Offenheit und Strenge

16. April 2008, 11:04
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Ein Gespräch mit Komponist Thomas Pernes aus Anlass der Uraufführung seines Werkes "Aus der Fremde", eines Musiktheaters nach einer "Sprechoper" von Ernst Jandl

Wien - "Komponieren ist die einsamste Tätigkeit, die man sich vorstellen kann. Man sitzt da mit wahnsinnigen Ideen, die man aufs Papier bringen muss." Wenn Thomas Pernes solches ausspricht, klingt es weder nach Selbstmitleid noch nach Ungemach. Eher so, wie wenn jemand die Aporien seines Tuns durchschaut hat und ihnen mit einer gewissen Gelassenheit gegenübersteht.

Vielleicht liegt das innere Gleichgewicht, das er ausstrahlt, auch daran, dass Pernes die Einsamkeit seiner Profession kompensieren konnte. Etwa, indem er vor Jahrzehnten zum Arbeiten täglich das Café Museum aufsuchte, um dort von früh bis spät zu komponieren und sich mit Freunden zu treffen. Darunter war auch Wolfgang Bauer, für den er Theatermusik schrieb.

Damit ist bereits der wichtigere Aspekt seiner Kontaktfreudigkeit angesprochen: Pernes hat immer wieder die Nähe von Dichtern gesucht, wobei Freundschaften und Projekte Hand in Hand gingen. Vor allem war da Friederike Mayröcker, die Pernes seit seiner Kindheit kennt. Bald hatte er alles von ihr gelesen, wie er mit leuchtenden Augen erzählt, vor allem, wenn die Rede auf den Beginn der Zusammenarbeit kommt.

"Was ich machen wollte, war eine neue, offene Form des Sprechmusiktheaters. Ihre Texte haben ideal dazugepasst, weil sie nie eindeutig sind, sondern humane Zustände und die Vielschichtigkeit des Bewusstseins beschreiben." So entstand das Klangtheater, das Ende der 80er-Jahre bei den Festwochen uraufgeführt wurde. Anstelle einer von A bis Z erzählten Geschichte ging es hier um die Schilderung von Zustands- und Atmosphärenschilderung. Und anstelle des Gesanges dominierte gesprochener Text, der als mitkomponierte Schicht in die Musik einfloss.

Text von Jandl

"Die Verwendung von Sprechstimmen im Musiktheater hat mich nicht mehr losgelassen." Auch seine neueste Komposition, die nun vom Ensemble Kontrapunkte und Dirigent Peter Keuschnig im Musikverein uraufgeführt wurde, setzt diesen Weg fort. Die Vorlage fand Pernes bei Mayröckers "Lebensmenschen" Ernst Jandl. Dessen aus dem Alltag des Künstlerpaares gegriffene Schilderung eines Abends, eines Tages und des darauffolgenden Abends Aus der Fremde ist, wie es im Text selbst heißt, eine "Chronik der laufenden Ereignislosigkeit" (!) und zugleich viel mehr.

Schon bei Jandl geht es, neben den banalen Verrichtungen, um Existenzielles, um Fragen der Kunst und um die Liebe. Die konzertante Aufführung war dank der Schauspieler Helga Illich, Klaus Fischer und Helmut Wiesner suggestiv, ließ aber auch erahnen, wie sehr sich das Stück für eine szenische Umsetzung eignen würde. Pernes Musik schafft nämlich einen Raum, in dem sich die Szenen entfalten können, und führt aus, was der Text bloß andeutet:

"Aus der Fremde ist eigentlich meine Tristan-Musik, wie bei Wagner eine Kultivierung einer Liebesgeschichte." Tatsächlich vermitteln die Klänge einen bekenntnishaften Ton und eine Expressivität, die zwischen Wagners Liebesdrama und Alban Bergs Lyrischer Suite ihren Ausgangspunkt zu nehmen scheinen. Dies spiegelt wohl eine Erweiterung des Stilspektrums wider, die für Pernes zuletzt prägend war: durch die Auseinandersetzung mit den "alten Meistern", wie er Wagner, Schubert und Mozart nennt, auf die sich Eine Winterreise und die Zauberflöte 06 bezogen. "Die Auseinandersetzung mit Tradition ist wichtig. Das ist wie, wenn man Anlauf nimmt und vorher eine 180-Grad-Drehung macht. Dann wird man regelrecht nach vorn katapultiert."

Eine stilistische Öffnung hatte Pernes schon vorher vollzogen, indem er Volksmusik oder Jazz anklingen ließ. Zuvor erlebte er die Speerspitze der Moderne als prägend: "Ligeti, Boulez, Stockhausen - die faszinierten mich. Und natürlich Roman Haubenstock-Ramati, mein Lehrer. Er war ein offener Geist, der Offenheit mit Strenge verbunden hat. Genau das ist es, darauf kommt es auch mir immer an." (Daniel Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 4. 2008)

2. 6., 23.05, Ö1
  • Thomas Pernes: "Komponieren ist die einsamste Tätigkeit, die man sich vorstellen kann. Man sitzt allein da mit wahnsinnigen Ideen, die man aufs Papier bringen muss."
    foto: urban

    Thomas Pernes: "Komponieren ist die einsamste Tätigkeit, die man sich vorstellen kann. Man sitzt allein da mit wahnsinnigen Ideen, die man aufs Papier bringen muss."

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