Servitengasse: 426 Schlüssel gegen das Vergessen

8. April 2008, 21:13
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Ein Mahnmal erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus - Die dortigen Bewohner hatten sich auf Spurensuche begeben - Bei Charles Kurt nahm alles seinen Anfang

Schlüssel, 426 an der Zahl, erinnern an die jüdischen Bewohner der Servitengasse in Wien-Alsergrund, die 1938 aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Auf Schildern an den Schlüsseln stehen die Namen der Menschen, die in der Straße gelebt hatten. Die Schlüssel befinden sich in einer Glasvitrine, die im Boden an der Ecke Servitengasse/Grünentorgasse eingelassen wurde. Am Dienstag wurde das von der jungen Künstlerin Julia Schulz entworfene Denkmal enthüllt.

Ohne die jetzigen Bewohner der Häuser hätte das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus so wohl nicht stattgefunden. Denn die Menschen aus der Servitengasse haben vor vier Jahren begonnen, den Geschichten und Schicksalen der ehemaligen Mieter, Geschäfts- und Hausbesitzer nachzuspüren.

Einer der Namen auf den Namensschildern ist Paul Goldschmidt. Goldschmidt war der Vater von Charles Kurt, der am Dienstag zur Enthüllung des Denkmals kam. Er wohnte in der Servitengasse 6. Kurt, dessen Eltern geschieden waren und der den Namen seines Stiefvaters annahm, war 1938 erst zwölf Jahre alt, als er aus der Schule (Schopenhauer-Gymnasium) geschmissen wurde, weil er Jude war.

Von Wien nach Houston

Kurz darauf brach die Familie auseinander. Kurts Vater wurde in das Konzentrationslager in Lemberg (Polen) gebracht, 1941 verlor sich jede Spur von ihm. Alles, was Charles Kurt heute noch von ihm hat, sind Briefe und eine im Jahr 2004 erkämpfte Abfertigung von der Creditanstalt, die seinem_Vater nach dessen Kündigung zugestanden hätte.

Seine Mutter wurde 1938 grundlos inhaftiert und verbrachte vier Monate im Gefängnis. 1939 kam Kurt in einem Kindertransport nach Brüssel und von dort nach New York. Seine Mutter flüchtete nach London und fuhr ohne ihren Sohn in die USA. In Houston, Texas, kamen Mutter und Sohn, der seinen Vornamen Carl Heinz in Charles änderte, ein Jahr später wieder zusammen. Bei Charles Kurt (Jahrgang 1926), beziehungsweise dessen Vater, hat die Suche nach den ehemaligen Servitengassenbewohnern ihren Anfang genommen. Barbara Kintaert brachte den Stein ins Rollen. Sie wohnt in der Wohnung, in der Paul Goldschmidt einst lebte.

Im Zuge einer anderen Recherche hatte sie herausgefunden, dass nach dem Krieg nur noch die Hälfte der Bewohner von davor im Haus lebte. Sie bohrte tiefer und fand 2004 Charles Kurt. Kurt schildert die erste Begegnung: „Als ich das Knarzen des Parketts hörte, fühlte ich mich an früher erinnert. Es kam alles hoch.“ Von der jungen Generation in Österreich hat er ein gutes Bild: „Sie haben viel gegen das Vergessen unternommen“. Die Restitutionspolitik hingegen sei eine Schande, sagt er.

Von den 426 Menschen haben 377 in der Servitengasse gelebt, 85 hatten Geschäfte in der Gasse. 133 kamen in Konzentrationslagern ums Leben, fünf überlebten das KZ. (Marijana Miljkoviæ, DER STANDARD; Printausgabe, 9.4.2008)

  • Charles Kurt, 1926 geboren, lebte einst in der Servitengasse.
    f.: standard/hendrich

    Charles Kurt, 1926 geboren, lebte einst in der Servitengasse.

  • 426 Schlüssel stehen für 426 Menschen, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Das Mahnmal wurde am Dienstag enthüllt.
    foto: standard/newald

    426 Schlüssel stehen für 426 Menschen, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Das Mahnmal wurde am Dienstag enthüllt.

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