklich alle betreffenden Problem wäre Kooperation wichtig. Wir haben ja auch Daten und würden wir die Datensätze zusammenfügen, die sicher nicht 100-prozentig identisch sind, kämen wir vielleicht auf einen weit besseren Informationsstand über Weltraummüll. Beim Navigationssystem haben wir die Amerikaner letztlich auch von einer Zusammenarbeit überzeugen können. Sie fürchteten Galileo, weil ihre Vormachtstellung durch GPS in Gefahr geriet. Jetzt wissen sie, dass sie auf unser System zurückgreifen können, wenn ihre Satelliten ausfallen. Die Systeme sind kompatibel.

STANDARD: Funktioniert die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene denn schon so, wie sie soll?

Kaufeler: Nein, es gibt noch viel zu tun. Manche nationalen Raumfahrt-stationen wie die der Franzosen oder der Deutschen gehen noch allzu oft ihre eigenen Wege und sehen in der Zusammenarbeit eher einen Nachteil als einen Vorteil, eine Aufgabe ihrer Identität. Gerade beim Aufspüren von Weltraumschrott bräuchten wir eine umfassende Kooperation. Auch bei der Satellitenentwicklung wäre mehr Zusammenarbeit wünschenswert. Natürlich sind die großen Firmen, die hier an der Technologieentwicklung arbeiten, darauf bedacht, ihr Wissen nicht weiterzugeben. In der ESA will man das ein wenig ändern. Wir verlangen Standards. Es gibt nicht mehr Lösungen, die miteinander konkurrieren. Es gibt Standardisierungen, an die sich alle Lösungen anpassen müssen.

STANDARD: Ihr Plädoyer für mehr Zusammenarbeit klingt wie ein Widerspruch zum Wettlauf um die Eroberung des Weltalls - derzeit mit dem großen Ziel Mars.

Kaufeler: Da sehe ich keinen Widerspruch. Wir befinden uns in einer Wettbewerbsphase. Jeder will sich positionieren, um zu zeigen, dass er partnerschaftsfähig ist - weil jeder weiß, dass er die nächste Reise nicht allein schaffen kann. Die Chinesen zum Beispiel zeigen gerade: Wir sind fähig, Raketen und Satelliten zu bauen. Sie wissen aber auch: Wenn sie zum Mars fliegen wollen, brauchen sie auch die Infrastruktur der Europäer und der Amerikaner.

Der Marsflug in 25-30 Jahren wird aus heutiger Sicht eine Kooperation sein müssen. Für eine Weltraumnation allein ist dieses Abenteuer einfach zu aufwändig - auch finanziell. Wer dann tatsächlich der erste Mensch auf dem Mars sein wird - ich weiß es nicht. Mr. Universe? Vielleicht wird es ja ein Chinese sein. Statistisch gesehen, sind die Chancen dafür sehr groß. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2008)

Zur Person
Jean-François Kaufeler wurde 1946 in Bregenz geboren. Er absolvierte die L'École Supérieure d'Électricité (Paris) und ist seit 1974 im Kontrollzentrum der European Space Agency (ESA) in Darmstadt (Esoc) beschäftigt.

Er designt Mission-Control-Systeme. Der IT-Experte Kaufeler ist mit einer Österreicherin verheiratet, hat vier Kinder und ist leidenschaftlicher Hobbyflieger. Ins Weltall treibt es ihn nicht. (pi)
  • ESA-Mann Jean-François Kaufeler modelliert die Flugbahnen von Satelliten - und kontrolliert nach dem Start, ob die berechneten Wege auch wirklich geflogen werden.
    foto: der standard/fuchs

    ESA-Mann Jean-François Kaufeler modelliert die Flugbahnen von Satelliten - und kontrolliert nach dem Start, ob die berechneten Wege auch wirklich geflogen werden.

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