Pflicht zu scharfen Selbstkontrollen

8. April 2008, 19:08
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Das "URÄG 2008" zwingt Unternehmen zur Offenlegung ihrer Systeme zur Risikokontrolle

Ex-Justizministerin Karin Gastinger und andere Experten erwarten sich vom neuen Gesetz einen Wandel der Managementkulturen.

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Das Gesetz mit dem sperrigen Namen Unternehmensrechts-Änderungsgesetz 2008 (URÄG), das morgen, Donnerstag, in den Nationalrat eingebracht wird, dürfte für hunderte österreichische Unternehmen große Änderungen im Management bringen – und nur die wenigsten von ihnen sind sich dessen bewusst.

Denn mit der Umsetzung der Abschlussprüferrichtlinie und Änderungsrichtlinie der EU von 2006 werden nicht nur die Anforderungen an den Jahresabschluss von börsennotierten Gesellschaften sowie größeren Genossenschaften deutlich erhöht. Auch die Unternehmen selbst werden gezwungen, die eigenen Kontrollsysteme für finanzielle Risiken auf neue Beine zu stellen. Die Richtlinien sind Europas Antwort auf den amerikanischen Sarbanes-Oxley-Act (SOX), mit dem der US-Kongress 2002 auf die Bilanzskandale à la Enron reagierte, und sie werden locker "EuroSOX" genannt. Die Auflagen sind viel weniger hart und flexibler als jene in den USA, wo Unternehmen immer noch unter den hohen Kosten der gesetzlich geforderten Kontrollen klagen. Aber auch die EU-Variante wird Unternehmen zu einer Reorganisation ihrer Berichtsprozesse zwingen, meint die ehemalige Justizministerin Karin Gastinger, nun Partnerin bei der Managementberatungsfirma Beyond Consulting.

In Zukunft müssten sich der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates und der Abschlussprüfer vergewissern, dass die internen Kontrollsysteme den Anforderungen des Unternehmens entsprechen, betont Gastinger im STANDARD-Gespräch. Dies aber gehe nur, wenn die einzelnen Schritte einer internen Kostenkontrolle – die Finanzberichterstattung, die Überprüfung der signifikanten Konten, die Einschätzung möglicher Risiken, die Festlegung der Verantwortlichkeiten und die Überprüfung all dieser Maßnahmen – Schritt für Schritt dokumentiert werden.

Risikomanagement

Mit dieser Pflicht werde nicht nur die Transparenz der internen Prozesse erhöht, sondern auch das Risikobewusstsein innerhalb der Unternehmen, ist Gastinger überzeugt. "Das URÄG ist das erste Gesetz, das nicht Banken und Versicherungen betrifft, wo das Wort Risikomanagement vorkommt", sagt sie. "Bisher wurde alles einzelnen Menschen überlassen, und da hat es oft gemenschelt. In Zukunft muss es durch ein klares System unterlegt werden. Und dann lässt sich im Krisenfall viel leichter gegensteuern."

Gastinger glaubt, dass das URÄG in vielen Unternehmen den Finanzvorstand oder CFO gegenüber dem Unternehmenschef stärken wird. "Ein CEO hat oft wenig Interesse an Kontrollen, denn diese sind betriebswirtschaftliche Knochenarbeit und er denkt viel lieber ans Expandieren. Aber ein Unternehmen braucht auch Erbsenzähler. In Zukunft wird der CFO nicht nur auf die Zahlen schauen, sondern auch in die Bewertung der unternehmerischen Risiken einbezogen werden müssen." Denn ein internes Kontrollsystem (IKS) ohne ein funktionierendes Enterprise Risk Management (ERM) werde niemals seinen wahren Zweck erfüllen, glaubt Gastinger.

Kriminelle Energie von Mitarbeitern und vom Top-Management angeordnete Vertuschung könne auch das URÄG nicht verhindern, aber die geforderte Dokumentation aller Abläufe mache es im Nachhinein leicht festzustellen, was schiefgelaufen sei, betont die Ex-Ministerin.

"Latte noch höher gelegt"

Martin Goworek, Chef der "Business Risk Services" der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, glaubt, dass der zukünftige Aufwand von den meisten Unternehmen unterschätzt wird. Schon jetzt würden die meisten Mittelständer die Anforderungen an Kontrollsysteme nicht erfüllen, in Zukunft werde viel mehr verlangt. "Mit dem URÄG wird eine Lücke geschlossen, die es schon gibt", sagt Goworek. "Jetzt wird die Latte noch weiter angehoben: Du musst jetzt deine Hausaufgaben machen und für die internen Prozesse eine saubere Dokumentation vorlegen. Aber diese Botschaft ist bei österreichischen Unternehmen noch nicht angelangt."

Nicht nur die im Gesetz erwähnten Gesellschaften, auch andere Unternehmen würden unter Druck kommen, mehr Transparenz zu zeigen, sagt Goworek voraus. "Wenn es der Abschlussprüfer nicht verlangt, dann werden es die Geschäftspartner verlangen."

Steigen werde auch die Nachfragen nach einer unabhängigen internen Revision, obwohl diese im URÄG nur am Rande erwähnt wird, glaubt Goworek. "Wenn ich als Vorstand nach außen hin dokumentieren muss, dass ich in puncto Risikomanagement gut aufgestellt bin, dann komme ich an einer internen Revision nicht vorbei. Bisher war der Revisor eine Optimierung, jetzt braucht man ihm zur Sicherstellung eines Standards, den das Gesetz verlangt." (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.4.2008)

Wissen: Das URÄG soll Vertrauen stärken

Nach dem Bilanzskandal rund um die Parmalat wuchs der Druck in der EU, nach dem US-Vorbild des Sarbanes-Oxley-Acts die Rolle des Abschlussprüfers und des Aufsichtsrates zu stärken. Die EU-Richtlinien 2006/43/EG (8. Abschlussprüfer-RL) und 2006/46/EG (Änderungs-RL) wurden 2006 verabschiedet und müssen bis zum Sommer umgesetzt werden.
In Österreich tritt das Unternehmensrechts-Änderungsgesetz (URÄG 2008) zum 1. Juni in Kraft und gilt für Geschäftsjahre, die nach dem 31. 12. 2008 beginnen. Es gilt für kapitalmarktorientierte Gesellschaften, große Genossenschaften und Unternehmen im öffentlichen Interesse. Die Hauptpunkte zur Stärkung des Vertrauens in Unternehmensbilanzen sind verschärfte Pflichten für Abschlussprüfer, eine Ausweitung der Aufgaben des Prüfungsausschusses im Aufsichtsrat und eine jährliche Erklärung des Unternehmens zu seiner Corporate Governance. (ef)
  • Martin Goworek (Ernst & Young): "Aufwand wird unterschätzt."
    foto: standard/corn

    Martin Goworek (Ernst & Young): "Aufwand wird unterschätzt."

  • Ex-Justizministerin und Managementberaterin Karin Gastinger rechnet im STANDARD-Gespräch mit einer Stärkung der für Kostenkontrolle verantwortlichen Finanzvorstände gegenüber ihren Unternehmenschefs.
    foto: standard/urban

    Ex-Justizministerin und Managementberaterin Karin Gastinger rechnet im STANDARD-Gespräch mit einer Stärkung der für Kostenkontrolle verantwortlichen Finanzvorstände gegenüber ihren Unternehmenschefs.

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